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Supertanker "M. Star": Mysteriöse Havarie

Foto: AFP/Mitsui OSK Line

Alarm auf Supertanker Rätselhafter Rumms auf hoher See

Seemine? Raketenbeschuss? Riesenwelle? Ein japanischer Supertanker meldet per Funk einen Zwischenfall in der Straße von Hormus - das Schiff trägt eine Riesendelle davon. Experten fahnden später nach der Ursache. Eine plausible Erklärung: ein mysteriöses U-Boot. Die Geschichte eines Rätsels.

Abu Dhabi - Für die Havarie-Experten ist die Sache im Prinzip klar. Der japanische Supertanker "M. Star" war in eine Kollision verwickelt. Am Heck auf der Steuerbordseite ist der Rumpf eingedrückt, eine quadratische Delle, die zum Zentrum hin tiefer wird (siehe Fotostrecke). Durch den Aufprall wurde außerdem ein Rettungsboot aus seiner Halterung gerissen, im Inneren ging allerhand Mobiliar zu Bruch. Ein Besatzungsmitglied trug leichte Verletzungen davon.

Eine Kollision auf offenem Wasser? Das kommt vor, auf vielbefahrenen Wasserstraßen wie der Straße von Hormus wird es gelegentlich eng. Wenn dann noch auf einem Dampfer Ruder oder Maschine ausfällt oder die Crew auf der Brücke nicht aufpasst, kann es schon mal krachen. Nur: Der Kapitän hatte kein anderes Schiff gesehen. Mit wem oder was soll der Tanker also kollidiert sein?

Die Funksprüche klingen anfangs entsprechend konfus. Etwas habe kurz nach Mitternacht das Heck mit großer Wucht getroffen, und ein Crew-Mitglied will einen Lichtblitz gesehen haben, bevor es krachte. War das Schiff auf eine Seemine gelaufen? War es beschossen worden? War überhaupt etwas explodiert?

"Angriff auf Supertanker", melden die Nachrichtenagenturen, "Explosion nach mutmaßlichem Angriff auf Tanker vor Oman".

Der Gedanke an eine Drohung des Terrornetzwerks al-Qaida drängt sich zunächst unmittelbar auf: Man werde bei passender Gelegenheit einen solchen Supertanker in die Luft jagen. 270.000 Tonnen Öl hat die "M. Star" geladen, damit kann man großes Unheil anrichten. 40 Prozent aller Öltransporte müssen durch diese Engstelle am Ausgang des Persischen Golfs. Eine Attacke auf einen Tanker ist ein Horrorszenario.

Kein Leck, kein Tropfen Öl geht verloren

Aber die 31 Mann starke Crew sucht das Schiff ab - und kann keinen ernsthaften Schaden entdecken. Es gibt kein Leck, offenbar ist kein Tropfen Öl verlorengegangen, der 333 Meter lange Tanker ist voll manövrierfähig. Der Kapitän entscheidet sich dennoch, den nächsten Hafen anzulaufen, vorsichtshalber.

Während die "M. Star" in Richtung Vereinigte Arabische Emirate abdreht, zerbrechen sich Reederei und diverse Experten an Land den Kopf, was die Ursache des mächtigen Knalls gewesen sein mag. Die Sprecherin der Reederei Mitsui O.S.K. Lines versucht, die Sache nüchtern zu deuten: "Da hinten am Schiff gibt es gar nichts, das explodieren könnte", erklärt sie der Presse. Aber damit gab sie den Spekulationen nur neue Nahrung. Wenn also nichts eingeschlagen und explodiert ist, muss es doch eine natürliche Erklärung geben, oder?

Ein iranischer Seismologe hat eine leichtes Beben registriert, die Erschütterung hatte eine Stärke von 3,4 auf der Richter-Skala. Die Küstenwache von Oman bestätigt: Ja, ein solches Beben könnte Ursache des Zwischenfalls gewesen sein. Ein kleiner Erdstoß, eine große Welle, das Prinzip Tsunami. Aus Fudschaira meldet sich der Hafenkapitän zu Wort: "Eine Freak-Welle hat den Zwischenfall verursacht", diktierte er Reportern von Reuters in die Blöcke. Die Crew-Quartiere in den oberen Decks seien beschädigt worden, ein paar Leute verletzt. Das Schiff benötige jedoch keine Schlepphilfe und werde aus eigener Kraft den Hafen anlaufen.

Eine Riesenwelle? Die See war ruhig, von einer Welle hat niemand an Bord etwas gemerkt. Die Mitsui-Sprecherin dazu gewohnt trocken: "Freak-Wellen lassen Schiffe kentern. Sie verursachen keine Explosionen."

Plausibelste Erklärung: ein U-Boot

Die "M. Star" macht im Hafen von Fudschaira fest. Die Havarie-Experten, darunter auch Fachleute von der Marine, begutachten den Schaden. Der rätselhafte Rumms hatte eine riesige Delle hinterlassen, Spuren einer Explosion finden die Experten nicht.

Eine Kollision also, kein Zweifel. Und ein Unfallgegner, den keiner gesehen hat. Da kommt eigentlich nur ein Bootstyp in Frage, der auch gar nicht gesehen werden will - ein U-Boot. Eine Nachfrage bei der 5. Flotte der US-Marine, die in Bahrain stationiert ist, ergibt allerdings keine weitere Aufklärung. "Unsere Schiffe waren es nicht", beteuert der Flottensprecher, "Wir waren nicht mal in der Nähe."

Aber die Erklärung ist die erste, die sich plausibel anhört. Die Besatzung eines U-Boots "sieht" nach vorn nichts. Beim schnellen Auftauchen kann der Bug so weit aus dem Wasser kommen, dass er die "M. Star" über der Wasserlinie trifft. Das amerikanische U-Boot "Greeneville" hat 2001 bei einem solchen Manöver den japanischen Trawler "Ehime Maru" getroffen und versenkt.

Die Delle am Heck der "M. Star" sieht jedenfalls eher danach aus, als wäre ein stumpfer Gegenstand dagegen gedonnert - und nicht der scharfe Bug eines anderen Dampfers. Irgendwo in den Gewässern vor Oman und den Emiraten schwimmt nun möglicherweise ein U-Boot mit einer schwer verbeulten Schnauze.

oka/dpa/Reuters
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