Al Gore Comeback als Öko-Kreuzritter

Al Gore ist wieder da - ganz entspannt und mit einer Mission: Er inszeniert einen Kreuzzug für den "planetarischen Ernstfall". Und er inszeniert ihn wie einen Wahlkampf. Kommt nach dem Öko-Kreuzritter Al Gore 2008 noch einmal der Präsidentschaftskandidat Gore?

Von , New York


New York - Al Gore hat gelernt, sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen. "Hallo, ich bin Al Gore", sagt er, als er von einer Ovation beflügelt auf die Bühne wippt. "Ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten."

Gore, Schauspielerin Steenburgen bei der Filmpremiere: "Hallo, ich war mal der nächste Präsident"
REUTERS

Gore, Schauspielerin Steenburgen bei der Filmpremiere: "Hallo, ich war mal der nächste Präsident"

Gore, 58, trägt einen grauen Blazer und ein offenes Sporthemd. Sein Haar ist zur Seite gegeelt, er wirkt fülliger, aber auch frischer und fröhlicher. Gut, den Satz mit dem "ich war mal..." sagt er jetzt immer, wenn er öffentlich auftritt, um den alten Witzen zuvorzukommen. Und doch, der Gruß wirkt stets, als spreche er ihn zum ersten Mal. Das Publikum juchzt.

Diese prägnante Szene ist auch der Auftakt eines abendfüllenden Dokumentarfilms, der nächste Woche in den USA anläuft. "An Inconvenient Truth" (Eine unbequeme Wahrheit) heißt der, und es geht darin vor allem um die Gefahren der Erderwärmung. Doch der wahre Star des Films heißt Al Gore.

Der Streifen, von Gore erzählt, verwebt eine dramatische Darstellung der Klimakrise ("Der schreckenerregendste Film, den Sie je sehen werden!") mit dem Werdegang des früheren US-Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten 2000 als Umweltschützer. Mehr noch als ein Öko-Weckruf ist der Film am Ende also etwas anderes: Er markiert die Wiedergeburt Gores.

Altes Thema, neuer Gore

Viel hat er getan seit der bitteren Niederlage von 2000. Er sitzt im Aufsichtsrat von Apple, hilft Google als Berater, hat College- Seminare gehalten und einen TV-Privatsender gegründet. All das geschah aber weit abseits der Politik. Mit "An Inconvenient Truth" und einem gleichnamigen Buch rückt Gore nun erstmals wieder ins Rampenlicht - und zwar mit seinem alten Lieblingsthema Umweltschutz, das in den USA dieser Tage endlich in aller Munde ist.

Altes Thema, neuer Gore: gelassener, doch auch eindringlicher, als man ihn in Erinnerung hat. Den Schock von 2000, sagt er, habe er hinter sich gelassen. "Es war ein harter Schlag", sinniert er in dem Film, der die Wochen des Stimmendebakels von Florida in einer schnellen Montage abhandelt. "Aber was soll man machen. Du machst das Beste draus."

Im Nachhinein wirkt die Entscheidung des Supreme Courts, George W. Bush zum Präsidenten zu machen, heute noch schicksalsträchtiger als damals. Es folgten der 11. September 2001, der Irakkrieg, Skandale ohne Ende: Da drängt sich schnell die Frage nach dem "What if?" auf. Was wäre geschehen, wenn Al Gore Präsident geworden wäre?

Simulation der Apokalypse

Gore selbst hielt sich mit solchen müßigen Gedanken nicht lange auf. Er kehrte der Politik den Rücken, zog zurück nach Tennessee, um sich "auf das zu konzentrieren, was mir am wichtigsten ist". Auf Drängen von Gattin Tipper kramte er einen Diavortrag, mit er früher mal durchs Land getingelt war, aus der Mottenkiste. Darin hatte er schon in den 70er Jahren vor dem "global warming" gewarnt und das mit einleuchtenden Grafiken illustriert. Gehör gefunden hat er damit damals selten.

Es ist dieser Diavortrag, der nun, technologisch aufgemotzt, die Grundlage bildet für Gores Comeback. Im Prinzip ist "An Inconvenient Truth" ein gefilmtes Gore-Seminar, durchsetzt mit Szenen aus seinem Leben. Filmemacher Davis Guggenheim folgt ihm auf seiner Öko-Tournee, durch lange Flughafenflure und triste Hotelzimmer - "über tausendmal" will Gore den Vortrag über die Jahre gehalten haben. Doch erst jetzt scheint das Publikum empfänglich.

"An Inconvenient Truth" sei "nicht der unterhaltsamste Film des Jahres", fand der "New Yorker". "Aber er könnte der wichtigste sein." Vertrieben von Paramount, einer Tochter des US-Medienkonzerns Viacom (CBS, MTV), präsentiert er nicht nur die ökologische Zukunft als Horrorkabinett, sondern auch die Gegenwart. Gore wandert dazu über eine Bühne, hinter sich eine große Leinwand mit poppigen Grafiken, dazwischen Szenen der bereits sichtbaren Folgen des Treibhauseffekts und Computersimulationen der Apokalpyse.

"Nie wieder Kandidat sein"

Fröhlich nimmt sich Gore selbst auf die Schippe. An einer Stelle, als die globale Temperaturkurve auf der Leinwand bis unter die Decke schießt, stellt er sich auf eine Hebebühne und ruckelt quietschend an der Grafik entlang in die Höhe. Die Kritik an Bush, der die Erderwärmung bis heute als "Theorie" bezeichnet, hält er aber gedämpft - wohl auch, um keinen Eindruck des Grolls zu erwecken.

Der Film ist nur der Anfang. Gore inszeniert einen Kreuzzug für den "planetarischen Ernstfall", und er inszenierte er ihn wie einen Wahlkampf. Er hat seinen alten Berater Roy Neel wieder angeheuert, hat einen Crash-Kurs in Öko-Rhetorik belegt, hat den Vorschuss seines neuen Buches als Startkapital für die Lobby-Gruppe Alliance for Climate Protection gespendet und Paramount bewegt, ebenfalls eine halbe Million Dollar und fünf Prozent der Einnahmen des Films zur Verfügung zu stellen.

Trotzdem wirkt sein jüngstes Unterfangen auch wie eine Empfehlung für die Wahl 2008. Die Republikaner sind angeschlagen, die Demokraten haben außer der kontroversen Hillary Clinton wenig zu bieten - warum also nicht noch mal Gore? "Ich habe nicht vor, wieder ein Kandidat zu sein", versicherte der neulich erst - und setzte gleich verschmitzt hinzu: "Ich habe noch nicht jene Phase meines Lebens erreicht, wo ich sagen kann, dass ich so etwas nie mehr in Betracht ziehen werde."



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