Bürgerkrieg in Syrien Aktivisten werfen Assad Giftgaseinsatz mit Hunderten Toten vor

Erneut sollen Regierungstruppen in Syrien Giftgas eingesetzt haben. Hunderte Menschen sollen nahe Damaskus getötet worden sein, sagen Aktivisten der Opposition. Das Regime widerspricht. Doch bei Facebook feierten Assad-Anhänger den angeblichen Angriff.
Angeblich bei dem Giftgasangriff in Ghuta getötete Menschen: "Schockierende Eskalation"

Angeblich bei dem Giftgasangriff in Ghuta getötete Menschen: "Schockierende Eskalation"

Foto: REUTERS/ SNN

Damaskus - Die Rebellen in Syrien erheben schwerste Vorwürfe gegen die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad. Diese sollen am Mittwoch Giftgas in Siedlungen in der Region Ghuta nahe der Hauptstadt Damaskus eingesetzt haben.

Die Angaben über die Opferzahlen sind widersprüchlich. Zunächst war von mehr als 100 Opfern die Rede. In einer Meldung der Nationalen Koalition, der wichtigsten syrischen Oppositionsgruppe, bei Twitter heißt es: "Mehr als 650 Tote sind das Ergebnis einer tödlichen Attacke mit Chemiewaffen in Syrien." Laut einer anderen Fraktion der Aufständischen legten Informationen aus Krankenhäusern nahe, dass es nach "Gasangriff und Beschuss" knapp 500 Tote gegeben habe.

Der Allgemeine Syrische Revolutionsausschuss, eine weitere Oppositionsgruppe, veröffentlichte Videos auf YouTube, die den Giftgaseinsatz belegen sollen. Viele Aufnahmen zeigen Räume mit Dutzenden Toten, es sind viele tote Kinder zu sehen. Die meisten Leichen weisen keine äußerlichen Verletzungen auf. In einem anderen Video sind Ärzte zu sehen, die Verletzte behandeln.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte gab an, Regierungstruppen hätten die Gegend um Ghuta in der Nacht von Kampfflugzeugen aus bombardiert und Raketenwerfer eingesetzt. Die Angaben der verschiedenen Organisationen konnten nicht von unabhängiger Seite überprüft werden.

Regierung nennt Meldungen "frei erfunden"

Die Regierung bestritt den Einsatz von Chemiewaffen. Die Berichte seien "frei erfunden", um eine Gruppe von Uno-Inspekteuren abzulenken, die den Einsatz von Chemiewaffen untersucht, schrieb die Nachrichtenagentur Sana.

In Damaskus hält sich derzeit ein Team der Vereinten Nationen auf, das den Einsatz von Giftgas im syrischen Bürgerkrieg untersuchen soll. Ziel sei "eine völlig unabhängige und unparteiische Untersuchung", so Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Die britische Regierung sagte der Agentur Reuters zufolge, dass ein solcher Angriff eine "schockierende Eskalation" sei, sollten sich entsprechende Berichte bestätigen. Frankreichs Präsident François Hollande forderte eine unabhängige Untersuchung durch die Uno. Experten der Vereinten Nationen sollten "sich an die Orte des Angriffs begeben", sagte Hollande.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, forderte die Uno-Experten auf, sich sofort in die bombardierten Gebiete zu begeben. "Ich bin erstaunt, dass so ein verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt wird, während die internationalen Inspektoren der Vereinten Nationen in Damaskus sind."

Wegen der Blockade durch die Armee haben Mediziner nach eigenen Angaben kaum Arzneimittel, um die Verletzten zu behandeln.

Gegenseitige Anschuldigungen

Trotz offizieller Dementis feierten Regimeanhänger Berichte über den angeblichen Angriff. Am Mittwochmorgen fand sich in der Facebook-Gruppe "Harasta News Network" folgender Eintrag: "Auf Befehl von Präsident Dr. Baschar al-Assad, möge Gott ihn beschützen, und auf Befehl stolzer syrischer alawitischer Offiziere wurde heute Morgen gegen halb sechs Ost-Ghuta mit Chemiewaffen angegriffen, und die Operation wurde erfolgreich vollendet. Details der Operation erwarten wir in den nächsten Stunden."

Das Posting verschwand nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen gegen 10.30 Uhr wieder von der Seite. Zunächst wirkt der Eintrag ungewöhnlich. Im Falle der beiden Massaker nahe der Stadt Banias im Mai war es jedoch ähnlich: Als Erstes kamen die Bestätigungen der Facebook-Anhänger, die ja für ein anderes Publikum gedacht sind.

In dem Syrien-Konflikt beschuldigen sich Regierung und Rebellen wechselseitig, chemische Waffen benutzt zu haben. Ende Juni ergab die Untersuchung von Proben, die Reporter der französischen Zeitung "Le Monde" aus dem Land mitgebracht haben: Das syrische Regime setzt Sarin im Kampf gegen die Aufständischen ein.

Der Bürgerkrieg in Syrien begann vor rund zweieinhalb Jahren. Nach Uno-Angaben wurden bei den Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen mehr als 100.000 Menschen getötet. Millionen ergriffen zudem die Flucht.

kgp/fab/AFP/AP/dpa, Mitarbeit: Christoph Reuter
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