Afghanistan Wann stürzen die Taliban?

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Die Taliban beherrschen heute zwar 95 Prozent des Landes, aber das materielle Wohl ihre Volkes kümmert sie nicht. Statt Straßen bauen sie Schützengräben, statt Krankenhäusern Moscheen. Das Geld für ihre Kulturrevolution und die dafür benötigten Milizen ziehen sie aus dem Drogenhandel. Ausgerechnet jene Islamisten, die sich gegenüber dem Westen als Hüter der Moral aufspielen, betätigen sich als die größten Opiumhändler der Welt. Drei Viertel der Rohopiumproduktion kommt nach Angaben der Drogenkontrollbehörde der Vereinten Nationen aus Afghanistan. Geld kommt außerdem von Osama Bin Laden, der die Taliban für deren Gastfreundschaft großzügig belohnt.

Die einzigen Bodenschätze werden im Nordosten des Landes gefördert, allerdings nicht von den Taliban, sondern von der so genannten Nordallianz. Deren jetzt ermordeter Führer Massud finanzierte seinen Kampf gegen die Mullahs mit den Lapislazuli und Smaragden, die er aus den Minen an der Grenze zu Tadschikistan holen ließ: Das brachte 60 Millionen Dollar pro Jahr, glauben Eingeweihte.

Massud überlebte ein halbes dutzend Attentate

Nun hat die Nordallianz ihren einzigen Führer verloren. Ein halbes dutzend Attentate hatte der charismatische Massud überlebt. Wer ihn umbringen wollte, musste das schlau einfädeln. "Das war ein strategischer Schlag", glaubt daher auch Willy Wimmer, ehemaliger Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. "Es spricht viel dafür, dass Bin Laden dahintersteckt."

Der CDU-Politiker kannte den Rebellenführer persönlich. Viermal traf er ihn, sie verbrachten mehrere Tage zusammen. "Er war eine überragende Persönlichkeit. Zurzeit sehe ich keinen Nachfolger."

"Der Mord an Massud ist eindeutig auf die Leute von Bin Laden zurückzuführen", vermutet auch Andreas Rieck, Afghanistan-Forscher am Hamburger Orient-Institut. Beweise für eine Verstrickung Bin Ladens oder der Taliban in die Ermordung Massuds gibt es nicht. Einziger möglicher Nachfolger könnte Abdul Raschid Dostam sein, selbsternannter General einer Armee der usbekischen Minderheit. Er steht nach eigenen Angaben zur Zeit mit 15.000 Soldaten 50 Kilometer vor der nordafghanischen Stadt Masari-i-Scharif und bietet den USA militärische Unterstützung auf der Jagd nach Bin Laden an.

Die wollen aber zunächst keine Waffenbruderschaft, sondern nur Hinweise auf den Aufenthaltsort Bin Ladens. Und das auch erst seit den Terroranschlägen auf New York und Washington, wie Vertreter der Nordallianz berichten. Jahrelang interessierten sich die Amerikaner nicht für die Gegenspieler der Taliban, wohl auch weil die bis heute gute Kontakte zu den Russen pflegen.

"Keine eindeutige Politik der USA"

Dabei vertritt die Nordallianz den Staat Afghanistan offiziell in den Vereinten Nationen. Die US-Regierung aber erkennt die Regierung des getöteten Massud nicht an, obwohl der 1992 sogar einmal afghanischer Verteidigungsminister war. "Die USA verfolgen keine eindeutige Politik gegenüber Afghanistan", sagte der Rebellenführer im vergangenen Jahr in einem SPIEGEL-Interview.

Einst war er willkommener Bündnispartner der Amerikaner. Als die Russen in Afghanistan einmarschierten, wurde der Islam zum Symbol des Widerstands gegen die "gottlosen" Kommunisten. Unter dem religiösen Banner verbrüderten sich verschiedene Stammesfürsten, darunter der Tadschike Massud und der Paschtune Gulbuddin Hekmatjar, ein radikaler Islamist, der sich "kein anderes Gesellschaftsmodel als Koran und Scharia" vorstellen konnte und der mit Bin Laden gut befreundet sein soll. Massud hatte liberalere Ansichten, aber der gemeinsame russische Feind schweißte beide zusammen.

Nach dem Abzug der Russen war es aus mit der Einigkeit

Solange, bis die Sowjets 1989 abzogen. Im Siegesrausch war es mit der Einigkeit der Mudschahidin schnell vorbei. In den folgenden drei Jahren des Bürgerkrieges kamen eine Million Menschen ums Leben, so viel wie in zehn Jahren russischer Besatzung. Während sich die alten Führer des Widerstandes um die Regierungsmacht stritten, entstand in den Koranschulen des Nachbarlandes Pakistan nahezu unbemerkt eine neue militärische Streitmacht: die Taliban.

In nur einem halben Jahr eroberten sie mit Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI die Stadt Kandahar und neun weitere Provinzen im Süden des Landes, am 27. September 1996 nahmen sie die Hauptstadt Kabul – und Osama Bin Laden war auf ihrer Seite, inzwischen ist Mullah Mohammed Omar verheiratet mit einer seiner Töchter.

Omar erklärte das Land zu einem strikt islamischen Staat und das international finanzierte Fußballstadion zur öffentlichen Hinrichtungsstätte für Regimegegner. Mit dem Hunger und der drakonischen Repression insbesondere der Frauen schwindet vor allem in den Städten der Rückhalt. Nach Meinung des Afghanistan-Experten Rieck steht das Steinzeit-Regime daher auf tönernen Füßen. "Wenn man die nur ein bisschen antippt, bricht alles zusammen." Es würde schon reichen, sie aus Kabul zu vertreiben, meint Rieck, der sich auf verlässliche Quellen beruft. Rieck: "Die Taliban sind am Ende."

Michael Lüders, Islamexperte der "Zeit" meint dagegen, es gebe "keine Alternative zu den Taliban". Nicht in den Städten, sondern auf dem Land erfreuten sie sich großer Unterstützung. Sollten die USA großflächig angreifen, könnten die Kleriker auf die Solidarisierung der Paschtunen auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze setzen, so Lüders. Zudem hätten die Anhänger Bin Ladens ihre Trainingslager wahrscheinlich schon verlassen. Bombardements seien daher sinnlos. "Die können nur die Ruinen noch mal umpflügen."

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