Al-Qaidas Terrordrohung "Es bleiben nur noch wenige Tage"

Stellvertretend für al-Qaida warnt die Abu-Hafis-Brigade vor Anschlägen in Europa und Amerika, falls das Waffenstillstandsangebot Osama Bin Ladens nicht angenommen wird. Auch wenn die Gruppe dubios erscheint, fürchten Sicherheitsexperten eine Signalwirkung für Terrorzellen in der ganzen Welt.

Von und Yassin Musharbash


Osama Bin Ladens letztes Tape: Ultimatum an Europa
Al Arabia

Osama Bin Ladens letztes Tape: Ultimatum an Europa

Berlin - "Euch bleiben nur noch wenige Tage zur Annahme des Waffenstillstandsangebots", heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Schreiben der "Brigade Abu Hafis al-Masri". Damit spielen die Verfasser auf eine Offerte des al-Qaida-Gründers Osama Bin Laden vom April dieses Jahres an. Per Audio-Tape, das auch mit deutschen Untertiteln an mehrere arabische TV-Stationen geschickt wurde, hatte er den Europäern drei Monate Zeit gelassen, sich aus dem Irak zurückzuziehen. Anderenfalls sei mit massiven Terroranschlägen zu rechnen, hatte der Terrorpate gedroht.

Das neue Schreiben, angeblich datiert auf den 1. Juli 2004, führt den von Bin Laden unternommenen Versuch weiter, einen Keil zwischen westliche Regierungen und ihre Bevölkerung zu treiben. Die "Abu-Hafis-Brigade" wenden sich ausdrücklich an die "Freunde des Dialogs der Zivilisationen". "Dies ist Euer Tag", so das in zwei arabischsprachigen Zeitungen veröffentlichte Schreiben, "und das Angebot Osama Bin Ladens gilt nur noch wenige Tage." Gelänge es ihnen nicht, ihre Regierungen zu beeinflussen, dann "braucht Ihr Euch nicht bei uns zu beschweren über das, was passieren wird."

Um den Eindruck unmittelbar bevorstehender Anschläge zu verstärken, senden die Terroristen zugleich eine Botschaft an die im Westen lebenden Muslime. Sie werden aufgefordert, "in die Gebiete der Muslime auszuwandern". Wem das nicht möglich sei, der soll "als Vorsichtsmaßnahme in eine muslimische Gegend ziehen und ausreichend Essen für sich und seine Familie für einen Monat mitnehmen", heißt es in dem Schreiben weiter.

Öffentliche Gelassenheit

In den europäischen Hauptstädten wurde die neue Nachricht öffentlich mit Gelassenheit aufgenommen. In Berlin betonte der Sprecher des Innenministeriums, das Schreiben komme nicht von al-Qaida direkt. Damit spielte der Sprecher auf den zweifelhaften Ruf der "Brigade Abu Hafis al-Masri " an. Die Gruppe, die sich nach dem in Afghanistan getöteten al-Qaida-Kommandanten Mohammed Atif benennt, hatte sich mehrfach zu Anschlägen oder scheinbaren Terrorakten bekannt, mit denen sie jedoch bewiesenermaßen nichts zu tun hatten. Zuletzt etwa nahmen sie die Verantwortung für einen Stromausfall in den USA oder die Attacken in Madrid auf sich.

Frankreichs Präsident Jaques Chirac äußerte sich zurückhaltend. "Wir nehmen jede Art von terroristischer Bedrohung ernst", sagte er vor Journalisten bei einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Allerdings sei Frankreich bereits auf einem "sehr hohen Sicherheitslevel angekommen", so Chirac. "Wir tun das absolute Maximum auf diesem Feld", sagte der Staatschef.

Ähnlich waren die Kommentare anderer westlicher Geheimdienstler gegenüber den Nachrichtenagenturen. In London versicherte ein hoher Beamter der Sicherheitsbehörden der Agentur Reuters, die Drohung verändere die Lage nicht. "Die grundsätzliche Gefahr bleibt hoch, doch was diese Leute schreiben, macht dies nicht schlimmer", so der Beamte weiter. Ähnlich wurde die Lage von einem Experten von Europol beurteilt, der ebenfalls auf die fragwürdige Quelle der Nachricht hinwies.

Unabhängig von den öffentlichen Statements aber sorgte die neue Nachricht die Analysten der Geheimdienste durchaus. "Auch wenn die Nachricht nicht direkt von der Qaida kommt, hat sie eine enorme Signalwirkung für Terroristen weltweit", sagte ein deutscher Beamter. Er wies auch darauf hin, dass die Brigaden auf jeden Fall zumindest mit dem Terrornetzwerk al-Qaida vernetzt sind, wenn auch nur ideologisch. Mit dem Schreiben sei einmal mehr "die Rechtfertigung für Anschläge oder auch nur deren Planung" vorgegeben worden.

"Grünes Licht für Anschläge"

Außerdem verwiesen mehrere Experten auf die veränderte Struktur des Terrornetzes. So seien mittlerweile immer mehr unabhängige Zellen wie die in Madrid unterwegs - die Zeit der straff von der Qaida-Spitze geführten Gruppen, wie der vom 11. September 2001, scheint vorbei zu sein. "Wenn eine dieser Zellen durch einen öffentlichen Aufruf wie diesen meint, grünes Licht bekommen zu haben, ist die Authentizität des Schreibens letztlich vollkommen unerheblich", so das Fazit eines Geheimdienstlers.

Eine ähnliche Wirkung hatten die deutschen Sicherheitsdienste schon vor Wochen analysiert, als sich eine saudische Terrorgruppe für al-Qaida zum Mord an einem Deutschen bekannt hatte. In einem vertraulichen Lagebericht des Bundeskriminalamts (BKA) warnten die Experten, dass mit den in dem Bekennerschreiben "aufgelisteten Gründen jeder Anschlag gerechtfertig werden" kann. Ganz ähnlich, so die Befürchtung der Ermittler, könnte dies nun auch mit der neuen Botschaft der Brigaden funktionieren.

Neben der Drohung an Europa richten die Verfasser des Schreibens auch wieder einen Fokus auf den Jemen. Ziel sei es, "Amerika in seinen dritten Sumpf zu zerren". Dieser werde, nach dem Irak und Afghanistan, "der Jemen sein, so Gott will", schreiben sie. Die Autoren übermitteln in ihrem Schreiben auch einen Einsatzbefehl an eine "Kampfgruppe Ali al-Harithi", die anscheinend im Jemen aktiv ist. Ali Kaid Sinjan al-Harithi war ein al-Qaida-Kämpfer, der im vorletzten Jahr von den USA im Jemen getötet wurde. Die jemenitische Regierung hat sich heute grundsätzlich bereit erklärt, Truppen unter einem Uno-Blauhelm-Kommando in den Irak zu schicken.

Die Verfasser der Drohungen brüsten sich unverhohlen mit einer engen Anbindung an die al-Qaida-Spitze. "Wir sagen der Kampfgruppe Ali al-Harithi: Die Führung hat beschlossen, dass der Jemen das dritte Schlachtfeld für die Amerikaner sein wird", heißt es in dem Schreiben. Der Jemen gilt als instabiles Land, in dem sich zahlreiche Terroristen verborgen halten. Bereits in der Vergangenheit fanden hier Terroranschläge statt. Hinzu kommt, dass der Jemen eine lange und nahezu unkontrollierbare Grenze zu Saudi-Arabien, einem anderen Terrorstützpunkt, hat.



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