Bundeswehr in Nordafghanistan Turbo-Training für den Krieg gegen die Taliban

Die Kampfmission ist vorbei, nun trainiert die Bundeswehr nur noch die afghanische Armee. Binnen wenigen Monaten sollen die Soldaten lernen, den Kampf gegen die Taliban allein zu führen. Reicht die Zeit?

Afghanische Soldaten: "Die Armee ist aus dem Boden gestampft worden"
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Afghanische Soldaten: "Die Armee ist aus dem Boden gestampft worden"

Aus Masar-i-Scharif berichtet


Das Unterrichten auf Augenhöhe fällt Major Alexandra von K. nicht immer leicht. Sie hat Geografie studiert, bei der Bundeswehr wird ihre Expertise für jede Planung einer Operation abgefragt. Mehrmals pro Woche bringt ein Helikopter die Soldatin zu ihren Schülern, vom Bundeswehr-Feldlager in Masar-i-Scharif geht es in knapp 20 Minuten zum "Camp Shaheen", zur afghanischen Armee ANA.

Bei ihrem Schützling, einem in Russland ausgebildeten Oberstleutnant, muss K. erst einmal Grundlagen vermitteln. Bis heute agiert die ANA bei Operationen meist nicht mal mit Landkarten. Statt Satellitenanalyse gibt K. Unterricht, wie man eine Karte einnordet und liest.

Bisher berechnete die 35-Jährige für ihre deutschen Kameraden alle möglichen Unwägbarkeiten: Wie das Wetter den Boden unter den Panzern aufweichen könnte, welche Sandhügel dem Gegner als Schlupfloch dienen oder welche Straßen vermint sind. Ohne die Abteilung "GEO", sagt sie, geht bei einer modernen Armee nicht viel. Nun gilt es, eine Armee in die Moderne zu führen.

Kampf gegen das Chaos

Nach dem Ende der Kampfmission Ende 2014 sind im Norden Afghanistans nur noch 650 deutsche Soldaten stationiert. In Masar-i-Scharif versuchen nun 50 von ihnen gemeinsam mit 19 anderen Nationen, die afghanische Armee so gut auszubilden und zu beraten, dass sie im Kampf gegen die Taliban allein bestehen kann. "Resolute Support" heißt die Mission, die bis Ende 2016 laufen soll, eine entschlossene Unterstützung soll es also sein.

Die Aufgabe ist immens. "Die Armee ist in den letzten Jahren aus dem Boden gestampft worden", sagt General Harald Gante. Das letzte Jahr hatte er in Nordafghanistan das Kommando. Kämpfen, sagt Gante, könnten die rund 42.000 Sicherheitskräfte in Nordafghanistan. Sonst aber hapere es "fast an allem": Führungsfähigkeiten, die Steuerung von Operationen sind kaum vorhanden. Die Logistik, vom Fuhrpark bis zur Essensversorgung oder der Nachschub von Diesel und Munition, ist chaotisch.

Zwei Welten prallen aufeinander. Auf der einen Seite die Bundeswehr, die im "Camp Marmal" ein extrem modernes Feldlager aufgebaut hat. Hier ist alles bestens organisiert, bis hin zur Müllentsorgung. Nur 25 Kilometer entfernt sitzen die Afghanen, die meist nur mit einem AK-47-Gewehr bewaffnet in den Kampf ziehen und landesweit pro Woche 40 bis 50 Mann verlieren. Diesen Einheiten wollen die Deutschen nun beibringen, wie man die Soldaten mit Computersystemen erfasst, steuert und bezahlt.

Die Zeit für die Schulung ist begrenzt. Laut bisherigem Plan sollen die Deutschen Ende 2015 ihr Camp in Masar-i-Scharif schließen. Dann sollen wenige Soldaten nach Kabul, die Bundeswehr wird Berater in die Ministerien schicken und bis Ende 2016 die Zelte ganz abbauen.

Die Gewissensfrage

Der Abzug ist greifbar, das "Camp Marmal" wirkt wie eine Geisterstadt: Große Teile des 25 Quadratkilometer großen Areals stehen leer, nur die zahllosen Starkstromkästen erinnern an die Baracken, in denen einmal mehr als 5000 Soldaten schliefen.

Ob die verbleibenden Monate ausreichen, um die Afghanen fit zu machen, ist überall im Camp Gesprächsthema. Nachdem Kanzlerin Angela Merkel eine Verlängerung der Trainingsmission andeutete, wird diskutiert, ob die Bundeswehr länger bleibt. "Die Afghanen wünschen sich weiter Hilfe von uns", sagt Generalleutnant Carsten Jacobsen, der Vize-Chef der "Resolute Support"-Mission. Zumindest während der beginnenden Kampfsaison von Ende März bis Ende Oktober sollte deswegen nichts verändert werden.

Dass der Sommer ruhig bleibt, ist unwahrscheinlich. Schon jetzt, sagt General Gante, stünden die Afghanen im ehemaligen Bundeswehr-Standort Kunduz unter erheblichem Druck, deswegen schickte Kabul kürzlich Verstärkungstruppen dorthin. Nach einem recht milden Winter dürften die Taliban zudem über ausreichend Nachschub an Kämpfern und Waffen verfügen, um schon bald wieder gegen die afghanische Armee vorzugehen. Wie jedes Jahr kündigen ihre Führer schon jetzt eine Großoffensive an.

Ob man das "Camp Marmal" im Dezember dichtmacht, ist folglich nicht leicht zu entscheiden. "Im Sommer müssen wir uns die Frage stellen: Können sie es allein oder nicht?", sagt General Gante. Hans-Werner Fritz, der Befehlshaber aller deutschen Auslandsmissionen, betont die deutsche Verantwortung: "Können wir, wenn wir hier rausgehen, mit einem einigermaßen guten Gewissen sagen: Das Unternehmen trägt sich selbst?" Ginge man zu früh, verspiele man vielleicht das bisher Erreichte.

Viel wird nun von den USA abhängen. Bleibt die US-Armee nach 2016, würde die Bundeswehr wohl auch in die Verlängerung gehen. Präsident Barack Obama hat entsprechende Pläne seiner Militärs in der Schublade, allerdings gehört das Ende des Afghanistan-Abenteuers zu den Kern-Zielen seiner letzten Amtszeit. Als sein neuer Verteidigungsminister Ashton Carter am Samstag in Kabul eintraf, ließ er sich deswegen nicht in die Karten schauen. Ziel sei es, sagte Carter lediglich, "die Erfolge in Afghanistan langfristig zu sichern".

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jujo 21.02.2015
1. ...
Ich dachte die würden schon seit 10 Jahren trainiert?
jamguy 21.02.2015
2. Kampfausbildung
Die Afghanen die seit 30J.nix anderes kennen als Krieg haben mit Sicherheit mehr Kamperfahrung wie Alle Amis,Deutschen die da meinen Sie könnten Denen beibringen was im Kampfeinsatz zui tun und zu lassen is! Wär doch allgemein interessant zb. durch Spiegel Online Recherchen was Merkel und Co so insgesammt an Steuergelder vollkommen sinnlos in den letzten Jahren verprasst haben?Für mich steht fest das die Sozialisten und die Kommunisten Deutschland einfach demontieren wollen den Politik kennt ma praktisch nur aus der Zeit vor dem Mauerfall!
markus.k 21.02.2015
3.
Afghanische Armee? Das ganze ist ein Witz. Wird die nicht mehr von den USA und Deutschland finanziert, bricht die schneller zusammen als Schnee in der Sonne. Für was sollen die auch kämpfen? Für die Ausländer im Land?Für die korrupten Marionetten in Kabul?
darthmax 21.02.2015
4. Kampferfahrung
kann man den deutschen Soldaten nun wirklich nicht vorwerfen. Wenn man den Berichten Glauben schenken kann, dann ist jedes Training mit echter Munition so gefährlich, dass jemand mit geladener Waffe bereitsteht den ´´Schüler´´ zu erschiessen, falls dieser die Waffe gegen den Ausbilder wendet, was ja des öfteren vorgekommen sein soll. Die Taliban haben 30 Jahre Kampferfahrung und machen sich keine Sorgen um die Müllentsorgung und andere Dinge.
spmc-121676002122637 21.02.2015
5. Die Armee-Struktur,
die hier aufgesetzt wird dürfte so effektiv und nachhaltig wirken, wie die der ehemaligen Armee von Süd- Vietnam oder der gegenwärtigen des Irak. Die Gründe sind bekannt: Die Mannschaftsgrade werfen ihr Leben nicht nur für den Sold weg, den sie für ihre Familien brauchen. Ganz oben die landestypische Korruption. Auf mittlerer Ebene die Abmachungen über die Front hinweg.
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