Afghanistan Wahlkampf aus dem Hochsicherheitstrakt

Reden unter Lebensgefahr: Vor dem Ende des Wahlkampfes in Afghanistan hat sich der designierte Präsident doch noch öffentlich gezeigt – allerdings unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen. Wie Hamid Karzai sein Land nach der Wahl in steter Todesangst und abhängig vom Schutz der USA regieren will, ist völlig offen.

Aus Kabul berichtet


Sicherheitsmaßnahmen im Stadion von Kabul: Rüde Bodyguards
REUTERS

Sicherheitsmaßnahmen im Stadion von Kabul: Rüde Bodyguards

Kabul - Dass Massenveranstaltungen in Afghanistan früher beginnen als geplant, ist schon ein Kuriosum an sich. Und so bemerkte zuerst kaum einer der etwa 6000 Zuschauer im vom 23-jährigen Krieg noch immer arg mitgenommenen Fußballstadion von Kabul, dass Übergangspräsident Hamid Karzai um Punkt 10 Uhr heute Morgen die Bühne betrat. Erst als ein Sprecher über das Mikrophon um Applaus bat, drehten sich die Köpfe zur Bühne. Ursprünglich sollte der dritte und letzte Wahlkampfauftritt Karzais vor dem Urnengang am Samstag erst um 12 Uhr beginnen. Doch wer dann erst gekommen war, hatte schon alles verpasst.

Noch am Dienstag hieß es überall, Karzai wolle gegen 12 Uhr reden. Die ungewöhnliche Termindisziplin war indes keineswegs freiwillig. "Am Ende wollte wohl niemand sagen, wann das Ziel zum freien Abschuss auf der Bühne bereit steht", raunte einer der schwer bewaffneten Sicherheitsleute der USA-Firma Dyncorp. Um das zu verhindern, hatte Dyncorp das gesamte Gelände umstellt, rundherum saßen hunderte Soldaten der afghanischen Armee in Alarmbereitschaft auf ihren Lastwagen. Mürrisch dreinblickende Söldner hinter verspiegelten Sonnenbrillen kontrollierten jeden Besucher, Scharfschützen wachten auf dem Stadiondach. Die martialisch aussehenden Sicherheitsleute wichen auf der Bühne nicht einen Moment von der Seite Karzais.

Rüde Bodyguards schlagen zu

Karzai in Kabul: Wahlkampf mit unsicherem Zeitplan
AP

Karzai in Kabul: Wahlkampf mit unsicherem Zeitplan

So einzigartig die ersten freien Wahlen in Afghanistan sind, so kurios ist auch der Vorlauf. Ständig muss Karzai um sein Leben fürchten. Folglich war der international bekannte und geschätzte Politiker während des Wahlkampfes so gut wie nicht präsent - zumindest nicht im eigenen Land. Als er dann doch einmal per Hubschrauber in den Norden fliegen wollte, zwangen ihn die Taliban mit Lenkraketen zur Umkehr nach Kabul. Als er am Dienstag spontan zu einer Kundgebung südlich von Kabul reiste, war der Termin derart geheim, dass kaum ein Reporter darüber berichten konnte. Als am Ende der Rede einige Zuhörer mit ihrem Präsidenten reden wollten, wurden sie von den rüden Bodyguards vermöbelt.

In Kabul hingegen ist Karzai sicher. Dort residiert er in einem Hochsicherheitstrakt des Präsidentenpalastes, den er in den letzten Wochen statt zum Stimmenkampf fast ausschließlich für Besuche befreundeter Regierungen etwa in Berlin oder der Uno in New York verließ. Sieht man ihn dort sprechen, wirkt er souverän und noch immer wie ein Sohn des für ihren Kampfgeist bekannten Stammes der Paschtunen. Seine Gegner daheim scherzen allerdings mit voller Häme über die in Afghanistan kaum beachteten Auslandsreisen Karzais. Dort könne sich der Präsident "sicherer fühlen als auf seinem eigenen Territorium", lautet ihre Analyse der Lage. Übersetzt heißt dies schlicht, dass sie ihn als Feigling betrachten.

Todesdrohung gegen Wähler

Was die Sicherheitsleute für den Auftritt Karzais in Kabul fürchteten, ereignete sich fast zeitgleich anderswo. Nur einige hundert Kilometer nördlich der Hauptstadt zündeten Attentäter eine Bombe, die Karzais designiertem Stellvertreter galt. Nur durch Glück entging Ahmed Zia Massud der Attacke, vier seiner Sicherheitsleute kamen ums Leben. Wenig überraschend teilten die Behörden wenig später mit, der Anschlag sei vermutlich von den Taliban verübt worden. Die 2002 abgesetzten Gotteskrieger hatten mehrmals angekündigt, alles für die Verhinderung der Wahlen zu tun. Auch potentiellen Wählern drohten die Koranschüler in offenen Briefen mit dem Tod.

Den Ankündigungen der Taliban folgten stets auch Taten. Gut ein Dutzend Wahlhelfer und Afghanen, die von der Registrierung kamen, wurden getötet. Attentate auf Karzais Mitstreiter scheiterten zwar, doch auch sie reisen mittlerweile kaum noch. Die von den Taliban befreite Hauptstadt Kabul gleicht seit Wochen mit massiven Straßensperren, Armee-Checkpoints und stets kreisenden US-Helikoptern mehr einer Kampfzone als einem Regierungssitz. Karzai selbst reist in der recht überschaubaren Stadt lieber mit einem US-Helikopter inklusive Kampfhubschrauber als Begleitung als mit einem Auto-Konvoi.

Zwischen Tod und Lächerlichkeit

Die Wahl und das Leben des Präsidenten scheinen mit diesen Methoden vorläufig gesichert, doch schon jetzt kommen Fragen über die Zeit danach auf. "Ein Land wie Afghanistan besteht aus verschiedenen Provinzen", sorgt sich selbst einer von Karzais Beratern, "doch wie soll man regieren, wenn man sich als Präsident noch nicht einmal zu einem Antrittsbesuch dorthin wagen kann". Hinzu komme die Wirkung des unfreiwilligen Exils im von der US-Armee gesicherten Palast in Kabul. "Wir stecken in einem Dilemma", so der Berater, "entweder wir riskieren das Leben unseres Präsidenten oder bald lacht jeder über ihn."

Die Rede Karzais wirkte im Angesicht der ständigen Angst um sein Leben an manchen Stellen geradezu komisch. Immer wieder versprach er den Zuhörern im Stadion, dass die Zeit der Kämpfe und der Unsicherheit in Afghanistan mit der Wahl endgültig ein Ende hätten. "Meine Regierung wird die Freiheit, die Brüderlichkeit und die Sicherheit zurück in unser Land bringen", rief er. Zur gleichen Zeit kreisten über der Hauptstadt mehrere Hubschrauber der US-Armee und Kampfjets, um mögliche Raketenstellungen der Taliban in den Bergen auszumachen.

Überspielte Anstrengung

Der Kandidat wirkte denn auch eher wie ein Gejagter als ein zukünftiger Staatsmann. Kaum hatte er seine kurze Rede beendet, musste er schon wieder gehen. Selbst die Gesänge seiner rund 6000 Anhänger konnten ihn nicht auf seinem Stuhl halten. Das Lächeln auf seinem Gesicht, welches ihn weltweit berühmt gemacht hat, überspielte die Anspannung des Politikers nicht wirklich. Als ihn seine Mitstreiter auf der Tribüne zum Bleiben überreden wollten, deutete er nur kurz auf seine Uhr und verschwand durch den Hinterausgang.

Kurz nach der Rede von Karzai gab sein Büro noch eine Stellungnahme zu dem Attentat auf seinen Stellvertreter heraus. "Wir wussten, dass die Feinde Afghanistans alles versuchen werden, um die Wahlen zu verhindern", sagte ein Sprecher des Interims-Präsidenten. "Aber es wird ihnen nicht gelingen, niemals", fügte er hinzu. Nach der Vorführung in Kabul wirkte das mehr wie ein Glaubensbekenntnis als eine Tatsache.



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