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Terrorismus: Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel

Al-Qaida im Jemen Bin Ladens Statthalter

Sie verfügt über gut trainierte Kader, Know-how im Bombenbau - und hat angekündigt, auch im Westen anzugreifen: Nach den vereitelten Anschlägen auf zwei Frachtflugzeuge fällt der Verdacht sofort auf den Qaida-Ableger im Jemen. Doch auf der Arabischen Halbinsel operieren weitere Terrorgruppen.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Die regionalen Ableger von al-Qaida sind wenig erfolgreich. Die Filiale im Irak ist am Boden, die Terroristen in Nordafrika fallen eher in die Kategorie Organisierte Kriminalität. Für den ehemaligen CIA-Analysten Bruce Riedel, der heute im Auftrag der Washingtoner Brookings Institution den Terror erforscht, gibt es allerdings eine Ausnahme: "den Ableger im Jemen".

Qaida-Terroristen auf der Arabischen Halbinsel (AQAP)

Seine Einschätzung ist gut begründet: Die strotzen vor Selbstbewusstsein. Als erster Ableger der Qaida-Zentrale überhaupt versuchten sie an Weihnachten 2009 einen Anschlag außerhalb ihrer eigenen Region, als sie einen US-Passagierjet über Detroit zu sprengen versuchten. Der Anschlag scheiterte zwar, hob aber das Renommee der Truppe in Sympathisantenkreisen dennoch gewaltig.

al-Qaida

Jemen

Dabei ist der Aufstieg von AQAP im Grunde eine Ironie: Schon 2003 gründete einen Ableger in Saudi-Arabien, dem einige Zellen im benachbarten Jemen untergeordnet waren. Alles Augenmerk galt damals saudischen Zielen: Ölanlagen wurden gesprengt, Ausländer geköpft, Geiseln genommen. Doch den saudischen Sicherheitskräften gelang es innerhalb von zwei Jahren, die Terroristen zu besiegen. Die überlebenden Qaida-Kämpfer zogen in den - auf der Suche nach einem Unterschlupf, wo sie sich neu organisieren konnten. Sie fanden ihn in dem bitterarmen Land, in dem der Staat jenseits der Hauptstadt kaum Kontrolle auszuüben vermag.

"Ich bin froh, dass ich ein Verräter an Amerika bin"

Auf diese Weise verschob sich das Gravitätszentrum der Dschihadisten auf der Arabischen Halbinsel in den Jemen - zusätzlich befeuert durch einen spektakulären Ausbruch von 23 erfahrenen Gotteskriegern aus dem Hochsicherheitsgefängnis der jemenitischen Hauptstadt Sanaa im Februar 2006. Aus diesem Kreis stammt die heutige Führungsriege von AQAP: Nasser al-Wuhaischi wurde der Amir der Gruppe, Kasim al-Raimi ihr Militärchef.

Mittlerweile verfügt AQAP aber auch über eine erkleckliche Zahl ehemaliger Guantanamo-Insassen aus Saudi-Arabien, den Vize-Emir Said Ali al-Schihri etwa, sowie über einen besonderen Trumpf: den in den USA geborenen Hassprediger und Dschihad-Ideologen Anwar al-Awlaki, der dank seiner hervorragenden Englischkenntnisse und seiner Propagandaarbeit auch potentielle Rekruten in der westlichen Welt anspricht. Wie mittlerweile bekannt ist, nicht ohne Erfolg: Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte AQAP den Aufsatz eines aus den USA übergesiedelten Dschihadisten namens Samir Khan. "Ich bin froh, dass ich ein Verräter an Amerika bin", gab er zu Protokoll.

AQAP verfolgt vor allem drei Ziele:

  • Das nach außen hin wichtigste ist stets die "Vertreibung der Ungläubigen von der Arabischen Halbinsel" - der alte Traum von Osama Bin Laden, dessen Familie aus dem Jemen stammt und der selbst in Saudi-Arabien aufwuchs. Deswegen attackiert AQAP seit Jahren Touristen, ausländische Helfer und Diplomaten oder wen sie als Missionar verdächtigt.
  • Zweites Ziel ist die Errichtung eines gottgefälligen Staates. Da dies unter dem langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Salih nicht möglich sei, fordert AQAP dessen Sturz.
  • Das dritte Ziel ist erst vor kurzem hinzugekommen: AQAP hat angekündigt, die USA auch auf eigenem Boden anzugreifen. Der Weihnachtsanschlag sei nur der erste gewesen, prahlten die Terroristen.

Als Folge dieser Ausweitung des Kampfgebiets haben die USA ihre Präsenz im Jemen verstärkt. Nicht nur auf Geheimdienstebene, sondern auch, indem sie der jemenitischen Armee unter die Arme greifen. Mehrfach schossen US-Flugzeugträger Raketen auf vermutete AQAP-Stellungen ab, jedes Mal wurde das als Operation der jemenitischen Armee dargestellt. Mittlerweile versuchen die USA ganz offiziell, ihren Staatsbürger Anwar al-Awlaki per Drohne zu töten.

Spezialität Bombenbau

AQAP hat eine lange Tradition ausgefeilter Propaganda. Als erste Filiale veröffentlichte sie schon 2004 Online-Magazine. Jetzt gibt es eins namens "Inspire" schon in der zweiten Auflage in englischer Sprache. Es ist extrem professionell gemacht. Da

  • berichten Ex-Guantanamo-Insassen aus ihrem Leben,
  • werden Vorschläge für Anschläge im Westen gemacht (mit dem Auto in die Fußgängerzone rasen, zum Beispiel),
  • gibt es Bombenbauanleitungen in Farbe ("Mit den Zutaten aus der Küche deiner Mutter")
  • und einen Ratgeber für das Verhalten im Terrorcamp ("Nutze die viele Wartezeit!").

Wie viele Rekruten aus dem Westen neben Samir Khan den Weg in den Jemen gefunden haben, ist nicht bekannt.

Eine weitere Spezialität der AQAP-Filiale ist der Bombenbau. In ihren Propagandavideos führen die Kader gerne eindrucksvoll vor, wie geschickt sie Sprengsätze in Kassettenrecordern oder Bilderrahmen verstecken können. Zweimal haben sie auch internationale Sicherheitsbehörden mit ihren Neuerungen in Erstaunen versetzt: Der Weihnachtsbomber hatte Sprengstoff dabei, der aus zwei Komponenten bestand und in seiner Unterhose eingenäht war. Erst im Flugzeug sollte er die Materialien mischen, die einzeln bei den Sicherheitsüberprüfungen nicht entdeckt worden waren.

Das zweite Mal: Bei einem Anschlagsversuch auf einen saudischen Prinzen hatte der Selbstmordattentäter seinen Sprengstoff anal eingeführt - und war deswegen durch die Kontrollen gekommen. Er tötete am Ende allerdings nur sich selbst.

AQAP wird auf wenige hundert aktive Militante geschätzt. Das ist nicht besonders viel, aber es ist eine kritische Masse, um rudimentäres Training und die Planung von Anschlägen durchzuführen - und sich zeitgleich Gefechte mit Sicherheitskräften zu liefern. Die Kämpfer halten sich vor allem in mehr oder weniger mobilen Lagern in den Stammesgebieten südlich und östlich der Hauptstadt auf; manchmal gelingt es ihnen, den Schutz eines Stammes für eine gewisse Zeit zu erkaufen oder zu erpressen - oder sich andere Vorteile zu verschaffen. Die Sicherheitsbehörden kommen in diesen Gebieten nicht besonders weit.

Was sollte eigentlich passieren?

Seit Freitag steht nun die Vermutung im Raum, dass AQAP-Kader für die zwei in Frachtflugzeugen entdeckten Sprengsätze mit potentem PETN verantwortlich sind. Bis jetzt hat AQAP sich nicht dazu erklärt.

Die Qaida-Filiale ist ein natürlicher Verdächtiger, aber nicht der einzige, der in Frage kommt. Die somalischen Schabab-Milizen haben ebenfalls eine Präsenz im Jemen wie auch Dschihadisten ohne organisatorischen Anschluss. Zudem sind viele Details über die Bomben noch unbekannt, etwa ob sie tatsächlich funktionstüchtig waren. Je professioneller sie waren, desto wahrscheinlicher wird eine AQAP-Beteiligung.

Eine der Hauptfragen ist im Moment allerdings noch die nach der Natur des Anschlags, der da verhindert wurde. Sollten die beiden Pakete aus dem Jemen wirklich an die jüdischen Einrichtungen gelangen, an die sie adressiert waren, um dort angekommen per Handy gezündet zu werden? Oder handelt es sich um einen Testlauf für einen anderen Anschlag, wie auch vermutet wird - was aber die Frage aufwerfen würde, wieso die Pakete an potentielle Ziele adressiert waren. Oder sollten lediglich Bauteile in die USA geschafft werden?

Denkbar wäre zum Beispiel auch, dass die Pakete vor der Zustellung explodieren sollten, eventuell wenn sie, wie abzusehen war, in Frachtfahrzeugen durch die Innenstadt von Chicago gefahren worden wären. "Am besten sind die Anschläge, die ihr euch selbst ausdenkt", heißt es in "Inspire".

All das wird nun untersucht. Wenn Antworten vorliegen, wird auch eine Beurteilung der AQAP-Rolle einfacher.

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