Afghanistan-Strategie USA raus, China rein

Donald Trump will Truppen aus Afghanistan abziehen, gleichzeitig baut China seinen Einfluss aus. Peking bearbeitet die Regierung in Kabul, forciert Wirtschaftsverträge - und entsendet angeblich schon Soldaten.
Afghanischer Sicherheitsberater Hamdullah Mohib, Chinas Außenminister Wang Yi

Afghanischer Sicherheitsberater Hamdullah Mohib, Chinas Außenminister Wang Yi

Foto: ANDY WONG/ AFP

Die erste Auslandsreise hat für ein Staatsoberhaupt immer eine besondere Symbolik. Im Fall des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani führte seine Antrittsreise 2014 in die Volksrepublik China. Dorthin reiste auch sein Sicherheitsberater Hamdullah Mohib vor wenigen Tagen. In Peking besprach er mit Außenminister Wang Yi, wie am Hindukusch langfristig Stabilität erreicht werden könne - und wie die Regierung von Xi Jinping dabei helfen könne. Jetzt, da die USA offenbar Tausende Soldaten aus Afghanistan abziehen wollen.

China ist längst mehr als einer der größten Handelspartner Afghanistans. Seit August vergangenen Jahres hilft Peking nach Informationen der "South China Morning Post"  den afghanischen Sicherheitskräften dabei, ein Trainingslager im Wakham-Korridor zu errichten. Das Tal im Hindukusch erstreckt sich bis zur Grenze zu China, hier beginnt die Region Xinjiang. Die afghanische Botschaft stritt der Zeitung zufolge ab, dass dort auch chinesische Soldaten stationiert würden. Es gibt aber Berichte, wonach in dem Korridor bereits chinesische Einheiten gesichtet wurden.

Die Region Xinjiang ist für die chinesische Regierung von besonderer Bedeutung. Dort lebt die muslimische Minderheit der Uiguren, die von der Regierung unterdrückt wird. Uiguren hatten sich schon zu Terroranschlägen etwa in Peking bekannt. Die chinesische Führung wiederum hat in der Region einen immensen Polizei- und Überwachungsapparat aufgebaut. Etwa eine Million Uiguren sollen sich in Umerziehungslagern befinden, international werden Menschenrechtsverletzungen kritisiert. Die Sorge, der militante Islamismus aus Zentralasien könnte auf Xinjiang übergreifen und Uiguren sich bei den Taliban im Nachbarland radikalisieren, ist ein entscheidender Treiber des chinesischen Engagements.

"Sicherheit ist für die chinesische Regierung eine Priorität geworden, nicht nur in Afghanistan, sondern weltweit", sagt Helena Legarda vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. "Wir beobachten, dass sie ihren Einfluss in dem Bereich überall ausbaut, angefangen bei der Militärbasis in Dschibuti über eine Vermittlerrolle in unterschiedlichen Konflikten bis zu gemeinsamen Marine-Übungen mit anderen Ländern." Das ist eine deutliche Abkehr der früheren außenpolitischen Maxime aus Peking: der Nichteinmischung.

Inzwischen setzt sich die chinesische Führung auch für eine Aussöhnung zwischen Pakistan und Afghanistan ein. Mitte Dezember vergangenen Jahres lud Außenminister Wang seine Amtskollegen zum Dreiertreffen. Danach verkündete er laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung": "Afghanistan und Pakistan haben vereinbart, ihre bilateralen Beziehungen so schnell wie möglich zu verbessern." Schon zuvor hatte er angekündigt, dass sich China bemühe, Konflikte nach "chinesischem Vorbild" zu lösen, und eine größere Rolle bei der Sicherung weltweiter Stabilität spielen wolle.

Treffen mit den Taliban

"In den vergangenen Jahren ist China immer wieder als Vermittler aufgetreten, etwa zwischen Israel und den Palästinensern, Myanmar und Bangladesch, und den Konfliktparteien in Syrien", sagt Merics-Expertin Legarda. Bislang habe das allerdings keine großen Resultate gebracht. "Der Führung in Peking ist aber klar, dass, wenn sie international eine wichtige Rolle als Großmacht beanspruchen will, sie sich auch stärker international engagieren muss - allerdings ohne militärisch in Konflikte einzugreifen." Mehrfach sollen sich chinesische Diplomaten auch mit der Taliban-Führung aus Afghanistan getroffen und auf Friedensprozesse gedrängt haben.

Selbstlos ist das Engagement in den meisten Fällen nicht. Stabilität und Sicherheit spielen für die chinesischen Investments eine wichtige Rolle. Auch damit lässt sich der Kurs in Afghanistan erklären: China habe vor, seinen China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) auf afghanisches Gebiet auszuweiten, sagte der ehemalige pakistanische Botschafter Qazi Humayun der Zeitung "Nikkei Asian Review". Der CPEC, der etwa den Bau von Schnellstraßen und Zugverbindungen beinhaltet, ist Teil des gigantischen Infrastrukturprojekts "Neue Seidenstraße", in das China mehr als 900 Milliarden Dollar investieren will. "Wenn die chinesische Regierung ihre Bürger und Firmen für Projekte der 'Neuen Seidenstraße' aussendet, müssen diese geschützt werden", sagt Legarda.

Foto: DER SPIEGEL

Die Annäherung zwischen Peking und Kabul wird durch den Kurs von Donald Trump noch begünstigt. Der US-Präsident soll sein Verteidigungsministerium nach Medienberichten bereits angewiesen haben, den Truppenabzug aus Afghanistan einzuleiten. Das soll schon länger sein Plan gewesen sein, sein inzwischen geschasster Verteidigungsminister James Mattis hatte ihn aber noch davon abhalten können. Mattis war nach der Entscheidung des US-Präsidenten, alle amerikanischen Soldaten aus Syrien abzuziehen, zurückgetreten (lesen Sie sein Schreiben dazu hier im Wortlaut).

"Der Rückzug der USA von der internationalen Bühne lässt China mehr Raum, das heißt aber nicht, dass es diesen auch zwingend ausfüllt", sagt Legarda. Peking nutze den Rückzug der USA, um der Welt zu zeigen: China kann eine Großmacht sein und Verantwortung übernehmen.

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