Mutmaßliche Terrorhelfer US-Militär soll afghanische Kinder im Visier haben

Der Bericht einer amerikanischen Militärzeitung sorgt für Aufsehen. Demnach halten US-Soldaten in Afghanistan nach Kindern mit "potentiell feindlichen Absichten" Ausschau. Ein US-Jurist nennt die Strategie "zutiefst verstörend".
Afghanischer Junge, US-Soldat: Ausschau halten nach Kindern mit feindlichen Absichten

Afghanischer Junge, US-Soldat: Ausschau halten nach Kindern mit feindlichen Absichten

Foto: LUCAS JACKSON/ REUTERS

Hamburg - Nachrichten der "Marine Corps Times" erreichen normalerweise nur ein Fachpublikum. Nun aber sorgt ein Bericht der Zeitung  für Angehörige der US-Elitetruppe auch unter Zivilisten für Aufsehen. Demnach nehmen amerikanische Soldaten in Afghanistan verstärkt Kinder ins Visier. "Das erweitert sozusagen unseren Ausschnitt", sagte der Oberstleutnant Marion Carrington dem Blatt. "Neben männlichen Personen in militärischem Alter halten wir auch nach Kindern mit potentiell feindlichen Absichten Ausschau."

Carringtons Aussagen bezogen sich auf drei junge Afghanen im Alter von neun, elf und 18 Jahren, die seine Einheit in diesem Jahr gemeinsam mit afghanischen Polizisten aufgegriffen habe. Die Jungen sollen Ein-Liter-Flaschen mit Kaliumchlorat bei sich getragen haben, das zum Bau von Bomben verwendet wird.

Der Artikel erwähnt zudem den Fall von drei Kindern, die im Oktober bei einem Luftschlag in der Provinz Helmand getötet wurden. Die Nato-Schutztruppe Isaf hatte damals gemeldet, sie habe möglicherweise "versehentlich drei unschuldige afghanische Zivilisten getötet". Ein Marine bezweifelte jedoch gegenüber dem Blatt, dass die Kinder "unschuldig" gewesen sein. US-Soldaten hätten zuvor beobachtet, dass sie Löcher in eine Straße gruben - mutmaßlich im Auftrag von Taliban, die einen Anschlag planten.

Dass die radikalislamischen Taliban zunehmend Kinder für ihren Kampf gegen die internationalen Truppen missbrauchen, bestätigen auch Menschenrechtsorganisationen. Laut Human Rights Watch werden zum Teil schon Siebenjährige als Selbstmordattentäter eingesetzt - gelockt mit dem Versprechen, sie würden den Anschlag dank Amuletten mit Koranversen überleben. Trotzdem stießen die Aussagen von Carrington außerhalb des Militärs auf scharfe Kritik.

"Carrington mag ein netter Kerl sein, aber er drückt eine zutiefst verstörende Politik der Obama-Regierung aus", zitiert der britische "Guardian"  den Rechtsprofessor Amos Guiora von der Universität Utah. Er bezog sich unter anderem auf Aussagen von John Brennan, Obamas oberstem Anti-Terror-Berater. Dieser hatte im April von einer "flexibleren" Definition davon gesprochen, was eine "unmittelbare" Bedrohung für US-Soldaten bedeuten könnte.

Pardiss Kebriaei, eine Anwältin der Nichtregierungsorganisation Center for Constitutional Rights, verwies laut "Guardian" darauf, dass schon der gebräuchliche Begriff "männliche Personen in militärischem Alter" (military-aged males) problematisch sei. Laut US-Medienberichten sieht die amerikanische Regierung alle männlichen Toten in einem Kampfgebiet als feindliche Kämpfer an - es sei denn, es gibt eindeutige Beweise für das Gegenteil. Dadurch werde die Zahl ziviler Opfer künstlich niedrig gehalten. Kebriaei sagte, diese Definition überschreite "bereits, was das Gesetz erlaubt".

Am Samstag wurde bekannt, dass die USA mehr als 200 afghanische Teenager rund ein Jahr in einem Militärgefängnis am skandalumwitterten US-Luftwaffenstützpunkt Bagram gefangen gehalten haben. In einem Bericht des US-Außenministeriums an die Vereinten Nationen wurden die Gefangenen als "feindliche Kämpfer" bezeichnet. Man habe sie davon abhalten wollen, "auf das Schlachtfeld zurückzukehren".

Menschenrechtsaktivisten übten gegenüber der Nachrichtenagentur AP Kritik am Verhalten des US-Militärs. "Ich habe Kinder in Bagram vertreten, die erst elf oder zwölf Jahre alt waren", sagte Tina Foster vom International Justice Network. Angesichts der "inakzeptabel" langen Gefangenschaft steige für die Jugendlichen die Gefahr physischer und psychischer Schäden, "vor allem wenn Schutz verweigert wird, der ihnen nach internationalem Recht zustehen würde".

dab