Afghanistan Viele Tote bei Anschlag auf Polizeibus

Kabul wurde vom schwersten Bombenanschlag in jüngster Zeit erschüttert. Bei einer Explosion in einem Polizeibus starben mindestens ein Dutzend Ausbilder, darunter offenbar auch Ausländer. Ein möglicher Grund: Heute soll in Afghanistan die europäische Polizeimission unter deutscher Leitung beginnen.


Kabul - Der Anblick ist erschütternd: Das Fahrzeug sieht aus wie eine geöffnete Dose, die Wucht der Explosion riss das Dach des Polizeibusses ab, das Innere völlig verschmort. Rettungskräfte zogen zahlreiche Opfer auf dem Wrack. Die meisten offenbar Ausbilder, die auf dem Weg zur Polizeiakademie in Kabul waren.

Zerrissener Polizeibus: Ausbilder auf dem Weg zur Akademie getötet
AFP

Zerrissener Polizeibus: Ausbilder auf dem Weg zur Akademie getötet

Es ist einer der schwersten Anschläge, die Kabul in jüngster Zeit erlebte. Wie die Explosion zustande kam, war am frühen Morgen noch unklar. Der Chef der Kriminalpolizei von
Kabul, Alishah Paktiawal, sagte, der Sprengsatz habe sich im
Inneren des Busses befunden. Augenzeugen hingegen sprachen von einem Selbstmordbomber, der in den Bus einstieg und dort seine Bombe zündete. Offenbar wurde bei dem Anschlag ein Sprenggürtel mit Metallteilen verwendet - viele Leichen sind regelrecht zerfetzt, überall in der Umgebung lagen Metallsplitter.

Die Zahl der Opfer schwankte am frühen Morgen stark. Von mindestens 18 Toten und 35 Verletzten war zunächst die Rede, in anderen Agenturen wurde die Zahl der Toten bereits mit 35 angegeben. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP
berichtete, der Bus mit 45 Sitzplätzen sei vollkommen zerstört
worden. Am späteren Vormittag hieß es aus afghanischen Polizeikreisen, auch vier Ausländer seien unter den Opfern. Über deren Identität war zunächst nichts bekannt. Die EU bildet afghanische Sicherheitskräfte aus. Die Mission steht seit Anfang Juni unter deutscher Führung. Vom Auswärtigen Amt war vorerst nicht zu erfahren, ob sich Bundesbürger unter den Opfern befanden. Am frühen Vormittag hieß es dann, unter den Opfern seien nach bisherigen Erkenntnissen keine Deutschen. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin erklärte, dafür gebe es keine Hinweise.

Zuvor hatten sich gegenüber AFP die islamistischen Talibanrebellen in einem Anruf zu dem Attentat bekannt, dem folgenschwersten Anschlag seit ihrem Sturz Ende 2001.

Die Explosion ereignete sich vor der Polizeizentrale in einem
belebten Teil der Stadt nahe einem Markt. Zwei Minibusse in der
Nähe wurden schwer beschädigt. Möglicherweise gab es auch Opfer unter Passanten. Der Anschlagsort befindet sich in unmittelbarer Nähe des Hotels Mustafa, das auch häufig von ausländischen Besuchern genutzt wird. Die Polizei sperrte das Gelände umgehend ab.

Über die Gründe für den Anschlag kann im Augenblick nur spekuliert werden. Am Sonntag sollte die Polizeimission der Europäischen Union in Afghanistan (EUPOL) unter deutscher Leitung beginnen. Langfristig sollen rund 195 Polizisten aus EU-Mitgliedsländern sowie aus Kanada und Norwegen die Ausbildung afghanischer Kräfte übernehmen. Deutschland stellt mit zunächst 60 Polizisten das größte Kontingent. Sie sind zum größten Teil bereits an Ort und Stelle. Deutschland ist seit knapp fünf Jahren am Aufbau der afghanischen Polizei beteiligt. Deutsche Beamte bildeten bisher etwa 3.300 leitende Polizisten aus. Zudem sind etwa 2.900 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan stationiert.

Bereits am Samstag waren bei einem Selbstmordanschlag in der afghanischen Hauptstadt vier Menschen getötet und mindestens sechs weitere verletzt worden. Nach Angaben der Polizei sprengte sich zunächst ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in der Nähe eines Konvois der Internationalen Afghanistan-Truppe Isaf in die Luft; dabei wurden drei afghanische Zivilisten getötet. Unter den Verletzten war ein ausländischer Soldat. Laut Polizei erschossen US-Soldaten anschließend "versehentlich" einen Passanten, ein weiterer wurde verletzt.

sev/afp/ap/rtr



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