Air-Force-Panne A-Bomben-Flug über Amerika entsetzt Politiker

Mit Atomsprengköpfen flog die B-52 quer über die USA - ohne dass jemand davon wusste. Politiker sind entsetzt über die dramatische Sicherheitspanne bei der amerikanischen Luftwaffe. Das Pentagon beschwichtigt: Eine Gefahr habe nicht mal im Falle eines Absturzes bestanden.


Washington - Wie konnte das nur passieren? Militärs und Politiker in den USA rätseln über eine dramatische Sicherheitspanne bei der Luftwaffe: Am Donnerstag vor einer Woche war ein US-Langstreckenbomber vom Typ B-52 Stratofortress mit sechs Atomwaffen bestückt quer über die Vereinigten Staaten geflogen - entgegen aller Vorschriften und offenbar ohne dass jemand überhaupt davon wusste. Die Air Force hat inzwischen eine interne Untersuchung eingeleitet. Bis zum 14. September wurden alle militärischen Langstreckenflüge ausgesetzt.

Ein B-52 Stratofortress-Bomber der US-Luftwaffe, bewaffnet mit Marschflugkörpern (Archivbild): "Totales Versagen der Air Force"
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Ein B-52 Stratofortress-Bomber der US-Luftwaffe, bewaffnet mit Marschflugkörpern (Archivbild): "Totales Versagen der Air Force"

Vor allem die oppositionellen Demokraten äußerten sich entsetzt über den ominösen Zwischenfall. "Diese Berichte sind zutiefst beunruhigend", sagte der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus, Ike Skelton. Es gebe kein ernsteres Thema als die Sicherheit und sachgemäße Handhabung von Atomwaffen. "Das amerikanische Volk, unsere Verbündeten und auch unsere potenziellen Feinde müssen sich darauf verlassen können, dass unser Atomarsenal den höchsten Sicherheitsstandards unterliegt."

"So etwas ist noch nie passiert, und über Jahrzehnte hat man uns immer wieder gesagt, so etwas könne gar nicht passieren", sagte der Demokrat Edward Markey, Vorsitzender der Nonproliferation Task Force im Abgeordnetenhaus. "Das totale Versagen der Kontrollmechanismen des Air-Force-Kommandos über ausreichend Atomwaffen, um mehrere Städte zu zerstören, ist erschreckend, nicht nur mit Blick auf die Air Force, sondern auch mit Blick auf unser gesamtes Arsenal von Nuklearwaffen." Der Vorgang sei "unentschuldbar", sagte Markey.

Der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses des Senats, der Demokrat Carl M. Levin und der republikanische Senator und Präsidentschaftsbewerber John McCain äußerten sich in einer gemeinsamen Erklärung tief besorgt über den Zwischenfall. In einem Brief an Verteidigungsminister Robert M. Gates forderten sie die Einschaltung des Generalinspekteurs des Pentagons.

Atomwaffen zehn Stunden unbemerkt auf der Rollbahn

Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums war die Maschine am 30. August von der Minot Air Force Base im US-Bundesstaat North Dakota nahe der kanadischen Grenze mit zwölf Marschflugkörpern bestückt worden - sechs davon versehentlich mit nuklearen Sprengköpfen. Der Langstreckenbomber hatte dann das Land auf der gesamten Länge von Nord nach Süd überflogen, bis er nach dreieinhalb Stunden auf der Barksdale Air Force Base in Louisiana landete, wo die Cruise Missiles ausgemustert werden sollten.

Eine Chronologie des Vorfalls, den die Air Force gestern dem Kongress vorlegte, legt laut "Washington Post" nahe, dass die gefährlichen Waffen noch fast zehn Stunden auf der Rollbahn in Louisiana herumstanden, bis überhaupt jemand bemerkte, dass es sich um Atomwaffen handelte. Die Piloten wussten nichts von ihrer gefährlichen Fracht.

Die Armee sicherte eine umgehende Untersuchung des Vorfalls zu. Er wird als so ernst eingestuft, dass nicht nur Verteidigungsminister Robert Gates, sondern auch US-Präsident George W. Bush darüber unterrichtet wurde. Gates habe angeordnet, ihn von nun an täglich über den Fortgang der internen Ermittlungen zu informieren, erklärte ein Luftwaffensprecher. Die Air Force hat nach eigenen Angaben auch erste personelle Konsequenzen gezogen: Der zuständige Luftwaffenoffizier wurde vom Dienst suspendiert, weitere Mitarbeiter vorübergehend abgezogen.

Keine Gefahr für die Bevölkerung

Der Air-Force-Sprecher betonte jedoch zugleich, "dass die gesamte Munition die ganze Zeit über sicher und unter Kontrolle des Militärs war". Die öffentliche Sicherheit sei nie gefährdet gewesen. Die Sprengköpfe seien nicht scharf geschaltet gewesen und zudem mit einem mehrstufigen Sicherheitssystem ausgestattet, so dass sie nicht unbeabsichtigt explodieren könnten.

Auch seien die Waffen so konstruiert, dass sie einen starken Aufprall überstehen, ohne zu detonieren - auch einen Flugzeugabsturz. Der US-Sender CNN zitierte Armeevertreter mit der Einschätzung, dass die nuklearen Sprengköpfe im Falle eines Unfalls wohl unversehrt geblieben wären. Wohl aber hätte konventionelles Sprengmaterial explodieren können.

Pentagon-Beamte sagten der "Washington Post", noch sei unklar, warum die strengen Sicherheitsvorkehrungen für den Umgang mit Nuklearwaffen nicht gegriffen hätten und Raketen mit den atomaren Sprengköpfen unter den Tragflächen der B-52 befestigt werden konnten, ohne dass es jemand merkte.

Laut Verteidigungsexperten war der Flug der B-52 der erste mit Atomwaffen bestückte US-Bomberflug seit den 60er Jahren. Wenn in den USA Atomsprengkörper transportiert werden, dann in großen Transportflugzeugen. Aus Sicherheitsgründen werden sie nie an den Tragflächen von Bombern montiert. "Es ist geradezu unglaublich, dass so viele Kontrollmechanismen versagt haben", sagte der in Washington ansässige Atomexperte Hans Kristensen.

phw/Reuters/AFP



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