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29. Januar 2010, 10:36 Uhr

Afghanistan

USA starten Truppenaufmarsch im Bundeswehrgebiet

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Deutschland plant eine Ausbildungsoffensive für die afghanische Armee, die USA schaffen Fakten: Barack Obama schickt bereits jetzt die ersten Einheiten in den Norden. Statt der erwarteten 2500 kommen nun 5000 Soldaten - inklusive Kampfeinheiten und Hubschraubern.

Berlin - Die Bundesregierung kommt kaum noch damit nach, die Zahlen für den US-Truppenaufmarsch in Nordafghanistan nach oben zu korrigieren. Dem Parlament teilte man diese Woche mit, dass die USA weit mehr Soldaten im Einsatzgebiet der Bundeswehr stationieren werden als bislang angenommen. "Aufgrund des aktuellen Lagebildes ist davon auszugehen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nunmehr insgesamt bis zu 5000 Soldatinnen und Soldaten in der Nordregion einsetzen werden", heißt es in einer Unterrichtung. Bislang war man von 2500 ausgegangen. Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg hat darüber auch den zuständigen Ausschuss informiert.

Und die USA haben mit ihrem Aufmarsch im Norden bereits begonnen. So wurden zwei US-C-17-Transportflugzeuge in Masar-i-Scharif stationiert. Die ersten US-Soldaten sind in der größten deutschen Basis, dem "Camp Marmal", eingetroffen und haben dauerhaft Quartier bezogen. Die Vorausgruppe sondierte bereits in den vergangenen Tagen Infrastruktur und Logistik für das Hauptkontingent, das nach US-Planungen im Sommer 2010 vollständig operationsfähig sein soll. Die Bundeswehr kann bei diesem Tempo nur staunen. Pioniere werden schon bald mit einem Anbau für die US-Kräfte beginnen.

Nach bisheriger Planung werden die amerikanischen Kräfte - der Großteil wird durch ein "Infantry Brigade Combat Team" (IBCT) gestellt - an sechs verschiedenen Punkten im Norden Afghanistans stationiert. Rund 1500 Soldaten werden allein in Kunduz angesiedelt, wo die Bundeswehr ein Feldlager mit rund 1200 Soldaten unterhält. Das US-Camp, das viermal so groß ist wie das deutsche, wird ungefähr 4000 Mann fassen. Dort wollen die Amerikaner rund 3000 afghanische Rekruten der Armee trainieren. Zusätzlich verlegen die USA auch Kampfverbände, Pioniere und mehrere Spezialeinheiten für die Taliban-Jagd nach Norden.

Der schnelle Aufmarsch der US-Kräfte setzt die Deutschen erheblich unter Druck. Verteidigungsminister Guttenberg hat zwar kürzlich die Aufstockung des deutschen Kontingents um 500 Soldaten sowie die Konzentration auf die Ausbildung der afghanischen Armee angekündigt. Doch wie schnell die Auflösung der Schnellen Eingreiftruppe und ihre Transformation zur Trainingseinheit möglich ist, weiß derzeit niemand.

Auch das neue Konzept des "Partnerings" wird für die Deutschen nicht einfach werden. Wie die Deutschen die von den USA bereits praktizierte partnerschaftliche Ausbildung durchführen sollen, ist noch weitgehend unklar. Aus der Bundeswehr heißt es, deutsche Einheiten würden gemeinsam mit Afghanen bestimmte Gebiete, darunter auch Hochburgen der Taliban, militärisch befreien. Danach sollen die Afghanen versuchen, diese Regionen zu halten. Unterstützt werden könnten sie dabei auch von den Deutschen. Die Taktik, im US-Jargon "clear and hold" genannt, birgt erhebliche Risiken, die Taliban werden sich nicht kampflos vertreiben lassen.

In vielen Details soll sich das deutsche "Partnering" aber vom US-Modell unterscheiden: Verteidigungsminister Guttenberg hat bereits das Sprichwort geprägt, die Deutschen müssten nicht "Isomatte und Regenponcho" mit den Afghanen teilen. Praktische Ausbildung soll aber Teil des Programms sein. Die Deutschen wollen dazu im Trainingsgebiet sichere Basen bauen, dorthin sollen die Bundeswehrsoldaten zumindest bei Nacht zurückkehren. Allein dieser Ansatz zeigt, dass das deutsche Modell vermutlich länger bis zur Realisierung braucht als das amerikanische.

Die Abstimmung mit den US-Truppen, die nun in den Norden ziehen, wird bei der sich verändernden Mission der Bundeswehr eine wichtige Rolle spielen. Bisher hat der Chef der US-Truppen, Vier-Sterne-General Stanley McChrystal, zwar zugesagt, dass alle entsandten Einheiten unter dem Befehl des deutschen Regionalkommandeurs stehen - gleichwohl heißt es aus dem Nato-Hauptquartier, dass die USA einen General in den Norden schicken wollen, der ihre Einheiten befehligt.

Die neue Strategie Barack Obamas ist klar: Die USA, die bereits 74.000 Soldaten in Afghanistan haben und nun noch mal 30.000 schicken, übernehmen faktisch die bisher von der Nato geführte Mission am Hindukusch. Die Deutschen in Nordafghanistan müssen also damit rechnen, dass die Amerikaner die harte Arbeit machen - und die Regeln bestimmen werden.

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