Afghanistan US-Soldaten sollen Häftlinge zu Tode gefoltert haben

Nach einer internen Untersuchung der US-Armee sollen zwei afghanische Häftlinge an den Folgen brutaler Verhörmethoden gestorben sein. Zwei der beteiligten US-Ermittler erhielten eine Rüge. Verurteilt wurde bislang jedoch noch niemand. US-Präsident Bush kündigte eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle an.

Berlin - Nach Abu Ghureib erschüttert ein neuer Folter-Skandal das US-Militär. Wie heute bekannt wurde, misshandelten amerikanische Ermittler im Dezember 2002 zwei Häftlinge im afghanischen Bagram zu Tode. Dies berichtet die "New York Times" in ihrer Freitagausgabe. Der Zeitung liege die Kopie eine Akte des US-Militärs vor, heißt es in dem Bericht.

Eines der Opfer, ein 22-jähriger Taxifahrer, starb beim Verhör in einem Gefängnis in Bagram. Der Mann, der in dem Bericht Dilawar genannt wird, wurde verdächtigt, bei einem Raketenangriff auf einen amerikanischen Militärstützpunkt beteiligt gewesen zu sein.

Wie ein Dolmetscher laut nach dem US-Protokoll berichtete, soll Dilawar während des viertägigen Verhörs gefoltert worden sein. Soldaten hätten ihn mit Handschellen an der Zellendecke aufgehängt. Seinem Flehen nach Wasser sei keiner der Offiziere nachgekommen.

Pikantes Detail des Protokolls: Die meisten der in Bagram tätigen Ermittler waren schon damals von der Unschuld Dilawars überzeugt. Wahrscheinlich sei, dass der Taxifahrer den Stützpunkt lediglich zur falschen Zeit passiert habe und sich so verdächtig machte.

An Handschellen aufgehängt

Wie der Militärbericht außerdem offenbart, sei nur sechs Tage vor dem Tod Dilawars ein weiterer Häftling, ein als Habibullah bekannter Afghane, in Baghram seinen Folterverletzungen erlegen.

Die Vorkommnisse in Afghanistan gleichen denen aus dem irakischen Abu Ghureib: Junge, schlecht ausgebildete Soldaten, die sich an keine Vorschrift gebunden fühlen. Die Akte offenbart weitere Details des brutalen Vorgehens: Eine Ermittlerin trat einem der Gefangenen in die Genitalien, ein anderer Inhaftierter musste die Stiefel seiner Bewacher küssen. Ein weiterer Häftling wurde gezwungen, in eine mit Exkrementen gefüllte Tonne zu greifen.

Nach den Todesfällen in Bagram seien sieben von 27 Offizieren von einem US-Gericht verurteilt worden, zitiert die "New York Times" die Untersuchungsbehörde "U.S. Army Criminal Investigation Command". Die Anklage habe von Verletzung der Aufsichtspflicht bis hin zu fahrlässiger Tötung gereicht. Zwei angeklagte Ermittler seien mit einer Rüge davon gekommen.

Die meisten der Verhörspezialisten, die möglicherweise noch einer strafrechtlichen Verfolgung entgegensehen, haben bislang eine Verantwortung abgelehnt, sowohl gegenüber den Ermittlern wie gegenüber den Reportern der "New York Times". Einige der in Bagram eingesetzten Verhör-Experten sind nach dem Zeitungsbericht im Juli 2003 nach Abu Ghureib versetzt worden. In dem irakischen Gefängnis seien "auffällig ähnlich" Verhörtechniken wie in Bagram angewandt worden, zitiert das Blatt hochrangige Armeeangehörige.

Von amerikanischer Seite, so die "New York Times", spricht man von "isolierten Problemen", also Einzelfällen, die nicht repräsentativ seien für das Vorgehen des Militärs in Bagram. In den Vernehmungen durch den Untersuchungsausschuß des US-Militärs hätten viele Offiziere angegeben, dass ein Großteil der Inhaftierten gut behandelt worden wäre, schreibt die Zeitung.

Ein Pentagon-Sprecher wird mit den Worten zitiert: "Wir mussten feststellen, dass Richtlinien humaner Behandlung eindeutig verletzt wurden".

Bush will Vorfällen auf den Grund gehen

US-Präsident George W. Bush hat eine lückenlose Klärung der Vorfälle angekündigt. "Ich gehe davon aus, dass wir den Dingen auf den Grund gehen", sagte Bush nach einem Treffen mit dem dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen in Washington. Die USA respektierten Menschenrechte und die Menschenwürde. Jene, die dagegen verstoßen, würden zur Rechenschaft gezogen. Die Aufklärung der Vorfälle wird nach den Worten von Bush auf transparente Art und Weise erfolgen.

Bush trat weiterhin dem Vorwurf entgegen, dass nach den Misshandlungsskandalen nur Soldaten mit niederen Diensträngen bestraft worden seien. 20 Prozent derjenigen, die wegen der Vorfälle im US-Militärgefängnis von Abu Ghureib bei Bagdad zur Rechenschaft gezogen wurden, seien Offiziere, sagte Bush. Es habe insgesamt neun unabhängige Untersuchungen gegeben, deren Ergebnisse veröffentlicht worden seien.

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