Airbus-Absturz in Ägypten Was für die Bombentheorie spricht

War ein Sprengsatz im Frachtraum? Die britische Regierung geht davon aus, dass eine Bombe den Airbus A321 über dem Sinai zum Absturz brachte. Ägypten widerspricht, doch die Hinweise auf einen Anschlag mehren sich.

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Sechs Tage nach dem Absturz eines russischen Passagierflugzeugs über der Sinai-Halbinsel mehren sich die Hinweise dafür, dass eine Bombe die 224 Menschen an Bord in den Tod riss. Abgehörte Gespräche zwischen Milizionären auf dem Sinai sollen neue Indizien dafür geliefert haben. Aus der abgefangenen Kommunikation gehe hervor, dass "jemand mit Zugang zum Frachtraum einen Sprengsatz in oder auf das Gepäck gelegt hat, unmittelbar bevor das Flugzeug abhob", berichtet die BBC unter Berufung auf britische Ermittler. Ähnlich äußerte sich inzwischen auch ein US-Beamter.

Auch mehrere europäische Fluggesellschaften halten diese Hypothese offenbar für wahrscheinlich. Die Tausenden britischen Touristen, die aus Scharm al-Scheich ausgeflogen werden sollen, dürfen nur Handgepäck mitnehmen. Die niederländische Fluggesellschaft KLM weitet diese Regelung sogar auf sämtliche Flüge aus Kairo aus. "Wir haben uns auf Grundlage nationaler und internationaler Informationen entschieden", teilte KLM mit.

Zuvor hatte Großbritanniens Premierminister David Cameron gesagt: "Wir können nicht sicher sein, dass das russische Passagierflugzeug von einer terroristischen Bombe zum Absturz gebracht wurde. Aber es sieht mit zunehmender Wahrscheinlichkeit so aus, als sei das der Fall gewesen." Ein Anschlag sei wahrscheinlicher, als dass es keiner war.

Doch handfeste Beweise dafür gibt es bislang nicht. Die Trümmerteile befinden sich in den Händen der ägyptischen Behörden. Kairo versucht seit dem Absturz mit allen Mitteln, den Verdacht eines Terroranschlags zu zerstreuen - aus Sorge um die ohnehin angeschlagene Tourismusbranche. Der Chef der ägyptischen Luftfahrtbehörde verbreitete zunächst die Behauptung, der Pilot habe technische Probleme gemeldet und eine Notlandung versucht. Das erwies sich als Lüge.

Die Flugdaten zeigen vielmehr, dass der Airbus A321 plötzlich an Geschwindigkeit und Höhe verlor. Das deutet auf eine Explosion an Bord hin. Dafür spricht auch das große Trümmerfeld. Die Flugzeugteile sind über eine Fläche von knapp 20 Quadratkilometern verstreut. Das deutet darauf hin, dass die Maschine in großer Höhe auseinanderbrach.

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) hat inzwischen mehrfach behauptet, das Flugzeug zum Absturz gebracht zu haben. Bereits wenige Stunden nachdem der Airbus vom Radar verschwunden war, verbreiteten die Dschihadisten in den sozialen Netzwerken ein kurzes Bekennerschreiben.

"Soldaten des Kalifats" hätten mehr als 220 "russische Kreuzzügler" getötet - eine Vergeltung für die russischen Luftangriffe in Syrien, bei denen täglich Dutzende Menschen sterben müssten. Wenig später veröffentlichte al-Bayan, der im irakischen Mossul ansässige Radiosender der Terrormiliz, eine Audiobotschaft, in der sich der IS ebenfalls damit brüstete, den Flugzeugabsturz verursacht zu haben.

Am Dienstag legte der IS nach: In einem Video, das offenbar im Irak aufgenommen wurde, preist ein russischsprechender Dschihadist seine "Brüder auf dem Sinai" dafür, den Jet heruntergeholt zu haben. Am Mittwoch folge eine Audiobotschaft des IS: "Wir sagen den Leugnern und Zweiflern: Sterbt an eurer Wut. Wir haben das Flugzeug mit Gottes Willen heruntergeholt, und wir müssen nicht öffentlich machen, mit welchen Mitteln", sagte der IS-Sprecher. Dies werde man gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

In den vergangenen 15 Jahren haben Dschihadisten mehrfach versucht, Passagierflugzeuge durch Bomben zum Absturz zu bringen.

  • Am 22. Dezember 2001 versuchte der Terrorist Richard Reid an Bord eines Flugs von Paris nach Miami Sprengsätze zu zünden, die in seinen Schuhen versteckt waren. Der Mann wurde rechtzeitig überwältigt.

  • Am 25. Dezember 2009 zündete der Dschihadist Umar Farouk Mutallab an Bord eines Flugs von Amsterdam nach Detroit Sprengstoff, der in seiner Unterhose versteckt war. Der Nigerianer verletzte sich selbst dabei schwer und wurde überwältigt.

  • Im Oktober 2010 schmuggelte die Terrororganisation al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel mehrere in Druckerpatronen versteckte Sprengsätze in Frachtflugzeuge. Die Bomben sollten über den USA explodieren, wurden aber rechtzeitig entdeckt.

Einmal ging der Plan islamistischer Terroristen auf:

  • Am 24. August 2004 explodierten fast zeitgleich zwei Passagierflugzeuge über Russland. Insgesamt 89 Menschen wurden getötet. Tschetschenische Selbstmordattentäterinnen hatten Sprengsätze an Bord geschmuggelt und gezündet.

Die Untersuchung des Kogalymawia-Absturzes werde Monate dauern, kündigte Ägyptens Staatschef Abdel Fattah el-Sisi an. Zum Vergleich: Die Ermittlungen zum Bombenanschlag auf Pan-Am-Flug 103 über Lockerbie am 21. Dezember 1988 dauerten knapp drei Jahre.

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schwebefliege 06.11.2015
1. Ägypten hat das Problem ...
.. das mittlerweile Niemand mehr das Risko eingehen will, Opfer einer innenpolitischen Auseinandersetzung zu werden. Selbst die absoluten Billigheimer lassen sich nicht mehr in die All Inklusive Fress- und Bräunungstempel ans Rote Meer locken. Und dann das - eine Bombe im Billigflieger. Das kann nicht sein !
twister13 06.11.2015
2. Fragwürdig
Die Untersuchungen sollen von Ägypten und Russland durchgeführt werden. Da hat man den Bock zum Gärtner gemacht. Eine unabhängige Untersuchung sieht anders aus. So wird die Welt nur erfahren was Sissi und Putin für opportun halten. Aber hinter den Kulissen sollte Putin endlich mal aufwachen und erkennen dass seine Syrien Strategie schon jetzt gescheitert ist. Eine Koalition mit dem Westen und vor allem mit den USA könnte eine schlagkräftige Armee hervorbringen die dem Monster IS den Kopf abschlägt.
tinosaurus 06.11.2015
3. Irre
Hier wurde Sisi recht unterkühlt empfangen, weil er halt rigoros gegen die Islamisten vorgeht. Ich glaube, für Ägypten ist derzeit diese Regierung und halt Sisi die beste Lösung angesichts dieser brutalen Terroristen.
romaval 06.11.2015
4. Was für ein Land
ist denn das, das nur wegen der Angst Turisten könnten weniger kommen sich so benimmt. Falls es wirklich eine Bombe war ( und Vieles spricht dafür ) dann hat nicht nur Sisi sondern auch Putin ein problem, denn dann lässt er in Syrien die Falschen bombardieren. Wer da jetzt noch in den urlaub hin geht ist selber schuld falls es Probleme gibt. Aber es gibt immer Schnäpppchenjäger denen ist alles egal. Hauptsache billig.
tulius-rex 06.11.2015
5. Alternative?
Aufgrund der jetzt vorliegenden (eingeschränkten) Fakten käme als Alternative zu einem Sprengsatz nur Zerbersten aufgrund Materialermüdung oder Vorschädigung durch eine harte Landung in Betracht.
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