Afghanistan-Wahl Millionenteurer Dilettantismus

Einen Tag nach der Wahl wächst unter den Afghanen die Empörung über die internationalen Organisatoren. Trotz eines 200-Millionen-Euro-Budgets hat das von der Uno betreute Team die historische Abstimmung fast ins Chaos gestürzt. Zwar distanzieren sich die ersten Karzai-Gegner von Aufrufen zur Annullierung, doch der Glaubwürdigkeitschaden ist groß.

Kabul - Es war ein Sonntag voller Unverständnis und Wut. In den Basaren von Kabul und in den Unterkünften der internationalen Helfer gab es nur ein Thema: Wie konnte das passieren? "Es ist nicht zu glauben", erregte sich ein europäischer Wahlbeobachter, "nun ist alles sicher gelaufen, die Afghanen wollten alle wählen und diese Idioten haben das mit der Tinte nicht hinbekommen und die ganze Geschichte vollkommen unnötig in große Gefahr gebracht".

Wen der Wahlbeobachter mit den "Idioten" meinte, war nicht schwer zu erraten. Immer deutlicher gaben internationale Beobachter, Diplomaten und Vertretern der Uno zu erkennen, dass das internationale Organisationskomitee mit dem schönen Namen "Joint Electoral Management Body" (JEMB) bei der Wahl massive Fehler gemacht hat. Trotz eines Gesamtbudgets von rund 200 Millionen Euro hat es die Organisation, die aus Vertretern der Uno und afghanischen Mitarbeitern besteht und seit Monaten arbeitet, nicht vermocht, eine saubere Wahl sicherzustellen.

Tinte statt Bomben der Taliban

Das Ergebnis der schlampigen Organisation ist reichlich obskur: Statt wie erwartet durch Raketenangriffe oder gewaltsame Wahlbeeinflussung wurde die Legitimität der historischen Wahl durch den falschen Einsatz simpler Tinte gefährdet. Millionen Afghanen hatten sich enthusiastisch beteiligt, doch statt von außen wurde das System von innen bombardiert.

Mit der permanenten Tinte sollte - wie bei vielen anderen Wahlen rund um den Globus auch - die Möglichkeit von mehrfachen Stimmabgaben verhindert werden. Doch die lila Farbe ließ sich entgegen der Planung meist einfach abwischen. Schnell wurden Rufe nach einem Stopp des Urnengangs laut und 14 Kandidaten schlossen sich bereits vor Schließung der Wahllokale am Samstag zu einem Protestbündnis zusammen, das eine Annullierung der Wahl forderte.

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Fotos aus Afghanistan: Wie ein Volk zum ersten Mal zur Wahl geht

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Am Tag danach ging es zumindest nach außen hin nüchterner zu. So zeigten die internationalen Wahlbeobachter von der OSZE und anderen Gruppen gute Mine zum schlechten Spiel. In mehreren Statements spendierten sie Lob für die hohe Beteiligung und zeigten Erleichterung über die gewaltlose Wahl. Zwischen den Zeilen aber ist die Kritik an der JEMB mehr als deutlich. So spricht die unabhängige Gruppe "Free and Fair Election Foundation of Afghanistan" (FEFA) von "fehlender Aufmerksamkeit" der JEMB bei dem Einsatz der Tinte. Die OSZE forderte zumindest eine "tiefgreifende und transparente Untersuchung" der Vorgänge.

Liste des Versagens

Hinter den Kulissen indes gab es keine Diplomatie mehr, die JEMB steht unter massivem Beschuss. Unter Druck fertigten die Verantwortlichen rasch eine Analyse mit sechs Gründen für das Versagen. Daraus ergibt sich ein "organisierter Dilettantismus, den man kaum glauben kann", sagt ein westlicher Beobachter, der bei den Krisensitzungen dabei war.

Danach sei die permanente Tinte schon vor zwei Monaten gekauft worden. Da sie aber in einer normalen Halle in Afghanistan gelagert worden sei, hätte die Hitze die Flüssigkeit ausgetrocknet. Der massive Fehler wurde Tage vor dem Urnengang entdeckt. Die dann hektisch neu beschaffte Tinte sei dann entweder minderwertig gewesen oder von den Mitarbeitern an den Wahlstationen falsch gemischt worden, so die interne JEMB-Analyse gegenüber den Wahlbeobachtern.

Damit nicht genug: Es gab offenbar keine einheitliche Produktlinie, auf die man sich in Sachen Tinte geeinigt hatte. So gab es in manchen Wahlstationen Stifte zum Ausfüllen der Wahlzettel, Stifte zum Markieren der Daumen und Fläschchen, in welche die Wähler die Finger stecken sollten. In denen fast wie Kinderbücher gestalteten Anleitungen war dies jedoch nicht erklärt und die Mitarbeiter verwechselten die Produkte. Die Tinte für die Wahlzettel wurde für die Finger verwendet, dafür hält die Farbe auf den Wahlzetteln nun vermutlich für Ewigkeiten. Ebenso unprofessionell waren die Nachfüllfläschchen für die Wahlstifte und die Fingermarkierung ausschließlich in Englisch beschriftet und wurden ebenfalls oft vertauscht, gestanden JEMB-Verantwortliche intern ein.

Streit um die Untersuchungen

Offiziell äußert sich die JEMB zu dem Chaos nicht mehr. Anfragen werden nicht beantwortet und bei den Briefings weisen die Sprecher stets auf laufende Untersuchungen hin. Auch um diese gibt es jedoch Streit. So will die JEMB die Unzulänglichkeiten lieber selbst untersuchen, während gerade die Vertreter der EU auf eine unabhängige Kommission setzen.

Bis zum Montagabend wurde über diese Frage noch heftig diskutiert. Möglich ist, dass eine afghanische Menschenrechtskommission die Vorgänge unter die Lupe nimmt. "Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass die Fehler unter den Tisch fallen", so ein Vertreter der EU, "sonst passiert das gleiche bei der nächsten Wahl im April 2005 wieder". Dann sollen die Afghanen nach augenblicklicher Planung ihr Parlament wählen.

Neben der Kritik an der chaotischen Wahlorganisation wurde in Kabul diskret verhandelt, um den Boykott von 14 Präsidentschaftskandidaten aufzubrechen. Sowohl Uno-Vertreter als auch der US-Botschafter in Afghanistan waren den ganzen Tag unterwegs, um die Kandidaten von ihrem gestrigen Beschluss abzubringen, die Wahl nicht anzuerkennen. Die Uno und die USA wollen auf jeden Fall verhindern, dass die Wahl am Ende ungültig werden könnte.

Folglich raste US-Botschafter Zalmay Khalilzad den ganzen Montag von Kandidat zu Kandidat, wollte aber zum Erfolg seiner Mission nichts sagen. Von dem stärksten Gegenkandidaten Karzais, Yunus Qanuni, war am Montag gar keine Stellungnahme zu erhalten. Aus seiner Umgebung war aber zu hören, dass auch er gegen Zugeständnisse zu Verhandlungen bereit ist.

Boykott-Lager zerbricht langsam

Die Eil-Diplomatie zeigt zumindest erste Erfolge. So rückte der Kandidat Mohammed Mohaqeq öffentlich von dem Boykott ab. Auch der selbsternannte Sprecher der Kandidaten-Gruppe, der Usbeke Abdul Satar Sirat, deutete einen Kompromiss an. Journalisten wollen von ihm selber erfahren haben, dass er den Boykott-Block bereits verlassen hat. Sein Sprecher wollte dies jedoch nicht bestätigen. Offenbar wollen mehrere andere Kandidaten ihren Aufruf zurücknehmen, wenn sie an der Untersuchung über die Unregelmäßigkeiten beteiligt werden.

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