Afghanistan Wie Psycho-Krieger die Taliban bekämpfen

Psychologische Kriegsführer - zu Englisch: "Psy Ops" - agieren im Zwielicht. Ihre Taktiken sind "top secret", kommen in den Medien nicht vor. Der Oberbefehlshaber der britischen Psy Ops in Südafghanistan gewährte der "Times" trotzdem einen Einblick in die Methoden seiner "Psychotruppe".


Auf psychologische Kriegsführung verstand sich schon der Mongolenherrscher Dschingis Khan: Hatte er ein Dorf eingenommen, ließ er stets einige der ansässigen Bewohner am Leben, damit diese in den umliegenden Dörfern von seiner Grausamkeit berichten konnten.

Taliban-Kämpfer in der südafghanischen Provinz Laghman: Von Psy Ops eingeschüchtert?
REUTERS

Taliban-Kämpfer in der südafghanischen Provinz Laghman: Von Psy Ops eingeschüchtert?

Die psychologische Kriegsführung der britischen Psy Ops, die in Südafghanistan Seite an Seite mit den Royal Marines der Britischen Flotte (SBS) und den US-Eingreiftruppen arbeiten, ist unblutiger, beruht aber auf dem gleichen Prinzip: Mit gezielter Einschüchterung versuchen sie, einen Keil zwischen Taliban-Kommandeure und ihre Gefolgsleute zu treiben. Feindliche Truppen sollen dazu bewegt werden, sich freiwillig zu ergeben, strategische Positionen ohne Gegenwehr aufzugeben.

"Um den Feind psychologisch zu zermürben, benutzen wir das, was er am meisten fürchtet", erklärt Major Kirsty McQuade, der Befehlshaber der Psy Ops in Südafghanistan, in der Onlineausgabe der "Times". "Und das, was viele Taliban am meisten fürchten, ist, gefangen genommen zu werden. Die meisten von ihnen würden lieber sterben als in Kriegsgefangenschaft zu geraten."

Die britischen Psy Ops unterteilen die Taliban dabei in zwei Kategorien: Anführer ("Tier 1") und Gefolgsleute ("Tier 2"). Ziel der Anführer sei es, die Kontrolle über Afghanistan zurück zu gewinnen. "Einige von ihnen sind macht- und prestigesüchtig, andere sind bloß Psychopaten", resümiert McQuade. Die Hauptmotivation der Fußsoldaten besteht hingegen darin, sich eine Lebensgrundlage zu schaffen - sie morden und brandschatzen, weil sie sonst nichts haben. "Sie sind arm, ungebildet und äußerst gefolgsam", klassifiziert McQuade.

Ist die Bedürfnisstruktur des Feindes einmal erkannt, lässt er sich, so das Konzept, psychologisch attackieren: Bei der Operation "Baaz Tsuka" - einem gemeinsamen Angriff britischer, kanadischer und US-Truppen auf zwei Taliban-Stützpunkte nahe Kandahar - ließen die Psy Ops insgesamt 88.000 Flugblätter vom Himmel regnen. "Feinde Afghanistans - verlasst das Land!", stand auf den an Tier 1 adressierten Flyern. "Gefangenschaft und Tod erwarten euch."

In einer anderen Mission in der Provinz Helmand informierten psychologische Kriegsführer die Taliban-Fußsoldaten per Megafon über unblutige Alternativen zur Sicherung ihrer Existenzgrundlage. "Zeigt man den Gefolgsleuten Mittel und Wege auf, an Geld und Nahrung zu kommen, ergeben sich viele von ihnen freiwillig", erklärt McQuade.

In manchen Fällen scheint dieses recht simple Konzept zumindest kurzfristig aufzugehen: So eroberten kanadische Truppen nach der Flugblätter-Aktion ohne einen Schuss abzufeuern das von den Taliban besetzte Dorf Howz-e Madad. Experten gehen indes davon aus, dass die Soldaten von Howz-e Madad inzwischen nach Pakistan geflohen sind und von dort aus eine Gegenoffensive vorbereiten.

ssu



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.