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19. November 2013, 16:16 Uhr

Anschlag auf Iran-Botschaft in Beirut

Al-Qaida bombt gegen Assads Verbündete

Von , Beirut

Al-Qaida nimmt Teheran ins Visier: Der Selbstmordanschlag auf die iranische Botschaft in Beirut verschärft den weltweiten Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Das Attentat mit mindestens 23 Toten schürt die Angst im Nahen Osten.

Die Attentäter schienen einen ausgeklügelten Plan zu haben: Der erste Bomber wollte mit einem Sprengstoffgürtel ein Loch in die Schutzmauer der iranischen Botschaft in Beirut sprengen. Der zweite Attentäter, der in einem zu einer rollenden Bombe umgebauten Auto wartete, hätte dann durch das Loch rasen und die Botschaft in Schutt und Asche legen können.

Doch der Plan, auf den von libanesischen Sicherheitskräften ausgewertete Aufnahmen von Überwachungskameras schließen lassen, lief schief. Die erste Bombe konnte der Außenmauer des Botschaftskomplexes nichts anhaben. Der zweite Täter zündete seinen Sprengsatz deshalb dort, wo er auf seinen Einsatz gewartet hatte: zwei Blocks von der Botschaft entfernt.

23 Menschen sind nach jüngsten Zählungen am Dienstag bei dem Doppelanschlag im Beiruter Stadtteil Bir Hassan gestorben, 146 wurden zum Teil schwer verletzt. Unter den Toten waren mindestens zwei Iraner: Der Kultur-Attaché Ibrahim Ansari und ein Wachmann der Botschaft.

Die Botschaft und die umliegenden schicken Apartmentblocks - Granitverkleidung, Pförtnerlogen, in den Parkbuchten Mercedes, Porsches und Audis - lagen in Trümmern, als eine Stunde nach den Detonationen immer noch Verletzte abtransportiert wurden. Die Wucht der Explosion hatte die Bäume entlaubt, auf den Blätterteppich auf dem Asphalt prasselte Wasser: Hoch oben in den Gebäudegerippen waren die Wasserrohre geborsten.

"Gegen Selbstmordanschläge kann man sich nicht schützen"

Auf den Straßen zeigte sich wie schon bei den jüngsten Anschlägen auf schiitische Ziele im Libanon, wer im Zedernstaat das Sagen hat. Zwar standen auch einige Soldaten untätig herum und bewachten ausgebrannte Autos. Doch es waren in Zivil gekleidete Männer der Schiitenmiliz Hisbollah, die entschieden, wer Zugang zum Anschlagsort erhielt und wem die Parlamentarier der Organisation Interviews gaben.

Die schiitische Hisbollah betreibt im Libanon einen Staat im Staat, der in großen Teilen von Iran finanziert wird. Auch der Einsatz von Spezialeinheiten der Miliz, die an der Seite der Regimetruppen im syrischen Bürgerkrieg kämpfen, wird von Iran bezahlt und orchestriert. Der jetzige Anschlag auf Teherans Vertretung im Libanon ist die Quittung dafür: Sunnitische Extremisten wollen die Hisbollah und Iran dafür bluten lassen, dass sie das Regime Baschar al-Assads stützen.

Am Nachmittag bekannten sich die Abdullah-Azzam-Brigaden zu dem Doppelanschlag. Die in mehreren Ländern operierenden Dschihadisten sehen sich als Teil von al-Qaida. Im Libanon agieren sie von dem berüchtigten Palästinenserlager Ain al-Hilwa aus. Der zur Truppe gehörende Geistliche Scheich Siradsch al-Din Suraikat teilte über den Online-Kurznachrichtendienst Twitter mit, seine Gruppe habe den Anschlag auf die iranische Vertretung verübt. Er drohte mit weiteren Angriffen im Libanon, bis sich Iran aus dem Bürgerkriegsland Syrien zurückziehe. Suraikat forderte zudem die Freilassung von im Libanon inhaftierten Mitstreitern.

"Größte Gefahr für die weltweite Sicherheit"

Der Anschlag vom Dienstag wird den ewigen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten weiter anfachen. Unter dem Eindruck des syrischen Bürgerkrieges, bei dem die Frontlinie grob zwischen Sunniten und verschiedenen schiitischen Konfessionsgemeinschaften verläuft, haben die Spannungen zwischen den beiden Religionsgruppen in der ganzen Region deutlich zugenommen. Die Sorge, dass der Konflikt sich zu einem Krieg in Nahost auswachsen könnte, wächst. Vor zehn Tagen nannte der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif den Konflikt zwischen den beiden muslimischen Konfessionen die "größte Gefahr für die weltweite Sicherheit".

Die Ängste der Libanesen waren am Dienstag akuter: Seit Jahren hat es in dem Land keine Selbstmordattentate gegeben. Nun sind sie zurück und rufen schreckliche Erinnerungen an den libanesischen Bürgerkrieg wach. "Gegen Selbstmordanschläge kann man sich nicht schützen", sagte Sabine Amr, die die Explosion in ihrer zwei Straßen von der iranischen Botschaft entfernt gelegenen Wohnung überlebte. "Autobomben kann man mit Straßensperren aufhalten, aber ein Mann mit einem Sprengstoffgürtel kommt überall durch", sagte die 46-Jährige weinend. "Jetzt geht das wieder los."

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