Aktenenthüllung Mitt Romneys obskure Millionengeschäfte

Mitt Romney ist einer der reichsten Präsidentschaftskandidaten der US-Geschichte. Jetzt kamen interne Daten über seine Finanzen ans Licht. Sie offenbaren, dass der Republikaner riskant spekuliert, komplex investiert - und sein Geld in karibischen Steueroasen parkt.

Multimillionär Romney (in New Mexico): Komplexes Finanzgeflecht
AFP

Multimillionär Romney (in New Mexico): Komplexes Finanzgeflecht

Von , New York


Gawker handelt normalerweise mit Klatsch und Tratsch. Der populäre Blog, benannt nach dem englischen Wort für Gaffer, lässt keinen Promi-Fauxpas unkommentiert und begleitet vor allem die New Yorker Medienszene mit süffisantem Spott. "Der Gossip von heute", so das Motto, "ist die Nachricht von morgen." Eine Schlagzeile lautete kürzlich: "Rihanna ist zu sexy."

Am Donnerstag stand Gawker aber ganz im Zeichen der großen Politik, der neue Protagonist: Mitt Romney. Ein Informant hat dem Blog nämlich fast 1000 vertrauliche Aktenseiten zugespielt. Und zwar nicht irgendwelche - sondern interne Dokumente über die obskuren Finanzgeschäfte Romneys, den die US-Republikaner kommende Woche auf ihrem Parteitag in Florida offiziell zum Präsidentschaftskandidaten küren wollen.

Die obskuren Finanzen des Multimillionärs - einer der bisher reichsten Bewerber ums Weiße Haus - sind ein beliebtes Reizthema im US-Wahlkampf. Präsident Barack Obama und seine Demokraten lassen nichts unversucht, Romney als eiskalten Kapitalisten zu karikieren, der vom Leid der darbenden Mittelklasse profitiere.

Nur so viel ist bekannt: Als Firmenjäger der Finanzbeteiligungsgesellschaft Bain Capital häufte Romney ein Vermögen von mehr als 250 Millionen Dollar an, ein Teil ist in der Schweiz sowie in karibischen Steueroasen wie Bermuda und Cayman Islands geparkt, und seit 2001 hat er nach eigener Einlassung pro Jahr "mindestens 13 Prozent Steuern" gezahlt.

Weshalb die Gawker-Enthüllungen gerade richtig kamen, vier Tage vor Beginn des Parteitags in Florida. Was würden sie zeigen? Steuerflucht? Finanztricks? Schiebereien?

Bain bestätigte die Authentizität der Akten: "Die unerlaubte Veröffentlichung einer Reihe von vertraulichen Fonds-Finanzberichten ist bedauernswert", erklärte Firmensprecher Alex Stanton. "Unsere Fondsfinanzen werden von Rechnungsprüfern erstellt und demonstrieren eine Verpflichtung zur Transparenz gegenüber unseren Investoren und Regulierungsbehörden und die Einhaltung aller Gesetze."

"Labyrinthische Komplexität" in Romneys Finanzsystem

Es handelt sich um interne Bilanzberichte, Vermögensaufstellungen und Investorenbriefe für 21 Firmen und Fonds, in die Romney passiv investiert hat, meist über Bain. "Sie offenbaren die atemberaubende, labyrinthische und zutiefst trübe Komplexität, mit der Romney seinen Reichtum managt", schreibt Gawker.

Das nüchterne Fazit dieses "document dumps" aber, wie solch massiven Aktenentsorgungen in den USA heißen, ist nicht ganz so spektakulär. Es ist nichts, was man nicht schon ahnte: "Mitt Romney", resümiert das Online-Magazin das Ergebnis mit staubtrockener Ironie, "ist reich."

Immerhin: Die 954 Seiten bieten einen faszinierenden Einblick in die Tricks, mit denen Bain und Romney unter geringstem Einsatz das meiste aus ihren Millionen machen. Das hinterlässt einen üblen Nachgeschmack, der Romneys Kritiker nur bestärken dürfte.

Auch wenn an den Papieren nach vorläufiger Analyse nichts Skandalöses ist: Der Juraprofessor und Steuerexperte Victor Fleischer bezweifelt, dass diese Methoden juristischem Druck standhalten würden: "Vor Gericht herausgefordert", schrieb er auf seinem Blog, "würde Bain verlieren."

Lukratives Pensionspaket füllt Romneys Kassen

Romney gründete Bain Capital 1984 mit zwei Kollegen und leitete es bis 1999. Seine Private-Equity-Geschäfte sind seither Gegenstand wildester Interpretationen. Kritiker sprechen von "Aasgeier-Kapitalismus". Romney widerspricht: Er habe geholfen, "Problemfirmen zu sanieren" und Arbeitsplätze zu schaffen, schrieb er am Donnerstag in einem Meinungsbeitrag fürs "Wall Street Journal".

Die am selben Tag von Gawker lancierten Akten beweisen aber auch, wie Romney immer noch hübsch von seinem Einsatz profitiert.

Die Dokumente stammen von Bain-Fonds und -Tochterfirmen sowie anderen Hedgefonds. Viele weisen auf Offshore-Anlagen in den Cayman Islands hin, eine Inselgruppe südlich von Kuba, die keine Steuern erhebt - eine beliebte Adresse für sparsame Unternehmen.

Selbst 13 Jahre nach seinem Austritt aus Bain generieren diese Beteiligungen weiter Gewinne für Romney. Das verdankt er dem Pensionspaket, das er ausgehandelt hatte und das ihm langfristige Investments garantiert.

Akten belegen Romneys Freude am Zocken

Zum Beispiel Romneys Anteil an Sankaty Credit Opportunities II L.P., einem nach einem Leuchtturm in Massachusetts benannten Bain-Investmentvehikel: Das meldete Ende 2010 fast eine Milliarde Dollar Aktiva, bei einer Jahresrendite von 19,9 Prozent. Romney verdiente daran 2011 mit Pensionseinlagen von 250.000 bis 500.000 Dollar entsprechend gut - er sahnte 50.000 bis 100.000 Dollar ab. Solche Fonds finden sich zu Dutzenden. Acht sind in den Cayman Islands angesiedelt, mit Romney-Gesamtanlagen in Höhe von 4,6 Millionen Dollar - eine vergleichsweise geringe Summe.

Andere US-Medien hatten ebenfalls schon über Romneys Finanzengagement in den Cayman Islands berichtet, wo Bain angeblich rund 140 Fonds hat. "Vanity Fair" bezifferte Romneys Gesamtvermögen dort kürzlich auf rund 30 Millionen Dollar, "versteckt hinter kontroversen Vertraulichkeitsvereinbarungen". Romney beharrt, dass ihm das keine Steuern erspare. Die neuen Akten bieten da keine Erleuchtung.

Was sie offenlegen: Zockersinn. Romney investierte unter anderem in Derivate wie Credit Default Swaps (CDS) - jene Spekulationsprodukte, die mit im Herzen der Finanzkrise lagen. Absolute Capital Return Partners L.P. - ein Fonds, in dem Romney 1,25 Millionen Dollar hat - verdiente 2009 fast 175 Millionen Dollar mit Leerverkäufen, einer gerne kritisierten Praxis. Hinzu kommen ausdrücklich zur Vermeidung "steuerlicher, juristischer und anderer Sorgen" konstruierte Anlagemodelle.

Alkohol und Zigaretten vom Mormonen

Sankaty High Yield Partners II L.P., in dem Romneys Ehefrau Ann 250.000 bis 500.000 Dollar liegen hat, verbindet die Romneys Gawker zufolge finanziell mit Casinomogul Sheldon Adelson, einem Hauptfinanzier des Republikaner-Wahlkampfs: Der Fonds - der sich 2009 in Liquidation befunden habe - habe Adelsons Konzern Las Vegas Sands Corp. ein Darlehen von drei Millionen Dollar gewährt.

Auch andere indirekte Investments sind zwar nicht verboten, widersprechen aber Romneys sauberen Mormonen-Image. Etwa American Media, Dachkonzern der Supermarktpostille "National Enquirer", mehrere Glücksspielfirmen sowie Core-Mark, ein Großvertrieb, der unter anderem Alkohol und Zigaretten liefert - Genussmittel, die Mormonen meiden sollen.

Pikant, aber nicht bedrohlich für Romney: "Wer einen Paukenschlag erwartet, wird enttäuscht sein", schreibt Joe Weisenthal vom Börsenblog Business Insider. Der Finanzblogger Dan Primack (Fortune) nannte die Akten sogar "wertlos". Er habe sie selbst schon seit Monaten vorliegen: "Viel Rauch, kein Feuer."

Das einzig Zündende war ein ganz anderer Aspekt. Den hatte Reuters-Kolumnist Felix Salmon schon vor zwei Jahren ausgegraben: Die Gawker Media Group, der Webkonzern des Verlegers Nick Denton - zu dem der Gawker-Blog gehört - sei finanziell nicht in den USA angesiedelt. Sondern in den Cayman Islands.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde Mitt Romneys Vermögen mit 250 Milliarden Dollar angegeben - so reich ist er allerdings doch nicht. Schätzungen beziffern sein persönliches Vermögen bei 250 Millionen Dollar. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
tailspin 24.08.2012
1. Steile Lernkurve
Zitat von sysopAFPMitt Romney ist einer der reichsten Präsidentschaftskandidaten der US-Geschichte. Jetzt kamen interne Daten über seine Finanzen ans Licht. Sie offenbaren, dass der Republikaner riskant spekuliert, komplex investiert - und sein Geld in karibischen Steueroasen parkt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851813,00.html
Es scheint mir doch so, dass Romney mindestens zwei Zehnerpotenzen smarter ist als der Rest Amerikas inklusive dem amtierenden Chief in Redistribution of Wealth. Von so einem kann man noch was lernen.
unangepasst 24.08.2012
2. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten...
..so wollen die Amerikaner ihr Land. Dazu gehört auch die Möglichkeit reich zu werden...egal wie!
jonas-zonas 24.08.2012
3. Viel!
Zitat von sysopAFPMitt Romney ist einer der reichsten Präsidentschaftskandidaten der US-Geschichte. Jetzt kamen interne Daten über seine Finanzen ans Licht. Sie offenbaren, dass der Republikaner riskant spekuliert, komplex investiert - und sein Geld in karibischen Steueroasen parkt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851813,00.html
250 *Milliarden *Dollar? Da dürften sich dann doch ein paar Nullen zuviel eingeschlichen haben...
xtrigger 24.08.2012
4. Falsche Uebersetzung
"Als Firmenjäger der Finanzbeteiligungsgesellschaft Bain Capital häufte Romney ein Vermögen von mehr als 250 Milliarden Dollar an..." Auf Gawker is von "$250 million" die Rede.
lutzs 24.08.2012
5. 250 Milliarden ?
Zitat von sysopAFPMitt Romney ist einer der reichsten Präsidentschaftskandidaten der US-Geschichte. Jetzt kamen interne Daten über seine Finanzen ans Licht. Sie offenbaren, dass der Republikaner riskant spekuliert, komplex investiert - und sein Geld in karibischen Steueroasen parkt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,851813,00.html
Ist Romney der reichste Mensch der Welt ? ich dachte er hätte nur 250 Millionen ? Mal wieder Millionen mit Milliarden verwechselt ??
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