Afghanistanhilfe Die Bürokratiefalle von Kabul

Bei der heute beginnenden Afghanistan-Konferenz in Berlin hofft das Land verstärkt auf deutsche Hilfe. Rupert Neudeck, seit 25 Jahren als Chef von Hilfsorganisationen in Krisengebieten unterwegs, hat in Kabul eine große Bürokratiefalle ausgemacht, in der immer mehr Gutwillige hängenbleiben.

Von Rupert Neudeck


Grünhelm Rupert Neudeck: Bürokratie hemmt die Hilfsorganisationen in Afghanistan
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Grünhelm Rupert Neudeck: Bürokratie hemmt die Hilfsorganisationen in Afghanistan

Erich Kästner hat einmal geschrieben: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das stimmt, und es trifft besonders für Afghanistan zu: Nach mehr als zwei Jahrzehnten Krieg und Unterdrückung brauchen die Menschen dort wirklich unsere Unterstützung. In Kabul funktioniert aber leider nur eines perfekt: Die Bürokratie der Ministerialverwaltung, die es den Hilfsorganisationen inzwischen sehr schwer macht, effektiv und vor allem schnell tätig zu werden.

Um als Hilfsorganisation den Zulassungsschein vom afghanischen Außenministerium zu bekommen, muß man in Kabul zwei Wochen intensiv zwischen Planungs- und Außenministerium antichambrieren. Manchmal noch länger. Wenn man einen Mann in Kabul gut bezahlt, kann man diese Zeit auf sechs Tage begrenzen; so sagt es uns der Außenminister Abdullah Abdullah zum Trost. Es wäre besser, er würde seine Verwaltung reformieren.

Jede Hilfsorganisation, die sich in Kabul registrieren läßt, muß etwa 2000 Dollar an die afghanische Regierung abführen. Warum müssen Organisationen, die Spendengelder ins Land bringen, eigentlich Gebühren bezahlen? Das Geld wäre sinnvoller eingesetzt, wenn man damit gleich Schulen oder Hospitäler bauen würde. Doch ohne den Zulassungsschein bekommen wir keine Visa für unsere Arbeit in Herat.

Wie bei der Sperrmüllabfuhr

In Kabul verliert man deshalb viel Zeit und viel Energie. Wir müssen zum Beispiel alle Papiere in die Amtssprachen Dari oder Pashto übertragen lassen. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn diese Übersetzungen von irgend jemanden anschließend auch gelesen werden würden. Das ist aber leider nicht der Fall. Denn in den Ministerien von Kabul gibt es kein funktionierendes Archivsystem. In dem Raum des Planungsministeriums, in dem sich die Aktenordner der Hilfsorganisationen befinden, wirft der betreffende Beamte die Leitz-Ordner einfach hinter seinen Schreibtisch. Dort lagen sie dann wie vor der Sperrmüllabfuhr. Es geht den Bürokraten hier bloß um die Gebühr.

Die afghanischen Beamten haben schnell herausgefunden, daß sich viele westliche Vertreter von Hilfsorganisationen gerne auf sogenannten Meetings treffen. In Kabul, wo sich über 1200 Organisationen drängeln, wird viel Papier produziert - effektive Hilfe in den Provinzen außerhalb der Hauptstadt ist aber nach wie vor selten. Neben der UNO, die in Kabul praktisch als Nebenregierung auftritt, gibt es jetzt noch eine Dachorganisation: die Agency Coordinating Body for Afghanistan, ACBAR. Das ist eine Organisation, die nur Informationen vervielfältigt, Räume für Meetings bereitstellt und Computer an neu auftauchende Organisationen verkauft.

So entstehen nicht etwa neue Straßen, Häuser oder Schulen, sondern nur neue Heimstätten für Bürokraten. Manche dieser afghanischen Koordinatoren verlassen Kabul inzwischen selbst kaum noch. Auf den Dörfern sind die Menschen dagegen meist noch immer auf sich allein gestellt. Sie leben ohne fließendes Wasser, ohne Strom, im Winter fehlt es oft an Brennstoff. Auf die Hilfe westlicher Organisationen, der afghanischen Regierung oder der UNO wartet man vielerorts dennoch vergebens - die sind wahrscheinlich gerade auf einem wichtigen Meeting in Kabul.

Früher war die Hilfsarbeit relativ einfach. Man bekam in einer Botschaft hierzulande ein sog. "VISA de COURTOISIE". Es galt als selbstverständlich, jemandem, der kommt, um Schulen zu bauen und Hospitäler zu errichten, die Arbeit zu erleichtern. Es gehörte sich auch, die Helfer willkommen zu heißen.

Das ist lange vorbei. Wichtig scheint heute offenbar vor allem, ein eigenes Büro in Kabul zu haben. Wie effektiv die geleistete Hilfe ist, wird dagegen trotz des ganzen Papierkrieges, den man um die Ohren hat, nicht überprüft. Leider haben die afghanischen Minister bisher nicht genug dazu beigetragen, diese Mißstände abzubauen. Wenn Erich Kästner noch leben würde, er würde seinen humanitären Grundsatz deshalb frustriert umformulieren: "Es gibt nichts Gutes, außer man koordiniert es!"



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