Agent-Orange-Opfer in Vietnam Frau Truongs endloser Krieg

80 Millionen Liter Entlaubungsmittel warfen die Amerikaner im Vietnam-Krieg auf das Land ab. Bis heute leiden die Menschen an den Folgen des Herbizideinsatzes. Kinder werden mit schwersten Behinderungen geboren, Hilfe gibt es kaum - und auf Entschädigung warten die Opfer vergebens.
Fotostrecke

Agent-Orange-Opfer: Das Gift, das vom Himmel kam

Foto: Till Mayer

Frau Truong Thi Thuys Erklärung für Glück ist so einfach, dass sie schmerzt. "Glück", sagt sie, "Glück ist für mich, wenn meine Kinder wenigstens eine Zeitlang nicht krank werden und ich mich neben der Feldarbeit um sie kümmern kann." Dann führt sie den roten Becher an die Lippen ihres Sohnes und senkt den Blick.

Es ist dämmrig in der Hütte. Durch die offene Tür sieht man die angrenzenden Reisfelder, den nahen Dschungel. Für ihren Sohn ist diese Welt, die er täglich durch den Eingang beobachtet, unerreichbar. Er hört, wenn der Regen auf das Dach prasselt. Er sieht, wenn die Sonne auf den Wald brennt, und die Bananenstauden fast im gleißenden Licht verschwinden. Wie sich sein Vater mit dem Ochsen durch die schlammigen Felder müht, bis das Abendrot der Dunkelheit weicht.

Das alles liegt nur wenige Meter entfernt. Aber der 23-Jährige kann nicht einmal seine Hand in Richtung Tür ausstrecken. Seine Arme und Beine sind dünn wie Stecken, die Knochen krumm gewachsen, der Kopf riesig, die Füße bizarr verdreht. Sein Körper wirkt zerbrechlich, als wäre er aus Glas. Neben ihm liegt sein 16-jähriger Bruder. Beide sehen aus, als wären sie Zwillinge. Ihre Welt ist klein: eine Holzpritsche, vielleicht 1,70 mal zwei Meter groß, mit einigen Kissen, einer Bastmatte und Decken darauf - und in drei Schritten Entfernung eine offene Tür.

Sechs Kindern hat Truong Thi Thuy das Leben geschenkt, vier davon kamen mit Behinderungen zur Welt. Eines ist schon gestorben, eine weitere Tochter "versteht nicht so schnell", wie die 50-Jährige es ausdrückt. Und dann sind da ihre beiden Söhne, die eigentlich Pflege rund um die Uhr brauchen und durch ihr schwaches Immunsystem besonders anfällig für Krankheiten sind. Wenn Truong Thi Thuy nur genügend Zeit für ihre Kinder finden würde. Wenn sie nicht oft zwölf bis 14 Stunden am Tag auf dem Feld rackern müsste.

Vietnams

Ist nach der Ernte weniger zu tun, verdient sich ihr Mann als Tagelöhner ein bisschen Geld hinzu. Vor Monaten war er in der Küstenstadt Da Nang und staunte, wie dort die Hochhäuser in den Himmel wachsen. Leuchtreklamen in allen Farben des Regenbogens künden von Wirtschaftswunder. Eine mächtige Brücke spannt sich grazil und scheinbar federleicht über den Fluss. Vielleicht fühlte er sich da ein wenig wie seine Söhne, wenn sie durch ihre Tür auf eine unerreichbare Welt blicken.

Farbenfrohe Giftküche der amerikanischen Kriegsführung

Vietnam-Krieges,

Im Heimatdorf der Familie ist die Neuzeit noch nicht angekommen. Hoi Lam heißt die Ansammlung von Hütten und kleinen Bauernkaten, zu der sich je nach Jahreszeit ein staubiger oder schlammiger Weg durch den Dschungel schlängelt. Hoi Lam liegt im satten Grün. Doch die Natur ist erst seit Mitte der achtziger Jahre wiedergekehrt. Davor ragten hier kahle Baumstämme wie schwarze Pfähle in den Himmel. Hoi Lam lag in einer Kampfzone des und über das Dorf und seine Umgebung donnerten die Bomber. "Sie kamen jahrelang und sprühten ihr Gift", sagt Truong Thi Thuy.

Rund 80 Millionen Liter Herbizid gingen nach Angaben des Vietnamesischen Roten Kreuzes zwischen 1961 bis 1971 im Süden Vietnams nieder. Sie sollen 360 Kilogramm hochgiftiges Dioxin enthalten haben. 50 Millionen Liter davon waren das sogenannte Agent Orange, das seit 1965 verwendet wurde. Agent Orange, der Name des Entlaubungsmittels stammt von den orangefarbenen Kennzeichnungsstreifen auf den Giftfässern. Es gab auch Agent Purple, Agent Blue, Agent Green, Agent Yellow, Agent White und sogar Agent Pink. Die farbenfrohe Giftküche war wesentlicher Bestandteil der amerikanischen Kriegsführung.

Der Dschungel sollte durch flächendeckende Entlaubung als Rückzugsgebiet und Basis für den Vietcong unbrauchbar gemacht werden. Auf Felder gesprüht, reduzierte es die Nahrungsversorgung des "Feindes". So regnete das Gift jahrelang auf Natur und Menschen.

Die Bewohner von Hoi Lam flüchteten vor den Kampfhandlungen, Truong Thi Thuys Familie brach wahrscheinlich zu spät auf. Oder sie kam zu früh zurück. Vielleicht hätten sie auch niemals zurückkehren sollen. Der Boden könnte selbst heute noch immer mit Dioxin belastet sein, zumindest dürfte er es für Jahre gewesen sein.

Die Opfer reichen bis in die dritte Generation

Drei Millionen Menschen, nimmt das Vietnamesische Rote Kreuz an, sind Agent-Orange-Opfer. Die Organisation schätzt, dass davon 150.000 Kinder genetische Defekte haben. Mittlerweile ist die dritte Generation betroffen.

Truong Thi Thuy wird wohl niemals endgültig beweisen können, dass ihre behinderten Kinder Agent-Orange-Opfer sind und dass sich ihr eigenes Erbgut oder das ihres Mannes durch den Herbizideinsatz verändert haben. Dazu wären teure medizinische Untersuchungen notwendig. Aber diese Tests könnte die Familie niemals bezahlen. Sie würden ihr auch nicht helfen, eine Entschädigung zu erkämpfen. Vor amerikanischen Gerichten scheiterten die Klagen der vietnamesischen Agent-Orange-Opfer. Außergerichtlich konnten sich zumindest die betroffenen US-Soldaten Kompensationen in Höhe von rund 200 Millionen Dollar sichern.

"Weder in der Familie meines Mannes noch in meiner wurden vor dem Krieg Kinder mit Behinderungen geboren. Vier meiner Kinder sind krank auf die Welt gekommen. Das kann nur das Gift sein, das die Flugzeuge auf uns gesprüht haben", sagt die 50-Jährige. Truong Thi Thuy muss weiter mit den Folgen eines Krieges kämpfen, in dem bereits seit 35 Jahren die Waffen schweigen, und der doch für sie nie enden wird.

Rotkreuzhelfer geben Hilfen zum Überleben

Fotostrecke

Agent-Orange-Opfer: Das Gift, das vom Himmel kam

Foto: Till Mayer

Das Vietnamesische Rote Kreuz hat ein eigenes System entwickelt, um mutmaßliche Agent-Orange-Opfer zu identifizieren. So müssen zum Beispiel ehemalige Kämpfer oder Zivilisten für einen längeren Zeitraum in den besprühten Gegenden im Einsatz gewesen sein oder dort gelebt haben. Oder es muss eine andere Form des Kontakts mit den Herbiziden stattgefunden haben: zum Beispiel durch verseuchte Behälter. Die Kriterien gelten auch für die Eltern der nachfolgenden Opfergenerationen. Deren Erkrankungen und Behinderungen müssen zu den Agent-Orange-Symptomen passen. Ein weiteres wichtiges Indiz kann die gleichartige Erkrankung von Geschwistern sein.

Das alles erklärt Huynh Thi Thanh Binh. Sie ist im Rotkreuz-Verband von Quang Nam für die Unterstützung von mutmaßlichen Agent-Orange-Opfern zuständig. "22.000 bei einer Bevölkerungszahl von rund 1,5 Millionen", sagt sie.

In jedem der betroffenen Dörfer und Gemeinden gibt es Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit riesigen Köpfen, verkrüppelten Gliedmaßen, Hautausschlägen, Kiefer-Gaumen-Spalten und geistigen Behinderungen. Ehemalige Frontkämpfer, auf die das Gift genauso niederkam wie auf Zivilisten. Bauern, die unwissend die leeren Agent-Orange-Behälter als Fässer für Trinkwasser und Lebensmittel nutzten und so ihr Erbgut unwiderruflich schädigten.

Mit seinem "Agent Orange Victims Fund" hilft das Rote Kreuz mit dem Notwendigsten. Es verteilt Rollstühle, unterstützt den Hausbau. Aber auch Behindertenwerkstätten wurden eingerichtet. Ein Zuschuss der Stiftung ermöglichte der Familie von Truong Thi Thuy den Neubau eines schlichten Hauses. Die Nachbarn halfen auf der Baustelle mit. Dazu gab es noch eine Kuh als weitere Spende vom Roten Kreuz. Hilfen zum Überleben.

Huynh Thi Thanh Binh würde ihre Arbeit gern ausweiten. "Kleine Werkstätten, bei denen die Agent-Orange-Opfer nach ihren Möglichkeiten ein Handwerk erlernen können. Davon bräuchten wir mehr. Oder Existenzgründerkredite, damit sich Menschen mit Behinderungen ihre eigene Zukunft aufbauen können", sagt die Rotkreuz-Mitarbeiterin.

"Was wird aus meinen Kindern?"

Es gibt positive Beispiele - wie das "Phuong Dong Institute" in der Nähe von Hanoi, eine Einrichtung des Roten Kreuzes für Menschen mit Behinderungen und mutmaßliche Agent-Orange-Opfer. Mit Näh-, Stick- und Computerkursen bereiten sich hier meist junge Menschen auf einen Beruf vor. Danach können sie sich selbstständig machen oder in Heimarbeit weiter für das Zentrum arbeiten. Doch gibt es zu wenige solcher Einrichtungen, viele Agent-Orange-Opfer erfahren keine Förderung.

Truong Thi Thuys Söhne haben ausgetrunken, die 50-Jährige stellt den roten Becher zur Seite. Streichelt mit der Hand die Wangen der jungen Männer. Die lächeln ihre Mutter an. "Es ist traurig. So viele Jahre nach dem Krieg haben unsere jungen Frauen weiter Angst, Kinder mit Missbildungen auf die Welt zu bringen", sagt die Bäuerin.

Zukunft und Vergangenheit, das hat Frau Truong Thi Thuy schmerzhaft gelernt, können oft nicht voneinander lassen. "Was wird aus meinen behinderten Kindern, wenn mein Mann und ich eines Tages nicht mehr sind? Oder wir zu alt sind, um uns um sie zu kümmern? Was dann?", fragt die Bäuerin, ihre Stimme zittert.

Sie dreht sich ein Stück weg. Zur Wand hin, wo das Licht von der Tür an Kraft verliert und niemand ihr Gesicht sieht. Ihre rechte Hand liegt auf der Schulter ihres Sohnes, sie wird kurz zur Faust. Der Sohn blickt weiter auf die Tür, durch die er nie gehen kann.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.