Al-Qaida und die Revolte Gottesstaat? Nein danke!

Ben Ali flieht, Mubarak stürzt, Gaddafi wankt, und al-Qaida schiebt Frust: Dschihadisten spielen beim großen Umsturz in Arabien keine Rolle. Immer wieder versuchen sie, die Revolten mit Propaganda zu vereinnahmen - aber sie finden kein Gehör.

Aiman al-Sawahiri: Gratulation an die Revolutionäre - und eine Mahnung
AFP/ SITE

Aiman al-Sawahiri: Gratulation an die Revolutionäre - und eine Mahnung

Von Yassin Musharbash


Zu den Nebenwirkungen der arabischen Revolte gehört diese: Die Dschihad-Blase ist geplatzt, jedenfalls vorerst. Die Volksaufstände in Tunesien, Ägypten und Libyen haben machtvoll gezeigt, wie wenig Dschihadisten in den arabischen Gesellschaften zu sagen haben. Entgegen ihrer seit Jahrzehnten vorgetragenen Propaganda ist ihr Mobilisierungspotential gleich null.

Ihr ureigenstes Ziel, der Sturz der säkularen Regime in der arabischen Welt, haben andere verwirklicht. Darunter sind Gruppen, die auch noch zu den erklärten Feindbildern von al-Qaida und Co. gehören: Laizisten, westlich orientierte Studenten, politische aktive Frauen, Demokraten, moderate Islamisten. Nicht al-Qaida hat sich als Avantgarde erwiesen, sondern die weltliche, internetaffine Jugend der arabischen Welt. Und einen talibanösen Gottesstaat, al-Qaidas Vision für die islamische Welt, hat niemand auf den Plätzen und Straßen von Tunis bis Bengasi gefordert.

Was für eine peinliche Offenbarung!

Weil aber im Universum von Osama Bin Laden und seinen Mitstreitern nicht sein kann, was nicht sein darf, wird jetzt fleißig umgedeutet. Zunächst schien es so, als finde das Terrornetzwerk gar keine Worte, um diesen gewaltigen Umbruch zu kommentieren. Doch allmählich wird klar, was der Spin sein soll.

Es ist eine Mischung aus Anbiedern und Ermahnen, die al-Qaida anbietet. So erklärte die Qaida-Filiale in Nordafrika (AQIM) am Donnerstag ihre Unterstützung für die Revolte in Libyen. Natürlich wird sie dabei allerdings als "Dschihad" gedeutet, und gegen Gaddafi erheben sich die Libyer natürlich, weil er ein "Feind Gottes" ist. Außerdem behauptet AQIM vollmundig: "Wir haben stets nur für eure Verteidigung gekämpft."

Kluft zwischen tatsächlichen und Möchtegern-Umstürzlern

Schon am 18. Februar hatte sich Aiman al-Sawahiri zu Wort gemeldet, al-Qaidas Nummer zwei und einer jener ägyptischen Dschihadisten, die ihr Leben lang gegen das "gottlose" Regime dort gekämpft haben. Auch er gratulierte den Revolutionären, doch das Erste, was ihm zu seinem Heimatland einfiel, war, dass es "säkular und demokratisch" sei und genau das sich nun ändern müsse.

Das ist bemerkenswert: Während Hunderttausende Ägypter auf die Straße gingen, weil das Regime ja gerade nur der Form nach demokratisch war, betont Sawahiri genau diesen Punkt als Anlass für eine Revolte! Die Kluft, die sich hier zwischen den tatsächlichen und den Möchtegern-Umstürzlern offenbart, ist gewaltig und dürfte selbst dem einen oder anderen Hardcore-Islamisten peinlich sein. Vor allem, wenn Sawahiri noch einen drauf setzt und Mubarak vorwirft, Wahlen gefälscht zu haben. Eine schlüssige Analyse ist das nicht.

Ebenfalls am Donnerstag befasste sich derweil der aus Libyen stammende Qaida-Ideologe Attiyat Allah mit dem Aufstand in Nordafrika und seinem Heimatland. Er war wenigstens ehrlich genug zuzugeben, dass "es wahr ist, dass diese Revolution nicht ganz das ist, was wir uns vorgestellt haben".

Anzubieten hatte aber auch er nicht viel außer der Ermahnung, den Koran als Richtschnur des Handelns nicht außer Acht zu lassen. Als Parole gab er aus, die neu gewonnen Freiheiten in Tunesien, Ägypten und Libyen für Mission und Aktivismus zu nutzen, um den Fortgang in einem dschihadistischen Sinne mitzugestalten.

Unwahrscheinlich, dass das gelingt. Wesentlich wahrscheinlicher, dass moderate Islamisten diese Rolle spielen werden - auch das wäre freilich nicht im Sinne al-Qaidas.

Doch so beschämt al-Qaida und Co. im Moment dastehen, dieser Zustand muss nicht von Dauer sein. Demokratische Regierungen können leichter bekämpft werden als Despotien. Chaos ist stets ein Nährboden für Dschihadisten gewesen. Der Dschihadismus ist noch nicht besiegt. Er ist, dank der Revolten, nur als das erkennbar geworden, was er ist: Ideologie und blutige Praxis einer verschwindend kleinen Minderheit unter den Arabern und Muslimen.

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nocheinbuerger 24.02.2011
1. Ungute historische Erfahrungen:
Zitat von sysopBen Ali flieht, Mubarak stürzt, Gaddafi wankt, und al-Qaida schiebt Frust: Dschihadisten spielen beim großen Umsturz in Arabien keine Rolle. Immer wieder versuchen sie, die Revolten mit Propaganda zu vereinnahmen - aber sie finden kein Gehör. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747495,00.html
Auch im Falle Algerien hatte man es mit einer Art Volksaufstand zu tun. Damals wurde die Islamische Heilsfront in einer demokratischen, nicht getürkten Wahl mehrheitlich gewählt. Der Staatstreich der Militärs verteitelt damals die Machtübernahne. Die Folge davon war ein mehrjähriger, blutiger Bürgerkrieg mit über 150.000 Toten. Aus diesem Grund bleibe ich auch bei den überaus optimistischen Worten des Artikelverfassers abwartend bis skeptisch, was bei den Umstürzen in den Maghreb-Staaten herauskommt.
zompel 24.02.2011
2. Einfluss
Zitat von sysopBen Ali flieht, Mubarak stürzt, Gaddafi wankt, und al-Qaida schiebt Frust: Dschihadisten spielen beim großen Umsturz in Arabien keine Rolle. Immer wieder versuchen sie, die Revolten mit Propaganda zu vereinnahmen - aber sie finden kein Gehör. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747495,00.html
Es ist gut das die Despoten vertrieben werden. Allerdings steht schon die Frage im Raum, was kommt dann ? Ein bischen komisch ist, das alles schön in Länderreihenfolge passiert. Eines nach dem Anderen. Massenproteste werden immer auch organisiert. Ich vermute das da von Aussen etwas nachgeholfen wird, von wem auch immer. Afrikanische Länder scheinen ja nicht betroffen zu sein.
gabriel76 24.02.2011
3. ..
Wir reden uns die Welt schön? Islamismus hat weiterhin einen guten Nährboden in der arabischen Welt, das zarte Pflänzchen Demokratie soll erstmal ca. 50 Jahre gedeihen und ich revidiere meine Ansicht.
Die_Sonne 24.02.2011
4. Wende?
Es ist begrüssenswert, wenn die Jungend sich von radikaler Religiösität abwenden. Man kann hoffen, das diese Kräfte auch später den Ton angeben und nicht so enden wie die Bürgerrechtsbewegung nach der Wende. Die haben nämlich nie wieder was zu sagen gehabt!! Ich bin davon überzeugt, das es so läuft. Vielleicht wäre so etwas so ähnliches wie die islamsiche Aufklärung. Bin auf die säkularen Verfassungen in diesen Ländern gespannt.
Arne11 24.02.2011
5. gegen titelzwang
Zitat von sysopBen Ali flieht, Mubarak stürzt, Gaddafi wankt, und al-Qaida schiebt Frust: Dschihadisten spielen beim großen Umsturz in Arabien keine Rolle. Immer wieder versuchen sie, die Revolten mit Propaganda zu vereinnahmen - aber sie finden kein Gehör. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,747495,00.html
Was ist mit den ständig stattfindenden Übergriffen auf Koptische Klöster durch die ägyptische Armee(!) Oder auf dem Tahrir Platz hat zumindest niemand widersprochen als vor kurzem ein Islamist gegen Israel gehetzt hat & die Hoffnung äusserte dass er bald in Jerusalem predigen könne.
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