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29. Oktober 2001, 15:10 Uhr

Afghanistan

Zu arm zum Fliehen

Aus Islamabad berichtet

Die ungezählten afghanischen Flüchtlinge werden immer mehr zum Spielball von Interessenspolitik. Pakistan verrammelt seine Grenze - außer für diejenigen, die in den Krieg ziehen.

Auf der Flucht: Eine afghanische Familie an der Grenze zu Pakistan
AFP

Auf der Flucht: Eine afghanische Familie an der Grenze zu Pakistan

Peschawar/Quetta - Pakistan hält dicht. Aber nur in eine Richtung. Wer sich aus Afghanistan vor den Streubomben in das Nachbarland retten will, läuft gegen eine Wand aus Stacheldraht und Militär. Offiziell kommt auch keiner mehr aus Pakistan in das Kriegsgebiet. Doch dieser umgekehrte Weg ist löchriger. Allein am Sonntag zogen rund 7000 Paschtunen aus Pakistan in das Nachbarland, um ihren Stammes- und Glaubensgenossen im Kampf gegen die USA zu helfen. Ein gespenstischer Treck, viele junge Männer sind darunter, kaum achtzehn Jahre alt. "Tod den USA", rufen sie und stellen den Blick auf starr.

Pakistan lässt sie ziehen. Offiziell wird das nicht bestätigt, weil es verboten ist. Aber insgeheim ist es dem Herrscher Pervez Musharraf lieber, die radikalisierten Muslime verschwinden auf immer im Krieg, als dass sie auf seinen Straßen demonstrieren. Die USA sollen sein Problem gleich mit entsorgen, lautet die zynische Logik. Denn die aufgebrachten Muslime versuchen auch innerhalb Pakistans den US-Koalitionär Musharraf zu destabilisieren. Am Sonntag stürmten Maskierte eine Kirche und erschossen Christen. Offenbar soll so der Konflikt zu einem Glaubenskrieg eskalieren, der alle muslimischen Staaten zum Ausscheren aus der Allianz zwingt.

"Lasst uns durch"

Wer den Tod sucht, soll ihn finden. Wer Rettung sucht, findet den fast sicheren Tod. Eine Afghanin steht am Stacheldrahtzaun und fleht den pakistanischen Grenzposten an. Ihr Satz ist schlicht, aber der Mund verzerrt: "Lasst uns durch." Der pakistanische Grenzer schwingt seinen Schlagstock und ruft ihr zu: "Verschwindet!"

Die Afghanen drängen sich am Grenzzaun entlang des Landes. Am Sonntag gaben Beamte Schüsse auf aufgebrachte Flüchtlinge ab, die mit Steinen auf die Sicherheitskräfte geworfen hatten, weil sie nicht passieren durften. Eine Mutter mit ihrem Kind geht auf die Knie, fleht. Vergeblich. Wer sich reindrängen will, wird zurückgeknüppelt.

Solche Bilder sind Alltag an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, aber es soll sie nicht mehr geben. Denn sie gefährden den Rückhalt in den Bevölkerungen der westlichen Staaten für die Kriegspolitik der Allianz. Unabhängige Informationen sind kaum zu bekommen. Die Taliban mischen Agenten unter die Flüchtlinge, die Horrorgeschichten aus Afghanistan erzählen. Die Angreifer versuchen das Flüchtlingsproblem zu relativieren, weil es nichts Böses geben darf, wenn man sich für den Guten hält.

Das Elend ist käuflich

Journalisten dürfen gar nicht mehr oder nicht allein an die Grenze reisen. Gleiches gilt für viele Flüchtlingscamps in Pakistan. Aber das Elend ist käuflich. Wer Beamte besticht, kriegt eine Führung: "Nur das Lager oder auch das Krankenhaus?" Pauschaltrips mit gestaffeltem Angebot in die Not.

Von den Grenzposten abgewiesen, versuchen manche, über Trampelpfade in den Bergen ins Nachbarland zu gelangen. Doch wenn jetzt Schnee und Eis kommen, sind diese Wege eine sichere Todesfalle für die Erschöpften.

"An der Grenze baut sich immer stärkerer Druck auf", erklärt Peter Kessler, ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). "Die so genannten unsichtbaren Flüchtlinge werden von Tag zu Tag sichtbarer." In der Nähe des Übergangs Chaman kampieren rund 20.000 Afghanen im Niemandsland. Die meisten von ihnen kommen aus Kandahar, der Hochburg der regierenden Taliban. Die Stadt ist besonders von den US-Angriffen betroffen. Auch Ärzte und Sanitäter sind nach Angaben von Flüchtlingen inzwischen geflohen. Die Verletzten werden nicht mehr versorgt.

Elend: Ein afghanischer Vater mit seinem unterernährten Kind
REUTERS

Elend: Ein afghanischer Vater mit seinem unterernährten Kind

"Es gibt keinen Strom, kein Essen, kein Wasser, und Bomben zerstören unsere Häuser", berichtet der 17-jährige Roschan Chan. Es kostet umgerechnet weniger als neun Mark, um von Kandahar an die Grenze zu gelangen, und noch einmal denselben Betrag, um von dort in die südwestpakistanische Stadt Quetta zu fahren. Die Gesetze des Kriegsmarktes: Je intensiver die Bombenangriffe sind und je lauter über den Bodenkrieg nachgedacht wird, um so stärker steigen die Preise. "Die, die noch in der Stadt sind, gehören zu den Ärmsten der Armen. Sie können sich die Reise nach Pakistan nicht leisten", sagt Mohibullah Chan, der ebenfalls aus Kandahar geflohen ist. Sie sind zu arm, um zu fliehen.

Exodus in Dschalalabad

Auch in Dschalalabad im Norden Afghanistans hat ein Exodus eingesetzt. Dort leben nach Schätzungen der Uno nur noch 20 Prozent der ursprünglichen Einwohner. Pakistan hat nach Angaben von Außenamtssprecher Riaz Mohammed Khan insgesamt mehr als drei Millionen afghanische Flüchtlinge aufgenommen. Hilfsorganisationen gehen von zwei bis zweieinhalb Millionen aus. Aber rund sechs Millionen könnten es werden, die ihr Bündel packen, um ihre Haut zu retten, schätzen die Experten.

Allein seit den Terroranschlägen vom 11. September in den USA seien 60.000 Menschen aus dem Nachbarland gekommen. Pakistan sieht sich außer Stande, weitere Flüchtlinge aufzunehmen und hat internationale Hilfsorganisationen aufgefordert, den Afghanen in deren eigenem Land zu helfen. Gleichzeitig ist das Flüchtlingsproblem für Pakistan auch Mittel zur Politik. Jahrelang war das Land allein gelassen worden mit den Schutzsuchenden aus dem Nachbarland.

Kinder müssen auf nacktem Erdboden schlafen

Jetzt kommt jeder der zahlreichen Staatsgäste mit Hilfsschecks, um sein schlechtes Gewissen abzuzahlen. Auch ein Mittel, um das Nachwachsen der Taliban-Anhänger in Pakistan zu dämpfen. Fast die Hälfte seines Haushaltes muss Pakistan für Schuldenabbau verwenden, über 30 Prozent steckt der Atom-Staat ins Militär. Gerade mal vier Prozent gibt das Land für sein Bildungswesen aus, staatliche Allgemeinschulen sind gebührenpflichtig. Weil sich das kaum einer leisten kann, schickt er seine Kinder auf die kostenlosen Koranschulen, die hauptsächlich mit Geld aus Saudi-Arabien gespeist werden.

Pakistans Staatschef Musharraf will dem hausgemachten Problem nun entgegenwirken und den Bildungshaushalt verdoppeln. Aber das ist Zukunftsmusik. Auch deshalb hält er die Grenzen dicht, er will keine weiteren möglichen Taliban-Anhänger aus Afghanistan in seinem Land mehr sehen. Die Helfer sollen gefälligst rübergehen.

Doch die Hilfsorganisationen können kaum zu den Ausgesperrten im afghanischen Grenzgebiet vordringen. Insbesondere seit Beginn der US-Angriffe am 7. Oktober hat sich das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Taliban-Regime und internationalen Organisationen weiter verschlechtert. Und auch die Hilfsorganisationen sind nicht frei von Interessenpolitik. Im Wettbewerb um Spenden und internationale Hilfsgelder füttern auch sie Journalisten mit Bildern, Zahlen und Schicksalen, die nicht zu überprüfen sind.

Die Leidtragenden sind die Menschen. Dschanat Bibi, die auf den Straßen von Chaman mit ihren drei Kindern bettelt, sagt, sie habe nichts mit Osama Bin Laden oder seiner Politik zu tun. "Früher hatten wir ein Haus in Kabul, jetzt bin ich eine Bettlerin", sagt die 45-Jährige. "Mein Mann ist tot, es gibt niemanden, der für uns sorgt."

Besonders schlimm ist die Lage laut Uno für die Kinder. Ein Sprecher des Kinderhilfswerks Unicef berichtet, dass Flüchtlingskinder in der Region Chaman auf dem nackten Erdboden schlafen müssen. Ungeschützt vor dem knallharten Winter, der nun Einzug hält. Zu den Opfern des Konflikts zählen insbesondere die Waisen, um die sich niemand kümmert. Denn andere Familien, die sie sonst unter ihre schützenden Hände nehmen würden, kämpfen selbst ums Überleben. "Sie können sie nicht durchfüttern, aber sie sind trotzdem da", sagt der 18-jährige Flüchtling Mohibullah Hussein Jar. Wenn sie überleben, was wird vorgehen in den kleinen Köpfen, die nie was gehört haben vom World Trade Center, uneingeschränkter Solidarität oder einem Krieg gegen Terrorismus, für den sie bezahlen?

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