Anschlag auf Hochzeit in Afghanistan Warum jetzt?

Ein Abkommen zwischen den Taliban und den USA steht kurz bevor. Nun hat einer der verheerendsten Anschläge seit Jahren Afghanistan erschüttert. Der IS bekennt sich - doch Geheimdienstler wähnen Pakistan hinter der Tat.

Rafiq Maqbool/ AP

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Hunderte Kinder und junge Erwachsene in Festtagsgewändern feierten am Samstag im Shar-e-Dubai Hotel in Kabul die Hochzeit von Mirwais Elami, 25, und seiner jungen Braut. Raihana, 18, war gerade mit der Schule fertig. Das Geld für die teure Feier hatte der Schneider gespart und geliehen - rund 14.000 Dollar.

Kurz vor 23 Uhr zündete der Selbstmordattentäter mit dem Kampfnamen Abu Asim al-Pakistani dann seine Sprengstoffweste. Zuvor hatte er sich unter die Tanzenden gemischt. In Sekunden verwandelte der Terrorist die Hochzeitshalle in ein Schlachtfeld. Er tötete 63 Menschen, darunter viele Kinder, 182 weitere Gäste wurden verletzt.

Die Opfer gehörten der schiitischen Volksgruppe der Hazara an. Die radikalsunnitische Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) bezeichnete sie in ihrem knappen Bekennerschreiben als "Polytheisten" und Ungläubige. Deshalb verdienten sie den Tod.

Bomben und verhandeln

Warum geschieht das jetzt, da die Taliban und die USA doch unmittelbar vor einem Abkommen stehen? Mit einem ersten Vertrag wollten die Unterhändler in diesen Tagen den Rückzug der US-Truppen und ihrer Alliierten einleiten, nach 18 Jahren Krieg am Hindukusch. Von Beteiligten des Verhandlungsteams hieß es, man sei hoffnungsvoll, bis zum 20. August in Doha ein Dokument zu unterzeichnen, das die Modalitäten des militärischen Abzugs regelt. Umgekehrt wollten sich die Taliban dazu verpflichten, dass Extremisten Afghanistan nicht erneut als Terrorbasis für Anschläge im Ausland nutzten.

Um ihre Verhandlungsposition zu verbessern, hatten beide Seiten in den vergangenen Monaten maximale militärische Stärke demonstriert - mit der Folge, dass die Zahl getöteter und verletzter unschuldiger Zivilisten zuletzt deutlich anstieg. Doch beim Anschlag gegen die Hochzeitsgesellschaft distanzierten sich die Taliban sofort nach Bekanntwerden der Tat.

Bisher gibt es zwei Deutungen für den monströsen Anschlag, der einer der verheerendsten ist seit Beginn der Hindukusch-Mission 2001.

I. Der IS, der sich nach den Niederlagen im Irak und in Syrien verstärkt in Afghanistan sammelt, führt die Taliban und die USA gleichermaßen vor. Die international operierende Terrororganisation demonstriert, dass sie zu schwersten Gewalttaten willens und fähig ist - ganz egal, was Taliban und Amerikaner aushandeln. Die Taliban, die nun mit den USA verhandeln, gelten vielen sunnitischen Extremisten als Verräter, weil sie sich mit den "Ungläubigen" einlassen. Die These wird vor allem von US-Analysten geteilt.

II. Afghanische Geheimdienste gehen dagegen davon aus, dass hinter dem Anschlag Kräfte stehen, die vom pakistanischen Geheimdienst gesteuert werden. Der IS sei in Wahrheit nur ein neues Label für die gleichen alten Terror-Agenten, die weiter das Ziel verfolgten, die Widerstandskräfte der afghanischen Regierung zu schwächen. "Die Pakistaner vernebeln den westlichen Beobachtern den Blick," so ein hochrangiger ehemaliger afghanischer Geheimdienstoffizier. "Sie wollen uns auf den Knien sehen."

Konkret will der ehemalige Chef des afghanischen Geheimdienstes NDS, Rahmatullah Nabil, Erkenntnisse haben, dass der für den Anschlag angeblich verantwortliche regionale Chef des IS identisch sei mit einem geheimdienstlich bekannten Operateur der pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba (LeT). Die LeT steht al-Qaida nahe und ist in Pakistan offiziell verboten. Kenner der inneren Militärstruktur behaupten jedoch, die Gruppe werde vom pakistanischen Geheimdienst kontrolliert.

Anschlag unter falscher Flagge?

Falls Ex-Geheimdienstchef Nabil recht hat, wäre der Anschlag auf die Hochzeitsgesellschaft ein Attentat wie viele andere zuvor - nur unter anderer Flagge, ausgeführt von jenem erprobten Kommando, das auch die Taliban mit Selbstmordattentätern versorgt. Die Gruppe ist unter dem Namen Haqqani-Netzwerk bekannt und kooperiert seit vielen Jahren mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI.

Wer auch dahintersteckt - ob eine Fraktion der Taliban unter falscher IS-Flagge und der pakistanische Geheimdienst oder tatsächlich der IS - will jedenfalls keinen Frieden, nicht jetzt.

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Anschlag in Kabul: Trauer, Wut, Verzweiflung

Der junge Schneider Mirwais Elami und seine Braut Raihana stehen noch immer unter Schock. Nach dem Erlebnis vom Samstag können sie schwerlich glauben, dass die Zukunft etwas Gutes für sie bereithält.

"Warum sollen wir nicht leben dürfen? Was ist unsere Sünde?", rief Mohammad Wahid an jenem unglücklichen Abend. Er ist der Bruder des Bassisten der Band, die auf der Hochzeit spielte. Von den sieben Mitgliedern der Band hat nur der Sänger überlebt.

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