Afghanistan US-Marines bauen Brückenkopf bei Kandahar

US-Transportflieger setzten in raschem Tempo weitere Marine-Infanteristen in Afghanistan ab. Die Elitetruppen bauen einen Brückenkopf nahe der letzten Taliban-Hochburg Kandahar auf. Nach Angaben der Nordallianz sind dort der Terroristen-Führer Osama Bin Laden und Taliban-Chef Mullah Omar eingekesselt.


US-Elitesoldaten vor dem Abflug: Vom Arabischen Meer zur letzten Hochburg der Taliban
REUTERS

US-Elitesoldaten vor dem Abflug: Vom Arabischen Meer zur letzten Hochburg der Taliban

Kandahar - "Wir sind gelandet und halten nun ein eigenes Gebiet in Südafghanistan", teilte US-General James Mattis an Bord des US-Kriegsschiffes "Peleliu" im Arabischen Meer mit. Die Amerikaner haben damit ihren ersten Brückenkopf in Südafghanistan gebildet.

Bisher sind mehrere hundert Marineinfateristen mit Hubschraubern ins Umland Kandahars gebracht worden, wo sie ein Flugfeld besetzten. Unter dem Codenamen "Schneller Frieden" baue die Armee Bodentruppen auf und werde über die neue Basis mehr Soldaten in das Land schicken, sagte der US-General.

Angaben von Offizieren zufolge wurden am Montag weitere Soldaten und Ausrüstung auf die neue Basis verlegt. Sie machten keine Angaben zur Zahl der Soldaten, sagten aber, es werde sich um eine "gewaltige Einheit" handeln. Innerhalb kurzer Zeit werde man mehr als 1000 Soldaten im Hinterhof der Taliban stationiert haben, sagte Oberst Peter Miller.

Besetztes Flugfeld offenbar von al-Qaida genutzt

Das Flugfeld war in der Nacht kampflos von den US-Soldaten eingenommen worden und liegt nach US-Angaben etwa 20 Kilometer südöstlich der Stadt. Afghanen in der Region sagten hingegen, es handele sich um das Rollfeld Dolangi, das rund 90 Kilometer südwestlich Kandahars liege. Das Flugfeld habe Bin Laden bauen lassen. Später sei es von seiner Gruppe al-Qaida genutzt worden. Auch der Hubschrauber von Taliban-Chef Omar sei dort noch vor wenigen Tagen gesichtet worden.

US-Kampfflugzeuge bombardierten Augenzeugen zufolge bei Kandahar stundenlang Stellungen der Taliban-Kämpfer. Die intensiven Angriffe hätten bis zum späteren Vormittag gedauert, sagte ein Augenzeuge. Die US-Armee habe auch Kampfhubschrauber eingesetzt. Angriffsziele waren den Angaben zufolge Lastwagen, die mit Waffen und Raketenwerfern ausgerüstet waren, sowie Gebäude mit öffentlichen oder Taliban-Einrichtungen, darunter auch eine islamische Schule.

Nordallianz will keine eigenen Truppen schicken

Mit der Präsenz der US-Truppen am Boden sei der Druck auf die Stadt erheblich gewachsen, und es sei davon auszugehen, dass auch die letzte Bastion der Taliban fallen werde, so der Taliban-Gegner Hamid Karsai. "Ich will keine Zeiträume vorhersagen, aber es wird geschehen", sagte er. Die im Süden ansässigen Paschtunen-Stämme verhandelten weiter mit den Taliban über eine Aufgabe der Stadt. "Wenn wir die Gelegenheit haben, in die Stadt ohne Blutvergießen einzurücken, werden wir das tun", versprach Karsai. Die Nordallianz kündigte an, Kommandeure in den Süden zu schicken, nicht aber eigene Truppen. Dies stünde nicht zur Diskussion, sagte Außenminister Abdullah Abdullah in Kabul.

Abdullah sagte zugleich, Bin Laden und seine Truppen seien inzwischen von oppositionellen Kräften eingeschlossen und könnten sich nicht mehr frei bewegen. Bin Laden selbst halte sich vermutlich am selben Ort wie Taliban-Chef Mullah Omar auf und sei ebenfalls umzingelt. Er sagte nicht, an welchem Ort er die beiden vermutet.

Hunderte Taliban ergeben sich bei Kundus

Nach elftägiger Belagerung fiel am Morgen schließlich auch die Stadt Kundus in die Hände der Nordallianz. "Wir haben Kundus erobert, und es wird nicht gekämpft", sagte ein Sprecher der Allianz per Telefon von der Stadt Arganak westlich von Kundus aus. Ein Vertreter des Allianz-Kommandeurs Mohammed Daud sagte, dieser habe die Stadt nach kurzen Gefechten vom Norden her eingenommen. Hunderte von Taliban-Kämpfern und ausländischen Gefolgsleuten Bin Ladens hätten sich in den vergangenen 24 Stunden der Nordallianz ergeben.

Die Nordallianz hat ihre Offensive vor mehr als zwei Wochen begonnen und beherrscht weite Teile des Landes. Truppen und Kommandeure, die unabhängig von der Allianz sind, haben Gebiete im Süden, Westen und Osten Afghanistans erobert.



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