Afrika Paradies der brutalen Selbstherrscher

Die Krise in Kenia hat in Afrika viele Vorbilder. Der Kontinent leidet seit Jahrzehnten unter der Raffgier und Selbstherrlichkeit vieler seiner Führer. Gestützt wird deren Regime durch ein gut funktionierendes Netzwerk internationaler Entwicklungshelfer.

Nairobi - Das Argument war von unfreiwilliger Komik, und es war gleichzeitig von unfreiwilliger Weisheit. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Euro-Afrika-Gipfel in Lissabon den simbabweschen Autokraten Robert Mugabe öffentlich zusammengefaltet hatte, schimpfte Senegals Präsident Abdoulaye Wade beleidigt, Merkel habe überhaupt keine Ahnung von der Lage in Afrika. Mugabe zu kritisieren sei schon deshalb zutiefst ungerecht, weil kaum jemand sagen könne, "dass die Menschenrechte in Simbabwe stärker verletzt werden als in anderen afrikanischen Ländern".

Die anwesenden Regenten applaudierten begeistert. Da hatte ihnen mal wieder einer so recht aus dem Herzen der Finsternis gesprochen. Die Logik hinter Wades gefeierter Äußerung lautet kurz zusammengefasst: Weil nicht nur in Simbabwe die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, sondern fast überall auf diesem Kontinent, möge man sich, bitteschön, mit Kritik zurückhalten. Despotismus ist demnach so etwas wie eine kulturelle Eigenart afrikanischer Staatsführung. Und kulturelle Eigenarten hat man zu respektieren.

In einem Punkt hat der Senegalese ja auch nicht ganz unrecht: Wer mit seiner Entwicklungshilfe munter Paul Kagames Tutsi-Diktatur in Ruanda, Äthiopiens Wahlfälscher Meles Zenawi oder Tschads Diktator Idriss Deby finanziert, darf sich schon einmal fragen lassen, warum er sich bei Mugabe immer so aufregt. Und das ja auch erst seit kurzem. Als "Comrade Bob", wie Mugabe genannt wird, Anfang der achtziger Jahre Zehntausende vom Stamm der Ndebele niedermetzeln ließ, ging ihm das als revolutionäre Notwendigkeit im antikolonialen Kampf durch. Der Sozialist konnte damals auch gar nicht genug für sein Vorgehen gegen die Weißen gefeiert werden. Erst viel zu spät erkannte der Rest der philanthropischen Welt, welche Natter sie die ganze Zeit an ihrer Brust genährt hatte.

Mugabe, Kagame, Zenawi, Deby - sie sind leider keine Ausnahmen, sondern eher die Regel. Gambia wird von einem durchgeknallten ehemaligen Catcher regiert; Uganda von einem Ex-Rebellen, der an der Macht klebt und aus unerfindlichen Gründen bis vor kurzem noch als Musterpräsident gehandelt wurde; Eritrea von einem Steinzeitkommunisten, der kein Problem damit hat, die Steinzeitislamisten in Somalia aufzurüsten. Der Sudan wird von einem Islamisten geführt, der Völkermorde an seinen Minderheiten anordnet - von Staaten wie Äquatorialguinea oder Libyen oder Gabun oder Guinea oder Angola oder Nigeria oder Kongo-Brazzaville einmal abgesehen. Selbst in Südafrika, dem Musterländle unseres Nachbarkontinents, sieht es nicht mehr so rosig aus, seit der ANC von einem Mann angeführt wird, der öffentlich gerne in Leopardenfellen herumhüpft und etwas von einem Maschinengewehr singt, das man ihm geben soll.

Auf der Gehaltsliste des deutschen Steuerzahlers

Seit Jahren wird in Afrika behauptet, die Zeit der Idi Amins, Bokassas und Mobutus (offizieller Titel: der Hahn, der alle Hennen besteigt) sei endlich vorbei, und dann entpuppen sich die vielgerühmten und von uns nach Kräften finanzierten neuen Führer als ebenso raffgierig, undemokratisch und skrupellos wie ihre Vorgänger. Wenn der deutsche Steuerzahler wüsste, wen er da alles auf seiner Payroll hat! 2006 hat Berlin rund 2,5 Milliarden Euro in die Länder südlich der Sahara transferiert. Davon bekam Kenia 36 Millionen ab, 28 Millionen flossen in die Demokratische Republik Kongo, 15 Millionen ins kleine Ruanda und 40 Millionen in den Sudan. Die neuen Herrscher auf dem Kontinent erscheinen vielleicht nicht mehr so feist wie ihre Vorgänger. Die Zahl der Toten, die auf ihr Konto gehen (Darfur, Kongo!), ist dafür wahrscheinlich um einiges höher.

Nun also der Kenianer Mwai Kibaki. Der hat eigentlich von Anfang an eine ziemlich konsequente Politik verfolgt: Er hat seine Kikuyu-Clique in die wichtigsten Positionen im Staat gebracht; er hat Personenkult betrieben; er hat dafür gesorgt, dass sein Koalitionspartner und politischer Rivale von der Macht weitestgehend ausgeschlossen blieb. Und sein Kabinett war offenbar mindestens so korrupt, wie das des schon sehr korrupten Diktators Daniel arap Moi gewesen war. Nun hat er die Wahlen gefälscht, weil er nicht von der Macht lassen kann. Das ist die afrikanische Krankheit.

Der Hamburger Afrikanist Rainer Tetzlaff hat sich die kaputten und durch und durch morschen afrikanischen Staatsgebilde angeschaut. "Die wichtigste Ursache des Staatsversagens lag kaum jemals primär an der Schwäche der gegeneinander streitenden Oppositionsparteien oder der Unerfahrenheit einer fragmentierten Zivilgesellschaft", schreibt der Politologe, "sondern im institutionell ermöglichten Fehlverhalten eines alternden 'Big Man' an der Spitze eines neo-patrimonialen Regimes." Dabei habe insbesondere die "ethnische Karte eine zentrale Rolle" gespielt, "bei deren Ausspielen man rasch politische Unterstützung mobilisieren konnte - auf Kosten der Nation und des Wohls der Gemeinschaft".

Tetzlaff schrieb das vor der kenianischen Krise, und er meinte zusammengebrochene Staaten wie den Kongo, die Elfenbeinküste oder das Ruanda unter Habiyarimana. Doch was er da zu Papier brachte, liest sich wie eine Blaupause für die gegenwärtigen Ereignisse in Kenia. Mwai Kibaki hat einen ethnischen Wahlkampf geführt und unter seinen Stammesgenossen eine geradezu panische Angst vor einem Präsidenten vom Stamm der Luo geschürt. Er hat sich als "Big Man" auf unverschämte Weise über demokratische Spielregeln und Formen des politischen Anstands hinweggesetzt. Er und seine Entourage haben sich schamlos bereichert. Und er ist bisher uneinsichtig - während das Land in eine Katastrophe schlittert. Noch scheint ihn das Chaos um ihn herum wenig zu interessieren.

Der schwarze Täter zählt wenig

Demokratie ist in Afrika ein relativ neues Phänomen. Bis in die sechziger Jahre herrschten fast überall die Kolonialmächte, danach Diktatoren entlang der Fronten des Kalten Kriegs: hier Mobutu, dort Mengistu. Massenmorde sah man den Herrschern nach, wenn nur die Ideologie stimmte. Dass in europäischen Medien ein schwarzer Toter weniger zählt als ein weißer, ist jedenfalls ein sich hartnäckig haltender Mythos. In Wahrheit zählt nämlich nicht das schwarze Opfer wenig, sondern der schwarze Täter.

Wo sonst auf der Welt hätte man sich solche Leichenberge leisten können, ohne den Verlust der Reputation und internationalen Unterstützung zu riskieren? In Afrika geht das immer noch. Und das ist wenigstens ein Grund dafür, warum das Schuldbewusstsein der afrikanischen Alleinherrscher so unterentwickelt ist. Jahrzehntelang haben ihnen die Entwicklungshelfer souffliert, für all das von ihnen angerichtete Elend sei in Wirklichkeit das böse Erbe des Kolonialismus verantwortlich. Hätte man doch nur einen von ihnen so kritisch beurteilt wie Chiles Autokraten Augusto Pinochet oder Paraguays General Strössner! Vielleicht stünden einige Dinge heute besser.

Für die desolaten Zustände kommen also mehrere Faktoren zusammen: ein bestenfalls vordemokratisches Bewusstsein; Stammestraditionen, die extrem auf starke Führer ausgerichtet sind; Rentenstaaten, die fast nur von Rohstoffeinkünften leben und eine internationale Gemeinschaft, die sich benimmt, als sei es das normalste von der Welt, seinen Staat auszuplündern und Minderheiten auszurotten. Für das Desaster werden dann meistens die ungerechten, von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen oder die Globalisierung verantwortlich gemacht. Und wenn das Chaos komplett ist, finden sich mit Sicherheit ein paar Helfer, die alles wieder aufbauen.

Der Rest der Welt trägt aber wirklich eine Mitverantwortung für das Desaster. Dass afrikanische Führer viel Geld für Waffen, Luxuskarossen und teuren Schnickschnack haben, liegt auch daran, dass sie sich um das Gesundheitswesen, die Infrastruktur oder die Bildung nicht mehr zu kümmern brauchen, weil in Afrika praktisch alles, was unter die Fürsorgepflicht des modernen Staats fällt, von ausländischen Helfern übernommen wird.

Das weiß auch Mwai Kibaki. Woher soll dann sein Verantwortungsbewusstsein kommen? So etwas lernt man schließlich nicht in einem Workshop. Worum soll Kibaki sich sorgen? Es klingt absurd, aber: Sein autoritäres Gebaren verschafft Kibaki unter seinen Spießgesellen in der Afrikanischen Union nur noch mehr Respekt. Und je schlechter es Kenia aufgrund der von ihm angerichteten Krise geht, desto mehr Entwicklungshilfe wird er kurioserweise kassieren. Dafür werden seine Helfershelfer sorgen. Sie haben darin Routine.

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