Zurückgekehrte Migranten in Afrika Wohin er auch geht - Jean-Marie ist unerwünscht

Hunderttausende afrikanische Migranten sitzen in Libyen fest, viele werden Opfer von Ausbeutung, Folter und Mord. Nun sollen Tausende in ihre Heimatländer zurückgebracht werden - doch auch dort sind viele nicht mehr willkommen.

AP

Aus Abidjan, Elfenbeinküste, berichtet


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Die Fahrt in die Vororte Abidjans führt durch Staus klappriger Autos, über Lehmstraßen mit knietiefen Schlaglöchern, gesäumt von Geschäften mit Wellblechdächern, in denen alles von Kleidern über Toilettenschüsseln bis hin zur Rechtsberatung angeboten wird. Autoschrauber montieren Reifen, unter freiem Himmel und in sengender Hitze.

Eines der Geschäfte gehört einer jungen Frau namens Tamila. Wäre es nach ihr gegangen, stünde ihr Laden nicht in der größten Stadt der Elfenbeinküste, sondern in Libyen - einem vom Bürgerkrieg zerrütteten, chaotischen Land, wo die Menschen aber im Durchschnitt immer noch viermal mehr verdienen als in der Elfenbeinküste.

Tamila, Geschäftsinhaberin in Abidjan
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Tamila, Geschäftsinhaberin in Abidjan

Tamila wollte ihrem Verlobten folgen und in Libyen ihr Geschäft aufbauen, erzählt sie. Doch der Trip sei zum Alptraum geworden. Krieger hätten sie gefangengenommen und drei Monate lang in ein Lager gesteckt. "Es gab nur einmal pro Tag Nahrung, kein Waschwasser, mehrere Menschen mussten sich einen Raum teilen", sagt sie. Migranten seien zusammengeschlagen worden, "nur weil sie schwarz sind". Manche habe man gesteinigt. Nur weil sie ein kleines Kind dabeigehabt habe, sei sie nicht vergewaltigt worden, wie so viele andere Frauen.

Im März wurde die Ivorerin von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in ihr Heimatland zurückgeholt, zusammen mit 155 anderen Menschen. Es war der erste Flug dieser Art. Inzwischen hat die IOM fast 9000 Migranten aus Libyen in 24 Herkunftsländer gebracht.

Rückflug aus der Hölle

In Libyen ist die Lage für Migranten dramatisch. Die international anerkannte Regierung herrscht bestenfalls über Teile des Landes, vielerorts liegt die Macht bei denen, die gerade die militärisch Stärksten sind - und sie nutzen Migranten oft skrupellos aus. Tausende sind in Lager eingepfercht, in denen laut deutschen Diplomaten mitunter erschütternde Zustände herrschen. Nach Erkenntnissen der IOM wurden rund 80 Prozent der nigerianischen Frauen, die es nach Italien geschafft hatten, auf dem Weg dorthin ausgebeutet, zum Teil in regelrechten Prostitutions-Netzwerken. Männer werden auf Sklavenmärkten als Arbeitskräfte angeboten - ein Umstand, auf den die IOM in ihren offiziellen Berichten bereits seit April hinweist.

Doch für politische Folgen sorgte erst das Video einer Sklaven-Auktion, das der US-Sender CNN kurz vor dem EU-Afrika-Gipfel Ende November veröffentlichte und das dort zu einem der zentralen Themen wurde. Die Empörung insbesondere unter den afrikanischen Staats- und Regierungschefs war groß; die Afrikanische Union beschloss auf dem Gipfel prompt die Rückholung von 3800 weiteren Migranten aus Libyen.

Das aber lindert nur einen winzigen Teil des Problems. 700.000 bis eine Million Auswanderer sind nach IOM-Schätzungen in Libyen gestrandet. Wie viele von ihnen nach Europa wollen, weiß niemand. Klar scheint nur, dass der 2011 durch westliche Luftangriffe unterstützte Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi zu Europas Migrationsproblem beigetragen hat. "Erst als es nach dem Umsturz zu Chaos kam und sich der Rassismus offen Bahn brach, machten sich viele der Menschen auf den Weg nach Europa", sagt eine IOM-Mitarbeiterin.

Viele wollen nur eines: nach Europa

5389 der 8819 Migranten, denen die IOM in diesem Jahr bei der Rückkehr geholfen hat, bekommen finanzielle Unterstützung beim Aufbau einer neuen Existenz. Unter ihnen ist Tamila. Mit 2000 Euro Starthilfe hat sie ein kleines Geschäft in Abidjan eröffnet, sie verkauft dort Kleidung und allerlei Haushaltswaren. "Ich will mein Geschäft vergrößern und meiner Familie helfen", sagt sie. Nach Libyen will sie nie wieder zurück. "Ich würde meinen schlimmsten Feind nicht dorthin schicken."

Abidjan
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Doch die Reintegration zurückgekehrter Migranten in ihre Heimatländer gelingt selten so gut wie mit Tamila. Stattdessen gibt es viele Geschichten wie die von Diaby Baba.

Er wollte nicht in Libyen bleiben, sein Ziel war Europa. Rund 4000 Euro habe er Schmugglern allein dafür bezahlt, ihn nach Libyen zu schleusen. Für die angestrebte Flucht nach Europa gab er weitere Tausende Euro aus. Die genaue Summe weiß er nicht mehr.

Der erste Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, scheiterte. "Ein Fischerboot schleppte uns zurück zur Küste", sagt Baba. Dort hätten ihn Milizionäre an ein Internierungslager verkauft, dessen Betreiber ihn als Arbeitskraft weiterverkaufen wollten. Nach einer Woche sei er gemeinsam mit 16 Insassen entkommen, aber erneut von Milizionären geschnappt worden. "Sie erschossen zwei Ghanaer und einen Nigerianer", erzählt Baba.

Dann hätten ihn Schmuggler erneut auf See geschickt. Rund 140 Menschen seien an Bord des Schlauchboots gewesen, darunter viele Babys. Doch auch dieses Boot schlug leck. "Ich hatte schon meine Hose und mein Hemd ausgezogen, damit mich bei einer Panik niemand unter Wasser zieht", sagt Baba. Zurück in Libyen landete er wieder im Gefängnis, diesmal für einen Monat. Nach seiner erneuten Flucht habe seine Familie abermals einen Schmuggler für den Trip übers Mittelmeer bezahlt. Diesmal stoppten libysche Migrantenjäger, die sich Asma Boys nennen, das Boot. Ein drittes Mal landete Baba in Gefängnis und Zwangsarbeit, wieder konnte er entkommen. Anschließend wandte er sich an das IOM, das ihn in die Elfenbeinküste zurückbrachte.

Dort bleiben will er aber keinesfalls. "Ich habe alles verloren", sagt der Ivorer mit dem bulligen Körper und den harten Gesichtszügen. Als er zurückkehrte, habe sein kleiner Sohn ihn gefragt, wo das Fahrrad sei, dass sein Vater ihm vor der Abreise nach Europa versprochen habe. Baba kaufte das Rad von dem kleinen Taschengeld, das er von der IOM bekommen hatte. "Hier gibt es für mich nichts außer Schande", sagt Baba. Deshalb will er so bald wie möglich ein viertes Mal die Reise nach Europa wagen - auch wenn er dabei sterben könnte, so wie mehr als 3000 Menschen allein in diesem Jahr. "Ich habe nichts mehr zu verlieren, weil ich schon alles verloren habe."

Hühnerfarmer statt Fußballprofi

So denken viele, die es nicht bis ins gelobte Land Europa geschafft haben. Das liegt zum einen an der Perspektivlosigkeit. Die Wirtschaft der Elfenbeinküste etwa gilt als die stärkste Westafrikas, doch die Arbeitslosenquote liegt auch hier bei über neun Prozent. Fast die Hälfte der Bewohner muss von weniger als 250 Euro leben - im Jahr. "Es gibt einfach nicht genug zu tun", meint Jean-Marie Gbogouri. Der 21-Jährige hat eine Elektrotechniker-Ausbildung - und führt nun eine kleine Hühnerfarm, die er mit dem Startgeld der IOM aufgebaut hat. Das ist weit entfernt von dem, was ihm die Schmuggler einst versprochen hatten: ein Auskommen als Fußballprofi in Tunesien.

Hühnerfarmer Jean-Marie Gbogouri
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Hühnerfarmer Jean-Marie Gbogouri

Ein weiterer Grund für Probleme bei der Rückkehr ist, dass die gescheiterten Migranten in ihrer alten Heimat keineswegs immer willkommen sind - mitunter selbst in ihrer Familie nicht. "Junge Männer werden oft gedrängt, anderswo ihr Glück zu suchen", sagt IOM-Mitarbeiterin Florence Kim. "Sie bekommen zu hören, dass sie die Zukunft der Familie seien." Kämen sie mit leeren Händen zurück, würden sie oft stigmatisiert. Mancher traue sich nicht einmal, nach der Rückkehr mit seiner Familie wieder Kontakt aufzunehmen.

Viele Herkunftsländer haben noch aus einem anderen Grund wenig Interesse, die Migration Richtung Europa einzudämmen: Die Auswanderer schicken riesige Geldmengen zurück in die Heimat. Nach Zahlen der Weltbank flossen 2017 auf diesem Weg rund 57 Milliarden Dollar in den Nahen Osten und nach Nordafrika - mehr als das Doppelte der offiziellen Entwicklungshilfe von 24 Milliarden Dollar. Auch in den Staaten südlich der Sahara liegen die privaten Rücksendungen (36 Milliarden Dollar) nicht mehr allzu weit unter der offiziellen Entwicklungshilfe (46 Milliarden Dollar).

Afrikaner haben eigenes Migrationsproblem

Aus Sicht armer Länder mit hohen Arbeitslosenquoten ist ein Auswanderer, der Geld zurückschickt, oft besser als ein unzufriedener und erwerbsloser Daheimgebliebener. Was in Europa zudem kaum bekannt ist: Viele afrikanische Staaten haben ihr eigenes Problem mit hoher Einwanderung, die weitaus meisten Migranten sind innerhalb des Kontinents unterwegs. "26 Prozent unserer Bevölkerung sind keine Ivorer", sagt Issiaka Konaté vom Integrationsministerium der Elfenbeinküste. Man könne nicht einfach so Menschen zurücknehmen, deren Staatsangehörigkeit nicht geklärt sei. Er selbst etwa habe in England studiert, sagt Konaté. "Wenn ich dorthin zurückkehren wollte, alle meine Dokumente verloren hätte und an der Grenze behaupten würde, ich sei Brite - würde man mich hereinlassen?"

Für die Europäer aber ist die Rücknahme größerer Zahlen abgelehnter Asylbewerber eine unerlässliche Voraussetzung, um mehr legale Migration in die EU zu ermöglichen. "Kein Innenminister würde Tausende Menschen hereinlassen, wenn er nicht sicher sein kann, dass die meisten wieder zurückkehren", sagt Günter Nooke, Afrika-Beauftragter von Kanzlerin Angela Merkel. Dazu brauche es klare Vereinbarungen mit den afrikanischen Staaten.

Doch bei der Diskussion über Maßnahmen gegen Migration dürfe man eines nicht vergessen, warnt Marina Schramm, Leiterin der IOM-Mission in der Elfenbeinküste: "Hier sterben Menschen. Sie werden missbraucht, sie werden in der Wüste und auf dem Meer zurückgelassen." Man müsse Schmuggler bekämpfen, nicht Migranten.


Zusammengefasst: Tausende Migranten werden dabei unterstützt, aus katastrophalen Zuständen in Libyen in ihre Heimatländer zurückzukehren. Dort aber erwartet viele eine ungewisse Zukunft und soziale Ausgrenzung, andere wollen sich erneut auf den Weg nach Europa machen. Die Herkunftsländer nehmen abgelehnte Asylbewerber meist nur widerwillig zurück - wenn überhaupt. Für europäische Staaten steht und fällt damit jedoch ihre künftige Migrationspolitik.

insgesamt 113 Beiträge
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Freundschafter 30.12.2017
1. Nicht toll!
Zugegebener Maßen nicht so toll wenn man wieder zurück geht und nicht willkommen ist! Aber diese Probleme können wir ja nicht zu unseren Problemen machen.
mat_1972 30.12.2017
2.
Zurückgekehrte Migranten in Afrika: Wohin er auch geht - Jean-Marie ist unerwünscht Ja.... Das tut mir für Jean-Marie wirklich und ehrlich total leid. Und in einer gerechten Welt würde jeder Weltbürger auf 0,00001% seines Einkommens und Vermögens verzichten müssen, damit er menschenwürdig leben kann. Dummerweise ist diese Welt aber nicht so. Und solange dies nicht der Fall ist, bleibt uns nix anderes übrig, als abzuwarten und NICHT Vorreiter zu spielen. Wenn man in ein wohlhabendes Land massenhaft "unwohlhabende" holt, ist dieses Land bald nicht mehr wohlhabend. Einfache Mathematik..... Also wem hat es langfristig dann geholfen? Niemandem. Wenn gleich es ein wenig zynisch ist: Wenn sich ein oder zwei Ertinkende an einen guten Schwimmer hängen werden alle drei ertrinken. Wir alleine (also BRD) können die Welt leider nicht zu einem besseren Ort machen.
franz.B 30.12.2017
3. Im eigenen Land überflüssig ?
Woran liegt es denn, wenn sozial kompetente Menschen mit Arbeitswillen in ihrem eigenen Land nicht mehr willkommen sind ? Sind sie dann eine Bereicherung für Europa ? Kann der Spiegel das einmal ein wenig besser recherchieren ?
UnitedEurope 30.12.2017
4.
Alles traurig, aber man stumpft ab und wenn ich mir bald nicht mehr die Miete für meine Wohnung leisten kann, dann fangen die Leute natürlich an die Schuld bei den Immigranten zu suchen. Das mag zwar unfair sein, aber es ist eben so, dass das Leben in Deutschland nicht für alle immer besser wird, da kann die CDU das noch so oft Plakatieren. Man darf andere nicht vergessen, aber das Hemd ist mir näher als die Hose.
isar56 30.12.2017
5. Frust und Enttäuschung
bliebe vielen erspart, kämen sie nicht mit der Erwartung nach Deutschland, hier Haus, Auto, Studienplatz etc. serviert zu bekommen. Ich bin hauptberuflich in einem Integrationsteam tätig. Die Erwartungen und Forderungen der meisten dieser Menschen, die hierher kommen sind abwegig/unrealistisch. Viele wollen Medizin oder Maschinenbau studieren und beherrschen die Grundrechenarten nicht. "Fuck germany." Aufklärung tut not.
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