Kampf um Kunduz US-Luftangriff trifft Krankenhaus - mehrere Tote

Bei Angriffen auf Taliban in Kunduz ist das letzte funktionierende Krankenhaus der Stadt getroffen worden. Drei Menschen starben, 30 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen werden vermisst. Das US-Militär übernahm die Verantwortung für den Luftschlag.

Von und Shoib Najafizada, Kabul


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Seit Tagen hilft die US-Armee dem afghanischen Militär mit Kampfjets bei der Vertreibung der Taliban aus Kunduz. Bei einem Luftschlag in der Nacht wurde nun das letzte funktionierende Hospital der Stadt getroffen, ein Krankenhaus der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Ersten Angaben zufolge gab es mehrere Todesopfer.

Ein Sprecher der US-Armee in Afghanistan bestätigte SPIEGEL ONLINE am Morgen in Kabul, dass man gegen 2.15 Uhr Ortszeit mit Bomben auf "Individuen, die eine Gefahr für die Streitkräfte darstellten", gefeuert habe. Dabei "könnte es zu zivilen Opfern im nahe gelegenen Krankenhaus gekommen sein". Der Vorfall werde untersucht.

Ärzte ohne Grenzen teilte mit, bei mehreren Bombenangriffen auf das Krankenhaus - faktisch die letzte funktionierende medizinische Einrichtung im seit Tagen umkämpften Kunduz - seien mindestens drei Menschen getötet und viele verletzt worden. Die Zahl der Todesopfer wird vermutlich noch steigen, laut der Organisation werden noch 30 Mitarbeiter vermisst. Bei den Angriffen in der Nacht sei das Krankenhaus teilweise zerstört worden.

Mehrere Bilder, die Ärzte ohne Grenzen per Twitter verbreitete, zeigten das Ausmaß der Zerstörung. Offenbar war der Flachbau nach dem Einschlag der Bomben völlig ausgebrannt. "Wir suchen noch nach Überlebenden, aber wir haben wenig Hoffnung", sagte ein Bewohner von Kunduz, der am Morgen am Ort des Geschehens war.

Tweet von Ärzte ohne Grenzen
"Wir sind schockiert von der Attacke, dem Tod unserer Mitarbeiter und von Patienten", sagte Bart Janssens von Ärzte ohne Grenzen in einer ersten Stellungnahme. Er forderte alle Parteien in dem Kampf um Kunduz auf, die Sicherheit der medizinischen Einrichtung und der Mitarbeiter zu respektieren.

Seit dem überraschenden Taliban-Angriff Anfang der Woche sind nach Angaben der Organisation in der Klinik 394 Verletzte behandelt worden. Seit Jahren arbeitet Ärzte ohne Grenzen in vielen Krisengebieten rund um den Globus, dabei legen die Ärzte Wert darauf, dass sie alle Beteiligten eines Konflikts medizinisch behandeln, selbst allerdings neutral bleiben.

Laut Janssens wurden zur Zeit des Angriffs rund 130 durch die Kämpfe in der Stadt verletzte Patienten behandelt. Die Klinik wird ausschließlich aus Spenden finanziert und behandelt jeden - unabhängig von Herkunft oder Religion.

Heftige Kämpfe in der Stadt

Einer der Ärzte der Organisation schilderte Journalisten vor Ort, dass der Operationssaal, die Notaufnahme und andere Teile des Krankenhauses bei dem Bombardement getroffen wurden. "Ich konnte mich retten, aber die meisten Ärzte, Helfer und die Patienten werden noch vermisst", sagte Adil Akbar.

Die US-Armee beteiligt sich seit Tagen an dem Versuch afghanischer Sicherheitskräfte, die Taliban aus Kunduz zu vertreiben. Die Islamisten hatten die nordafghanische Provinzmetropole, in der bis vor gut einem Jahr die Bundeswehr stationiert war, am Montag mit rund 700 Kämpfern unter ihre Kontrolle gebracht. Seit Mittwoch müht sich die afghanische Armee mit einer Rückeroberung, dabei werden sie durch US-Luftschläge und Spezialkräfte der Amerikaner massiv unterstützt.

Trotz der Erfolgsmeldungen der Afghanen gelang die Vertreibung der Taliban bisher nicht, Einwohner berichteten auch am Freitagabend noch von heftigen Kämpfen in der Stadt. Die Taliban hatten sich zwar teilweise zurückgezogen, kleine Gruppen aber verschanzten sich in Wohnhäusern und griffen von dort die afghanische Armee an. Immer wieder musste die US-Armee die Taliban mit Luftangriffen zurückschlagen.

Taliban nutzen Angriff für ihre Propaganda

Nach offiziellen Aussagen hatte es bis zu dem Angriff nahe dem Krankenhaus mindestens elf Luftangriffe gegeben, Einwohner berichteten jedoch von weit mehr Einsätzen von Kampfjets. Kommandeure der afghanischen Sicherheitskräfte sagten SPIEGEL ONLINE am Freitag, sie würden den Amerikanern die Koordinaten für Luftschläge mitteilen.

Für die US-Armee wäre ein solcher Fehlschlag ein gravierender Vorgang. Das Hospital von Ärzte ohne Grenzen ist den westlichen Sicherheitskräften seit Jahren bekannt. Die US-Armee betont stets, dass sie bei der Planung von Luftangriffen äußerst penibel prüft, ob die Zivilbevölkerung gefährdet sein könnte.

Die Taliban nutzten den Angriff umgehend für ihre Propaganda. "Die Amerikaner haben ein ziviles Hospital angegriffen und viele Ärzte und Patienten getötet", schrieb ihr Sprecher Zabiullah Mujahid in einer Mitteilung für Journalisten. "Keiner unserer Kämpfer wurde dort behandelt, und trotzdem haben sie es attackiert." Offenbar hätten afghanische Offiziere den Amerikanern falsche Koordinaten für den Angriff geliefert.

Die USA hatten wie die Bundeswehr Ende 2014 ihren Kampfeinsatz in Afghanistan offiziell beendet, seitdem beraten die ausländischen Soldaten der Nato die afghanische Armee. Die Taliban kämpfen gegen die Regierung in Kabul, seit sie vor fast 14 Jahren durch einen US-geführten Militäreinsatz entmachtet wurden.


Zusammengefasst: Die Taliban sind noch immer nicht vertrieben aus Kunduz. Bei einem Luftangriff hat das US-Militär nun offenbar ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen getroffen. "Wir sind schockiert von der Attacke, dem Tod unserer Mitarbeiter und von Patienten", sagt Bart Janssens von der Hilfsorganisation. Mindestens drei Menschen wurden getötet.

mit Material von Reuters und dpa



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