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Geretteter Journalist: Wilde Flucht aus Syrien

Foto: REUTERS/ YouTube

Aktivisten-Gruppe Avaaz in Syrien Die Journalisten-Schmuggler

Zwei Reporter sind in Syrien gestorben, drei werden vermisst, einem gelang die Flucht in den Libanon. Sie waren heimlich ins Land gereist, organisiert hatte den Schmuggel die Aktivistengruppe Avaaz. Wer steckt hinter dem Netzwerk?

Kaum war der Journalist Paul Conroy im sicheren Libanon angekommen, da kam auch schon eine E-Mail, die erklärte, wie sich der vor einer Woche im syrischen Homs verletzte Brite hatte retten können. "Heute hat ein Netzwerk syrischer Aktivisten unter der Koordination der weltweiten Organisation Avaaz dem internationalen Journalisten Paul Conroy geholfen, in den Libanon zu fliehen", hieß es in der Mitteilung vom Dienstag.

Avaaz beschreibt sich selbst als "Organisation für globale Kampagnen" und ist schon lange in Syrien aktiv: Seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad hat Avaaz geholfen, ein Netzwerk von 200 Bürgerreportern zu etablieren, die aus dem Land berichten. Vor allem aber hat die Gruppe Regimegegner bei deren Schmuggleraktivitäten unterstützt. Auf Schleichwegen über die grüne Grenze zum Libanon haben Aktivisten in den vergangenen Monaten regelmäßig Medikamente und ausländische Journalisten nach Syrien gebracht. Avaaz, die mit einem kleinen Team in der libanesischen Hauptstadt Beirut präsent sind, habe diese Einsätze koordiniert, erklärte die Organisation ebenfalls am Dienstag.

Auch während der Revolutionen in Ägypten und Libyen hatte Avaaz die dortigen Rebellen unterstützt. Dabei hatte die Gruppe den Einheimischen vor allem Kommunikationstechnik wie Satellitentelefone zur Verfügung gestellt. Dass sich Avaaz in Libyen und auch jetzt in Syrien zumindest auf organisatorischer Ebene in bürgerkriegsähnliche Konflikte eingeschaltet hat, entspricht dabei nicht unbedingt dem Profil der Gruppe.

Sammelbecken für Aktivisten

Das Motto der 2007 gegründeten Organisation lautet: "Die Welt in Aktion." Avaaz will "von der Welt, die wir haben, zu einer, die die meisten Leute haben wollen" kommen. Die Gruppe ist ein Sammelbecken für Aktivisten aus allen Ecken des Planeten mit allen erdenklichen Anliegen. Vom Bienensterben bis zur Kampagne für fair gehandelte Schokolade, von Aufrufen "Rettet die Ozeane" bis zu Aktionen gegen den britisch-australischen Medienmogul Rupert Murdoch reichen die Aktionen. Bei Avaaz wird ein großes Sammelsurium an Missständen angeprangert.

Auch im Kampf gegen das Anti-Piraterieabkommen Acta mischen die Aktivisten mit. Am Dienstag wurde das EU-Parlament aufgefordert, das Projekt zu Fall zu bringen. Wie das Parlament mitteilte, haben rund 2,5 Millionen Menschen eine Petition gegen Acta im Internet unterzeichnet, die das Avaaz-Netzwerk dem Petitionsausschuss in Brüssel übergab.

Gegründet wurde die Organisation, die sich durch und auf maximal 5000 Dollar begrenzte Spenden ihrer Mitglieder finanziert, von einigen altgedienten Kämpen internationaler Nichtregierungsorganisationen. Gründungspräsident Ricken Patel arbeitete lange Jahre für die "International Crisis Group", andere Vorstandsmitglieder rekrutieren sich aus den Reihen bekannter US-amerikanischer und australischer NGO wie ResPublica, GetUp! und MoveOn.org. "Avaaz" ist das persische Wort für "die Stimme", die die Gruppe ihren Mitgliedern geben will.

Die Organisation setzt gemeinhin auf die Wirksamkeit von E-Mails: Auf der Homepage können die Nutzer per Mausklick vorformulierte Petitionen verschicken. Ebenso einfach kann man Avaaz-Mitglied werden. Über 13 Millionen sollen es nach Zählung der Organisation inzwischen sein. Kritiker bemängeln, dass Avaaz etwas für Pseudo-Aktivisten sei, die sich dort mit dem geringst möglichen Aufwand das gute Gewissen erkaufen könnten, etwas gegen das Unrecht in der Welt getan zu haben.

Reporter unter Feuer

Indem Avaaz geholfen hat, Journalisten nach Syrien zu schmuggeln, hat die Organisation nun unter Umständen eine Mitverantwortung für deren Wohlergehen übernommen. Die Gruppe von insgesamt sechs ausländischen Reportern war am vergangenen Mittwoch im Homser Stadtteil Baba Amr unter schweren Beschuss geraten. Die US-Amerikanerin Marie Colvin und der französische Fotograf Rémi Ochlik waren dabei getötet worden.

Die vier Überlebenden hätten mit der Hilfe von insgesamt 35 syrischen Aktivisten seitdem jede Nacht versucht, aus der belagerten Stadt zu entkommen, so Avaaz in einer Erklärung. Auch in der Nacht zum Dienstag habe die Gruppe die Flucht gewagt, doch nur Conroy habe es bis in den Libanon geschafft.

Die Reporter seien unter Feuer geraten und drei syrische Aktivisten bei dem Versuch, die Ausländer aus Baba Amr zu lotsen, getötet worden, erklärte Avaaz. Von dem spanischen "El Mundo"-Korrespondenten Javier Espinosa, der verletzten - für "Le Figaro" arbeitenden - Französin Edith Bouvier und ihrem Fotografen William Daniels fehle seitdem jede Spur.