Afghanistan Terror-Helfer präsentieren Video von Bundeswehr-Attentäter

Der 7. Juni 2003 war ein schwarzer Tag für die Bundeswehr: Vier ihrer Soldaten starben, als ein Selbstmordattentäter in Kabul einen Isaf-Bus angriff. Jetzt zeigt ein Video aus dem Umfeld von al-Qaida Bilder des angeblichen Mörders.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der mutmaßliche Mörder trägt ein weißes Hemd, eine dunkle Weste und einen weißen Turban. Vor ihm liegt auf einem Tischchen ein Gewehr. Mit monotoner Stimme liest er aus seiner Abschiedsbotschaft vor: "Dies ist mein Vermächtnis, verfasst im Land der Ehre, geschrieben mit dem Blut der Märtyrer."

Video-Ausschnitt: Dieser Mann soll Abd al-Ilah Musa alias Abd al-Rahman al-Nadschdi sein und den Anschlag auf den Bundeswehrbus im Juni 2003 verübt haben

Video-Ausschnitt: Dieser Mann soll Abd al-Ilah Musa alias Abd al-Rahman al-Nadschdi sein und den Anschlag auf den Bundeswehrbus im Juni 2003 verübt haben

Die Aufnahme ist nicht datiert. Aber der Sprecher, der zwischen den Lesepassagen das Bildmaterial kommentiert, lässt keinen Zweifel daran, um wen es sich handelt und was es mit dem Vermächtnis auf sich hat: Abd al-Ilah Musa heiße der Mann, genannt "Abd ar-Rahman al-Nadschdi". Er sei "von gesundem Körper", "beliebt bei seinen Brüdern" und "Bürger der Stadt Dschidda" in Saudi-Arabien gewesen. Und auch wie Musa ums Leben gekommen sein soll, wird mitgeteilt: Seine Seele sei "an den höchsten Ort eingegangen", nachdem er einen "Bus der deutschen Soldaten" attackiert habe.

Wenn diese Angaben korrekt sind, dann handelt es sich bei Abd al-Ilah Musa mit großer Wahrscheinlichkeit um jenen Mann, der am 7. Juni 2003 in Kabul einen Bus mit Soldaten der Friedenstruppe Isaf angegriffen hat. Vier Bundeswehrsoldaten kamen bei dem Anschlag ums Leben - es waren die ersten deutschen Soldaten, die in Afghanistan nicht durch einen Unfall, sondern durch einen Angriff getötet wurden.

Bislang hatte der Attentäter für die breite Öffentlichkeit weder einen Namen noch ein Gesicht - jetzt haben sich die PR-Strategen aus dem Umfeld des Terrornetzwerks al-Qaida offenbar entschlossen, das Rätsel zu lüften und den Mörder für ihre Zwecke einzuspannen.

Interviews mit Kampfgefährten

Denn die geschilderte Szene stammt aus einem insgesamt 40 Minuten langen Propagandavideo der Qaida-nahen Produktionsfirma "al-Sahab", die auch fast alle Ansprachen von Osama Bin Laden und seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri herstellt. Es trägt den Titel "Wind des Paradieses, Teil 1" und liegt SPIEGEL ONLINE vor. In dem Video werden insgesamt sieben "Märtyrer" verherrlicht, die in Afghanistan ums Leben kamen - entweder als Kämpfer in der Schlacht, oder, wie Musa, als Selbstmordattentäter.

Das Video ist außerordentlich aufwendig produziert. Es enthält reichlich Filmmaterial von den Terroristen, aber auch Interviews mit ihren Kampfgefährten und Details aus ihren Lebensläufen. Unter anderem tauchen Mudschahidin aus Tadschikistan, Pakistan, Afghanistan und eben Saudi-Arabien auf. Die Terroristen-Dokumentation verfolgt offenkundig den Zweck, Zuschauer zu radikalisieren und für den militanten Dschihad zu begeistern. Immer wieder zeigen die Filmemacher, dass die Gotteskrieger in eingeschworenen Gemeinschaften leben, wie sie gemeinsam essen, beten und trainieren. Kampfgesänge und Videoanimationen sollen die suggestive Wirkung noch verstärken.

Links zu dem Video wurden bereits Mitte Juli auf einigen dschihadistischen Internetseiten angeboten. Aber weil derzeit viele dieser Seiten wegen einer Kampagne von Internetaktivisten inaktiv sind, verbreitet sich die Veröffentlichung erst allmählich in den Sympathisantenzirkeln. Mittlerweile hat sie allerdings sogar schon ihren Weg ins Videoportal "Youtube" gefunden.

Deutschen Sicherheitsbehörden ist das Video ebenfalls bekannt. Auch hier vermutet man, dass die darin enthaltenen Aussagen über Musa sich auf das Attentat vom Juni 2003 beziehen.

Ausbildung im Camp "al-Faruk"

Dem Video ist weiter zu entnehmen, dass Musa aus Dschidda in Saudi-Arabien stammt. Stets habe er das Ziel gehabt, "die Ungläubigen von der Arabischen Halbinsel zu vertreiben", berichtet die Erzählstimme. Trotzdem habe ihn sein Weg zunächst nach Afghanistan geführt, wo er in dem Militärlager "al-Faruk" eine Ausbildung durchlaufen habe. "Danach ging er nach Kabul", erklärt der Sprecher weiter. Als nach dem 11. September 2001 "die Schlacht" begann, also die US-geführte Invasion Afghanistans, habe Musa an der Front mitgekämpft.

Er habe außerdem an mehreren "Operationen" teilgenommen und als einer der ersten mit seiner Kämpfergruppe US-Waffen erbeutet - so wie er schließlich auch einer der ersten Selbstmordattentäter nach Beginn des Afghanistankrieges geworden sei.

Über die Hintermänner des Anschlags finden sich in dem Video keinerlei Informationen. Nach dem Anschlag im Juni 2003 vermuteten deutsche Behörden und Politiker die Taliban, al-Qaida oder den Milizenchef Hekmatjar als Drahtzieher, ohne dass je eine eindeutige Antwort gefunden worden wäre. Dass die Qaida-nahe Firma "al-Sahab" ihre Hände im Spiel hat, ist nicht unbedingt ein Indiz, dass auch al-Qaida hinter dem Anschlag steckt. "Al-Sahab" berichtet immer wieder auch über militante Gruppen, die nicht offiziell zu al-Qaida gehören und interviewt deren Führer.



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