Al Gore, USA Der Klimamissionar

Er hätte jedes Amt im US-Kabinett haben können, heißt es in Washington. Aber Al Gore zieht es vor, auf allen Bühnen und hinter den Kulissen für das eine Thema zu kämpfen, das ihn schon vor seiner gescheiterten Präsidentschaftskampagne bewegt hat - das Weltklima.

Umweltaktivist Al Gore: "Unser System ist schwerfälliger geworden"
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Umweltaktivist Al Gore: "Unser System ist schwerfälliger geworden"

Von , Washington


Wer

Al Gore

in diesen Tagen trifft, sieht einen Menschen, der in sich ruht. Zum SPIEGEL-Gespräch erscheint der ehemalige US-Vizepräsident in schwarzen Cowboystiefeln, die Dauerfrage nach einem neuen Anlauf auf das mächtigste Amt der Welt lehnt er lächelnd ab: "Ich versuche doch gerade, mich von der Politik zu erholen." Kommt die Unterhaltung auf seine Rolle bei der

Weltklimakonferenz in Kopenhagen

, wechselt Gore ins Jiddische. In der Sprache gäbe es dieses tolle Wort: Nudzh. Jemand, der Anstöße gibt und zum Handeln drängt. Diese Funktion wolle er in der dänischen Hauptstadt ausfüllen.

Doch ein Nudzh, sagt das Wörterbuch, kann auch hartnäckig bis nervig sein - und besessen von seiner Klimamission scheint Gore nach wie vor. Zwar hat er nach Friedensnobelpreis und Oscar für seinen Film "Eine unbequeme Wahrheit" scheinbar die Ruhe gefunden, die ihm als erfolgloser Präsidentschaftskandidat im Jahr 2000 so erkennbar fehlte. Doch Gore gerade erschienenes 416-Seiten-Werk "Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise" zeigt, dass sein Eifer nicht erlahmt ist. "Wir besitzen alle Werkzeuge, um die Klimakrise zu lösen", schreibt er darin. Es fehle allein der kollektive Wille - und der Mensch laufe ständig Gefahr, das nie Dagewesene, wie eine weltweite Klimakatastrophe, für undenkbar zu halten.

Solches Verdrängen fällt laut Gore in diesem Fall besonders leicht: "Die Klimakrise hat sich als eine abstrakte Bedrohung verkleidet. Die Zeit zwischen ihrem Entstehen und ihrer vollen Sichtbarkeit ist sehr lang." Amerika sei noch schlechter als andere Nationen darauf vorbereitet, dem entgegenzusteuern. "Unser System ist schwerfälliger geworden in den vergangenen 50 Jahren. Die Macht der Wirtschaftslobby und die Dominanz des Fernsehens haben im politischen Prozess zu Volksferne und einer Re-Feudalisierung geführt."

"Der Beginn eines großen Veränderungsprozesses"

Die Hoffnung auf eine Einigung bei der Weltklimakonferenz hat der Demokrat dennoch nicht aufgegeben. "Das Wichtigste ist, dass wir einen Preis für die Nutzung fossiler Brennstoffe festlegen", sagt Gore. Das werde die Planung für Unternehmen, Städte und Staaten verändern. "Als 1985 das Ozonloch über der Antarktis entdeckt und zwei Jahre später das Protokoll von Montreal verabschiedet wurde, sagten auch viele, dass es zu schwach und zu unbedeutend sei, gemessen an den Herausforderungen. Aber damals begannen sich dadurch auch die Erwartungen der Firmen zu verändern. Der

Gipfel in Kopenhagen

wird diesem Vorbild folgen. Ich glaube, Kopenhagen wird der Beginn eines großen Veränderungsprozesses sein."

Nötig ist dabei nach seinen Vorstellungen eine Mitwirkung sämtlicher Staaten. "Alle Entwicklungsländer müssen verbindliche Obergrenzen für ihren

CO2-Ausstoß

akzeptieren", mahnt Gore. "Diese Länder irren sich, wenn sie glauben, sie kämen mit unverbindlichen Zusagen davon."

Dass Präsident

Barack Obama

bei der Weltklimakonferenz seine Aufwartung machen wird, dürfte auch Gores Einfluss zuzuschreiben sein. Er steht in regelmäßigem Kontakt mit Obamas Team, er wirbt aktiv für einen Durchbruch beim US-Klimaschutzgesetz, das derzeit im Senat feststeckt. "Obama hat bereits eine Reihe von neuen Regulierungen in Kraft gesetzt, die zu einer Reduzierung führen dürften", erkennt Gore an. "Aber jeder weiß, dass der wirkliche Durchbruch erst mit dem neuen Gesetz kommt, das derzeit im Senat zur Beratung vorliegt."

Nach Obamas Wahl hätte der Ex-Vizepräsident so gut wie jedes Amt in der neuen Regierung reklamieren können, doch er wollte lieber weiter als Privatmann Einfluss nehmen. Kritiker raunten, er hätte mit einem Regierungsjobs auch seine gut gehenden Geschäfte behindert. So investiert Gore kräftig in moderne grüne Technologien. Den Vorwurf, er profitiere damit möglicherweise finanziell von Regierungsentscheidungen für die Förderung solcher Technologien, auf die er selbst Einfluss nehme, lässt Gore nicht gelten. Seine Investitionen, beharrt er, zeigten nur sein Vertrauen in seine eigenen Klimathesen.

Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa


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yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
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