Al-Dschasira-Karikaturist im Interview "Professionelle Cartoonisten würden so etwas nicht tun"

Shujaat Ali, Zeichner bei al-Dschasira, spricht im Interview über die Aufregung in der islamischen Welt. Er fordert ethische Cartoon-Regeln und stellt sich westlicher Kritik an arabischen Zeichnern.


Maskierte Palästinenser greifen EU-Büros in Gaza an
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SPIEGEL ONLINE:

Sie arbeiten als Cartoonist für al-Dschasira. Wie haben Sie reagiert, als Sie die dänischen Mohammed-Karikaturen zum ersten Mal sahen?

Ali: Es liegt in der Verantwortung von Journalisten, ethisch zu handeln. Religion ist ein sehr sensibles Thema, ich denke, dass kein professioneller Cartoonist auf der Welt jemals versuchen würde, Religion auf diese Weise anzugehen. Es gibt einen informellen ethischen Code unter Karikaturisten in den Medien, und der schließt zwei Arten von Zensur ein: die eine ist Selbstzensur, die andere ist professionelle Zensur.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Zensur, als ob dies eine gute Sache wäre - ein Akt der Selbstdiziplinierung.

Ali: Ja, ja, ja. Und es liegt in der Verantwortung des Journalisten, diesen ethischen Code zu befolgen. Das ist sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Kommt dieses ethische Regelwerk auch dann zur Anwendung, wenn Muslime ihre eigene Religion kritisieren?

Ali: Lassen Sie mich einen lustigen Vorfall erzählen: Als ich begann, für die pakistanische Zeitung "News International" zu zeichnen, nahm ich mir die Freiheit heraus, die Islamisten-Partei während der Wahlen zu kritisieren. Ich kritisierte sie dafür, dass sie Religion in eine falsche Richtung steuert. Meine Zeitung weigerte sich, meine Karikaturen zu veröffentlichen, so gab ich sie an eine andere Zeitung weiter. Die Bilder verursachten einen Aufruhr, die Islamisten-Partei griff die Büros der Zeitung mit Feuerwaffen an.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass Karikaturisten sensibel in ihren Zeichnungen sein sollten. Sie wurden aber vom US-Außenministerium selbst der mangelnden Sensibilität bezichtet. Als Sie einen Comic zeichneten, der tote US-Soldaten zeigte und ein anderes mit Gas-Tanks, die die zusammenbrechenden Türme des World Trade Centers überlagern, beschwerte sich Washington. Al-Dschasira entfernte die Bilder von der Website. Dachten Sie an die Gefühle der amerikanischen Zuschauer, als Sie diese Bilder zeichneten?

Ali: Mein Ziel war damals, die US-Regierung anzugreifen und nicht die amerikanische Bevölkerung. Ich fand die Entscheidung meines Chefs nicht akzeptabel - er wurde auch sehr heftig dafür kritisiert. Von einem professionellen Standpunkt war es nicht der richtige Schritt, denn eine professionelle Organisation muss seine Journalisten beschützen. Wir analysierten die Gefühle der Amerikaner in diesen Cartoons. Deshalb beschwerte sich die Regierung, während wir aus der amerikanischen Bevölkerung keine Beschwerden hörten.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kritiker im Westen bezeichnen die Proteste in der arabischen Welt als scheinheilig. So beschweren sich viele Araber über negative Klischees über den Islam. Jüdische Gruppen beschweren sich dagegen über antisemitische Darstellungen ihrer eigenen Religion in arabischen Zeitungen. Viele Karikaturisten in der islamischen Welt sind doch klar antisemitsch.

Ali: Da stimme ich zu, und das tut mir Leid. Wir sollten die Religion anderer Leute respektieren. Es ist in Ordnung, dass Zeichner Politiker oder Regierungen aufs Korn nehmen, aber nicht Religionen.

SPIEGEL ONLINE: Hier im Westen haben Zeichner das Recht auf Satire, ganz unabhängig vom Gegenstand. Und es ist die Aufgabe der Regierung, die freie Meinungsäußerung zu schützen. Wie können die dänische Regierung und das dänische Volk dafür verantwortlich gemacht werden, dass eine Zeitung Karikaturen veröffentlicht?

Ali: Wenn die Regierung die Medien nicht davon abhält, Religionen zu attackieren, was zu großen Spannungen führen kann, besteht die Gefahr, dass diese Regierung ihr internationales Ansehen beschädigt.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen hat Jahrhunderte dafür gekämpft, Rede- und Meinungsfreiheit zu sichern. Sie gehören nun zu den Grundfesten unserer Gesellschaft. Quer durch Europa sehen deshalb viele die Proteste als Angriff auf ihre demokratischen Grundwerte an.

Ali: Freiheit ist wichtig, und dafür kämpfe ich auch hier. Das Problem ist aber, dass wir Grenzen setzen müssen. Wenn man als Karikaturist Menschen oder Regierungen oder etwas anderes kritisieren will, darf man einfach bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Jegliche Übertreibung ist hier schädlich.

SPIEGEL ONLINE: Als Antwort haben Araber Abbildungen des dänischen Premierministers Anders Fogh Rasmussen verbrannt, dänische Produkte boykottiert, Dänen bedroht und Flaggen des Landes verbrannt. Dänische Vertretungen wurden angegriffen. Die Reaktion der Muslime hat viele im Westen schockiert. Ist das übertrieben?

Ali: Ich denke, dass es eine richtige Sache ist, die dänischen Zeichner zu korrigieren und die Gefühle der Massen zu zeigen. Wir können keine Verunglimpfungen des Propheten, den wir verehren, tolerieren. In jeder Religion, auch im Christentum, gibt es Menschen, die in ihrer Religiosität sehr emotional sind. Innerhalb meiner eigenen Religionsgemeinschaft kritisiere ich Menschen, die Grenzen überschreiten. Sie sollten auch kritisiert werden, auch muslimischer Extremismus ist schlecht. Wir sind keine Engel, aber Menschen. Als Menschen sollten wir uns untereinander respektieren. Und unsere Religion.

Das Interview führte Michael Scott Moore . Das Gespräch wurde in der deutschen Fassung leicht gekürzt und bearbeitet. Übersetzung: jaf



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