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05. November 2015, 00:41 Uhr

Airbus-Absturz über dem Sinai

Hinweise auf Bombe an Bord verdichten sich

Die britische Regierung geht davon aus, dass eine Bombe zum Absturz des russischen Airbus über dem Sinai führte. Auch Berichte aus den USA nähren den Verdacht. Demnach könnte es sich doch um eine Tat des "Islamischen Staats" handeln.

Die USA und Großbritannien halten es für immer wahrscheinlicher, dass der Absturz des russischen Passagierflugzeugs über dem Sinai von einem Sprengkörper an Bord verursacht wurde. Das sei eine "beträchtliche Möglichkeit", sagte Großbritanniens Außenminister Philip Hammond am Mittwochabend in London. Es seien verschiedene Quellen ausgewertet worden, bevor die Regierung zu dem Schluss gekommen sei.

Der Außenminister warnte vor Flugreisen nach oder über Scharm al-Scheich in Ägypten. Es werde von allen Reisen an diesen Flughafen abgeraten, die nicht notwendig seien. Es würden vorerst keine Flüge von Großbritannien nach Scharm al-Scheich starten. Die britische Regierung hatte zuvor nur Flüge aus dem ägyptischen Badeort nach Großbritannien gestoppt.

Die US-Regierung vermied es unterdessen, die Bombentheorie öffentlich zu nähren. "Es wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht hilfreich, unsere eigenen Ansichten oder Meinungen in die Ermittlungen einfließen zu lassen", sagte Außenamtssprecher John Kirby am Mittwoch. Mitarbeitern der Regierung würde von Reisen in den Sinai aus Sicherheitsgründen zwar abgeraten. Diese Empfehlung beruhe aber auf keinen neuen Informationen, sondern auf bereits bekannten Bedrohungen.

Doch hinter den Kulissen mehren sich Äußerungen von Regierungsvertretern, die einen Anschlag der Terrormiliz "Islamischer Staat" für wahrscheinlich halten. Sicherheitskreise gehen demnach davon aus, dass der IS eine Bombe an Bord der Maschine geschmuggelt habe. Das melden die Fernsehsender CNN und NBC sowie die Nachrichtenagenturen AP und AFP unter Berufung auf verschiedene anonyme Quellen.

Aus den Kreisen hieß es gleichwohl, dass es bisher keine offizielle Beurteilung durch die CIA oder einen anderen Geheimdienst gebe. Und dass die Untersuchung der Unglücksstelle, einschließlich der Auswertung einer der Black Boxes, noch nicht abgeschlossen sei.

Ägyptens Außenminister Samih Schukri hatte bereits die britische Entscheidung, Flüge für Mittwochabend zu stoppen, "vorzeitig und ungerechtfertigt" genannt. Er sei sehr enttäuscht, sagte er der BBC. Auf die Frage, ob er einen Terroranschlag für möglich halte, sagte er dem US-Sender CNN, das müsse die Untersuchung klären. Vorschnelle Urteile oder Maßnahmen könnten negative Auswirkungen auf eine große Zahl von Ägyptern haben, die von der Tourismusindustrie lebten.

Extremisten übernehmen erneut die Verantwortung

Unmittelbar nach dem Absturz hatte ein Ableger des IS behauptet, dafür verantwortlich zu sein. Experten bezweifelten das. Die Behörden in Russland und Ägypten bezeichneten einen Anschlag als unwahrscheinlich. Die Agentur Interfax wiederum berichtete über ungewöhnliche Geräusche, die kurz vor dem Absturz von der Black Box aufgezeichnet worden seien.

In Ägypten beginnt jetzt die Analyse der Flugschreiberdaten. Wie das Ministerium für zivile Luftfahrt am Mittwoch mitteilte, konnten die Informationen vom Datenrekorder sichergestellt werden. Der Stimmenrekorder, der Tonaufnahmen der Gespräche von Pilot und Copilot sowie weitere Geräusche im Cockpit speichert, sei jedoch zum Teil beschädigt, hieß es. Hier müsse noch einiges getan werden, bevor die Daten extrahiert werden könnten.

Am Mittwoch bekräftigten Extremisten im Namen des IS-Ablegers auf dem Sinai in einer Audionotiz ihre Behauptung, den Absturz verursacht zu haben. Gegebenenfalls werde man irgendwann nähere Informationen dazu veröffentlichen, hieß es. Die Stellungnahme konnte zunächst nicht unabhängig verifiziert werden.

sun/AP/dpa

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