Afrikanische Kindersoldaten Der Splitter wird bleiben
Jeder Schritt erinnert ihn an die Vergangenheit. An den Krieg. Bei jedem Schritt schmerzt der Granatsplitter in seinem Knie. Ngoy hinkt, als er das Blech aus dem Lehmofen hinüber zur Hütte trägt. Der süße Duft frisch gebackenen Brotes zieht durch das abgeschiedene Dorf Mulundu im zentralen Kongo. Der junge Bäcker bestreicht die heißen Brotlaibe mit Öl. Noch hängt Nebel über den üppigen Tälern. Kinder auf dem Schulweg kaufen die ersten weichen Brote. Ngoy hat Glück gehabt und Krieg überlebt. Er ist zurück in seinem Heimatdorf. Er hat Arbeit. Aber glücklich ist er nicht.
Ngoy war Kindersoldat. Einer von schätzungsweise 120.000 in Afrika. Überall dort, wo Konflikte für beendet erklärt werden oder der internationale Druck zu groß wird, werden Kindersoldaten demobilisiert. Sie werden entwaffnet und aus der Armee entlassen. Rehabilitierungsprojekte sollen ihre soziale Wiedereingliederung gewährleisten. Aber das ist nicht einfach. Die Kinder haben die militärischen Verhaltensweisen verinnerlicht und sind oft schwer traumatisiert. Sie sollen nach Hause zurückkehren. Aber meist sind ihre Familien geflohen, wurden im Krieg auseinander gerissen, leben in Armut. Und die ehemaligen Kindersoldaten stehen da: Ohne Waffe, die ihnen Respekt verschaffen, ohne Ausbildung, ohne Geld. In Afrika kommt man nicht mit leeren Händen zurück.
Papy hat eine Matratze von einer Hilfsorganisation bekommen. Er hat sie in die hintere linke Ecke der Hütte gelegt, der einzigen Stelle, wo das Dach dicht ist. Wenn es regnet, muss er sich die Matratze mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester teilen. Papy ist ein schüchterner Junge, zu klein und schmächtig für einen 16-Jährigen. Sechs Jahre lang hat er für die kongolesische Armee gegen Rebellen gekämpft. Seit einem halben Jahr lebt er wieder in Kinshasa. Papy sei anders geworden, erzählen seine Eltern. Er würde sich nicht mehr an die Regeln halten, stattdessen würde er von seinen Rechten reden und Befehle erteilen. Sie Auf den zerfurchten Gesichtern spiegeln sich Liebe und Misstrauen. In einem Emaillekessel kocht Tee.
Papy hat gemordet und vergewaltigt
Papy ist wütend. Auf seine Eltern, auf das Leben, auf die Armut. Wenn er nach zwölf Stunden Arbeit in der Autowerkstatt nach Hause kommt, gibt es oft nichts zu essen. Die Eltern haben nichts, keine Arbeit, kein Geld. Sie stehen seinen Wutausbrüchen hilflos gegenüber. Der Vater sagt, er sei glücklich, dass Papy wieder da ist. Er sei ein guter Junge, ergänzt die Mutter. Aber sie wissen auch, dass er gemordet und vergewaltigt hat.
Papy und Ngoy waren zusammen in Bupolé, einem Rehabilitationszentrum der deutsch-französischen Kinderrechtsorganisation BICE (Bureau Internationale Catholique de l'Enfance). Sie gehören zu über 100 ehemaligen Kindersoldaten, die seit Herbst 2003 in dem "Friedensdorf" auf das zivile Leben vorbereitet wurden. Sie haben Schulunterricht nachgeholt und eine Ausbildung bekommen, sie wurden medizinisch versorgt und psychologisch betreut. Sie haben gelernt, Konflikte mit Worten und nicht mit Waffen auszutragen und beim Fußball auch mal zu verlieren. BICE hat mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes ihre Eltern ausfindig gemacht und in ihrem Heimatdorf einen Arbeitsplatz beschafft.
Bupolé ist ein Pilotprojekt - weil es einen neuen Ansatz verfolgt und weil es von der belgischen Regierung und aus Spendengeldern finanziert wird und damit unabhängig von den übergeordneten Programmen der Unicef ist. Das Rehabilitationszentrum liegt inmitten des Dorfes Tubuluku in der Nähe der Provinzhauptstadt Kananga, rund 850 Kilometer östlich von Kinshasa. Jede neue Gruppe ehemaliger Kindersoldaten wird durch ein Begrüßungsritual symbolisch in die Gemeinschaft aufgenommen.
Kindersoldaten sind Opfer - und Täter
Die Rehabilitation soll nachhaltig sein: durch einen Aufenthalt von mindestens drei Monaten im Friedensdorf und eine Nachsorge durch Sozialarbeiter in den Heimatorten. Jedoch reicht die intensive Betreuung in Bupolé nicht, um die seelischen Wunden der Kinder zu heilen. Auf Traumaheilung spezialisierte Psychotherapeuten gibt es im Kongo nur wenige und BICE hat kein Geld, um sie zu bezahlen. So bleiben die Traumata der Kindersoldaten unbehandelt und unsichtbar wie der Splitter in Ngoys Bein.
Zusammen mit fünf anderen Jungs schraubt Papy am Motor eines alten Ford mit dreckigen Fingern und groben, altertümlichen Werkzeugen. Sein Haarschnitt ist cool, die Turnschuhe sind es auch. Der ölverschmierte blaue Kittel reicht ihm fast bis zu den Knien. Ein Kollege legt ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Blitzschnell fährt Papy herum: Körperspannung, Aggression, Kampfbereitschaft. Es sind alte Reflexe, die ihm im Nahkampf oft das Leben gerettet haben. Am Anfang waren die anderen Jungs ablehnend und ängstlich. Mittlerweile ist Papy einer von ihnen. Er hat ihnen vom Krieg erzählt. Doch das fällt ihm schwer. Um davon zu reden, muss er sich erinnern. Bilder, die er tagsüber durch die Arbeit verdrängen kann. Bilder, die ihn nachts in seinen Alpträumen quälen. "Einmal habe ich mich an einer Kante geschnitten", erzählt Papy, "ich sah mein Blut und plötzlich war überall um mich herum Blut, das Blut der Menschen, die ich getötet habe, das Blut von meinen Kameraden, die ich sterben sehen musste, das Blut von Frauen, die wir vergewaltigt haben."
Kindersoldaten sind Opfer und Täter zugleich. Was Kinder wie Papy und Ngoy im Krieg durchgemacht haben, ist ebenso wenig vorstellbar wie die Dinge, die sie anderen Menschen angetan haben. Die Liste ist lang: Verlust von Heimat und Familie, körperliche und sexuelle Misshandlungen, Flucht, Hunger, Gefängnis. Sie wurden gezwungen zu morden, haben geplündert und vergewaltigt, ihre Angst mit Drogen betäubt. Psychologen sprechen von multiplen Belastungen. Die Folgen sind posttraumatische Stresssymptome wie Alpträume, Schlaflosigkeit, Angstzustände, ständige Wachsamkeit. Traumatische Erinnerungen brechen, ausgelöst durch Gerüche oder Geräusche, immer wieder in das Bewusstsein. Dazu kommen oft emotionale Abstumpfung, Selbsthass und Rachephantasien.
Ngoy fühlt sich betrogen
Ngoy hat Verbitterung im Blick. Für seinen Dienst in der Armee wurde ihm viel versprochen: Geld, ein Auto, ein Handy. Der ehemalige Präsident Laurent Kabila, der ihm das Versprechen gab, ist tot. Auch die Demobilisierung wollte der Staat belohnen. Für 300 US-Dollar Prämie war Ngoy bereit, die Waffen abzugeben. Bekommen hat er nichts. Er fühlt sich betrogen. Fünf Jahre Krieg, Flucht, Gefängnis haben ihn um seine Jugend gebracht. Haben ihm Chancen geraubt. Und bereiten ihm immer noch Schmerzen, bei jedem Schritt.
Ngoy versucht, diese Gefühle zu erklären. Hillaire, sein Sozialarbeiter von BICE, sitzt ihm gegenüber, hört ihm zu. Abrupt steht Ngoy auf und geht weg. Er humpelt. Das schmutzige weiße Sporthemd schlackert um seine magere Gestalt. An der nächsten Ecke steckt er sich einen Joint an, zieht wild. Nach einer Weile kommt er zurück. Sein Blick ist leer. Er sieht erschöpft aus, verzweifelt. Jedes Mal hat er Angst, dass Hillaire, dem er so große Vorwürfe macht, nicht wiederkommt. Ihn alleine lässt.
Ein psychisches Trauma ist eine ständige Bedrohung, die die Bewältigungsmöglichkeiten des Menschen übersteigt und das gesamte Selbst- und Weltverständnis erschüttert. So die Definition von Hubertus Adam, der als Leiter der Flüchtlingsambulanz an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf mit kriegstraumatisierten Kindern arbeitet. Am schwierigsten zu verarbeiten sind Katastrophen, die nicht schicksalhaft passieren, sondern von Menschen bewusst hervorgerufen werden: Missbrauch, Vergewaltigung, Folter oder Krieg. Der Aufbau von Beziehungen zu anderen Menschen wird dadurch ungemein erschwert.
Hohe Rückfallquote
Auch BICE kann oft das Vertrauen nicht wiederherstellen und die Versprechen nicht einlösen, die andere den Kindersoldaten gegeben haben. Die BICE-Mitarbeiter können nicht mehr leisten, als die Wiedereingliederung zu erleichtern. Und das ist schon mehr, als andere erreichen. Viele der ehemaligen Kindersoldaten bleiben nicht lange bei der Familie. Zu schwer ist es, sich den traditionellen, patriarchalen Gemeinschaftsstrukturen unterzuordnen. Einige versuchen, sich ihre Träume von Reichtum und Ansehen zu erfüllen, und arbeiten unter erbärmlichen Bedingungen in den Diamantenminen. Viele von ihnen aber flüchten sich in die vertraute Welt von Waffen und Kampf. Sie schließen sich kriminellen Banden an, leben auf der Straße, nehmen Drogen. Viele melden sich wieder bei der Armee, sobald sie 18 sind.
Papy träumt davon, wegzugehen. Er will Fahrer werden. Von seinem Verdienst könnte er Leute bezahlen, die für ihn nach einem riesigen Diamanten graben. Den würde er dann verkaufen und mit dem Geld nach Europa fliegen. Dort würde er wieder als Fahrer arbeiten und den Lohn seinen Eltern schicken. Sie könnten sich damit ein Haus mit richtigem Dach kaufen und jeden Abend Fleisch essen. Ngoy ist dageblieben. Noch. Obwohl es von seinem Dorf nicht weit ist bis zu den großen Minen in Mbuji-Mayi. Aber es ist nicht leicht. Der Splitter in seinem Bein schmerzt. Und mit der Bäckerei verdient er kaum genug zum Leben.
Für eine erfolgreiche Wiedereingliederung ist es wichtig, dass die ehemaligen Kindersoldaten arbeiten können, damit sie beschäftigt sind, ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und Anerkennung bekommen. Eine große Chance sieht Adam in der Verbindung von westlicher Psychotherapie mit überlieferten kulturellen Methoden wie Reinigungsritualen traditioneller Heiler. Ngoy wird wahrscheinlich nie die Möglichkeit einer Traumatherapie bekommen. Ein Arzt, zu dem Hillaire ihn geschickt hat, konnte nicht einmal einen Splitter in seinem Bein finden. Aber Ngoy weiß, dass der Granatsplitter in seinem Knie ist. Nun wird er wohl dort bleiben. Und ihn weiter bei jedem Schritt an den Krieg erinnern.
Text: Ellen Prowe, Fotos: Michael Bause
Die Fotos von Michael Bause sind in der Ausstellung "Kinder eines vergessenen Krieges" vom 6. September bis zum 1. Oktober 2005 im Studio DuMont in Köln zu sehen.