"Alarmphone Sahara" Wie private Retter versuchen, Migranten aus der Todeszone zu holen

Die Routen werden gefährlicher, Hilfe wird kriminalisiert: Experten zufolge sterben in der Wüste mindestens doppelt so viele Flüchtlinge wie im Mittelmeer. Ein Lehrer aus Niger will das nicht hinnehmen.

Weg durch die Wüste: Drei Männer auf dem Weg nach Algerien, nachdem sie den nigerianischen Grenzort Assamaka passiert haben
Jerome Delay/ AP

Weg durch die Wüste: Drei Männer auf dem Weg nach Algerien, nachdem sie den nigerianischen Grenzort Assamaka passiert haben

Ein Interview von


Viel wird über die gefährliche Flucht über das Mittelmeer nach Europa gesprochen und gestritten, bei der immer wieder Menschen sterben. Es gibt jedoch eine Migrationsroute, die noch tödlicher ist: Die Sahara ist zum Massengrab für Migranten geworden.

Niemand weiß, wie viele Menschen genau auf ihrem Weg durch die Wüste sterben. Doch Organisationen wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) gehen davon aus, dass es mindestens doppelt so viele sind wie im Mittelmeer. Über 30.000 Menschen seien zwischen 2014 und 2018 in der Wüste verschwunden, schätzt die IOM. Vermutlich sind die Zahlen noch höher, denn die meisten Leichen werden nie gefunden.

Die Sahara ist die größte Trockenwüste der Welt, etwa so groß wie die USA. Vom westafrikanischen Niger, dem Knotenpunkt für Migranten aus Westafrika, führen die Routen durch die Wüste über Algerien oder Libyen bis an die Mittelmeerküste. Die Gefahr, sich im endlosen Sand zu verirren oder in der Hitze zu verdursten, ist groß. Verschlimmert hat sich die Situation vor allem seit 2015 durch ein Gesetz, das Niger auf Druck der EU verabschiedete: das Verbot von Menschenschmuggel. Zuvor war es in dem Transitland ein normales Geschäft, Migranten von der Stadt Agadez - dem Tor zur Sahara - in Richtung Norden zu bringen.

Doch die EU zahlte Millionen dafür, dass Niger die Migration in Richtung Europa eindämmte, indem es den Transport von Migranten für illegal erklärte. Rund 1 Milliarde Euro an Entwicklungshilfe wurden der Regierung in Niamey bis 2020 zugesagt - dafür sollte sie ihre Grenzen dicht machen. Wer heute dabei erwischt wird, Migranten gegen Geld zu befördern, muss mit Gefängnisstrafen von bis zu 30 Jahren rechnen.

Dadurch sind zwar die offiziellen Zahlen derjenigen, die über Niger nach Nordafrika reisen, drastisch gesunken, laut IOM um etwa 79 Prozent. Aber: Verschwunden sind die Migranten nicht. Sie nehmen nur gefährlichere Wege, abseits der Grenzposten, weit entfernt von Dörfern und Wasserstellen. "Die Migranten kommen immer noch, aber sie nutzen alternative Wege, wo sie einem viel höheren Risiko ausgesetzt sind", sagte eine IOM-Sprecherin dem SPIEGEL.

Um etwas gegen das Sterben in der Wüste zu tun, haben Menschenrechtler in der Region Anfang 2017 begonnen, ein Netzwerk von Helfern entlang der Migrationsroute aufzubauen. Ihre Idee: ein Notfalltelefon für Menschen, die sich in der Sahara verirren. "Alarmphone Sahara" heißt die Initiative, die im Mai 2018 ein kleines Büro in der Wüstenstadt Agadez eröffnet hat. Azizou Chehou leitet seit Februar das Büro der Initiative, die Teil eines Netzwerks aus Menschenrechtsgruppen in Afrika und Europa ist. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Chehou, Sie tragen ein Handy bei sich, das Migranten anrufen können, wenn sie in der Wüste in Not geraten. Wann hat es das letzte Mal geklingelt?

Chehou: Das war etwa vor einer Woche. Allerdings waren es nicht Migranten, die angerufen haben, sondern unser Kontaktmann in Assamaka. Er hatte eine Gruppe von Migranten in der Wüste gefunden. Einige von ihnen hatten alles verloren: ihr Geld, ihr Gepäck. Sie wollten, dass wir ihnen helfen.

Zur Person
  • privat
    Azizou Chehou, Jahrgang 1967, ist seit Februar 2019 Koordinator der Initiative "Alarmphone Sahara" in Niger. Er arbeitet als Lehrer, Journalist und Menschenrechtler in Agadez.

SPIEGEL ONLINE: Und was haben Sie gemacht?

Chehou: Viel konnten wir leider nicht tun, dazu fehlen uns generell die Ressourcen. Wir haben ein Netzwerk aus etwa 20 Leuten in mehreren Dörfern und Städten, die an den Migrationsrouten Richtung Algerien und Libyen vorbeiführen. Die verteilen dort Notfallnummern an Migranten, die auf ihrem Weg dort Halt machen. Damit sie sich melden können, wenn sie in der Wüste in Not geraten. Das geht natürlich nur, wenn sie überhaupt Empfang haben. Unser Mann in Assamaka hat auch ein Motorrad, damit fährt er durch die Gegend und sucht nach Menschen, die irgendwo gestrandet sind. Wenn er eine Gruppe in der Wüste findet, sagt er Soldaten oder NGOs in der Nähe Bescheid. Wir haben keine eigenen Fahrzeuge für den Transport. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass andere mit ihren Trucks kommen und die Migranten in den nächsten Ort bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was erzählen Ihnen die Menschen, wieso sie in der Wüste stranden?

Chehou: Viele werden von der algerischen Regierung abgeschoben. Soldaten bringen sie zum sogenannten Point Zero und setzen sie dort aus, manchmal mitten in der Nacht. Sie zeigen in eine Richtung und sagen: "Da ist der nächste Ort". Die Migranten laufen los und verlieren auf dem Weg die Orientierung. Sie haben keine Kraft mehr oder verdursten. Oft sind auch Frauen und Kinder dabei.

SPIEGEL ONLINE: Auch Fahrer setzen Migranten in der Wüste aus. Warum?

Chehou: Seitdem der Transport von Migranten kriminalisiert wurde, nehmen die Fahrer immer gefährlichere Routen. Wenn ihr Wagen auf der Strecke liegen bleibt, hauen viele ab und überlassen die Migranten sich selbst. Weil sie Angst haben, dass Soldaten sie finden und sie ins Gefängnis müssen. Als Lehrer bin ich vor einer Weile öfter in Dörfer in der Wüste gefahren, um dort Kinder zu unterrichten - auf dem Weg habe ich immer wieder Leichen von Menschen gesehen, die es nicht geschafft haben. Es ist eine Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind Ihre Kontaktleute in den Dörfern?

Chehou: Das sind ganz unterschiedliche Menschen: Händler zum Beispiel, die für ihre Arbeit viel herumfahren. Wir haben aber auch NGO-Mitarbeiter, jemanden vom Roten Kreuz. Oder lokale Autoritäten in den Ortskomitees. Ich bin Journalist und arbeite beim Radio, daher kenne ich viele Leute in der Region. Die versuche ich zu überzeugen, bei uns mitzumachen. Vor ein paar Monaten haben wir in Agadez einen Workshop mit ihnen organisiert, um sie dafür auszubilden, Migranten zu helfen und ihre Situation zu dokumentieren. Wir haben ihnen Telefone gegeben, damit sie uns informieren und Bilder machen, wenn sie an Rettungsaktionen beteiligt sind. Ich halte das dann in unserem Büro in Agadez und auf unserer Internetseite fest. Allerdings ist die Kommunikation mit den Kontaktleuten nicht einfach: Mal ist das Telefonguthaben leer, oder die Verbindung bricht ab. Unsere Initiative hat kaum Geld, und wir kämpfen mit vielen Problemen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit den Migranten, die gerettet werden?

Chehou: Wenn sie in der Nähe der algerischen Grenze in den nächsten Ort gebracht werden, müssen sie dort ausharren, bis sie von der IOM zurück nach Agadez gebracht werden. Das kann manchmal Tage oder Wochen dauern. Und diese Menschen sind oft in einer schlimmen Verfassung: Sie sind tagelang ohne Wasser durch die Wüste geirrt, viele sind psychisch verwirrt. Neulich hatten wir eine Frau, die gerettet wurde und einfach wieder in die Wüste laufen wollte. Gerade in so kleinen Ortschaften wie Assamaka gibt es nicht genug Infrastruktur, um die Leute richtig zu versorgen. Unsere Freiwilligen versuchen dann, die Leute zu beruhigen, sie mit Wasser und Essen zu versorgen. Oder sich darum zu kümmern, dass Verletzte ins Krankenhaus gebracht werden. Wenn die Leute in Agadez ankommen, werden die meisten zurück in ihre Heimatländer geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Kommen die Migranten auf ihrem Weg Richtung Sahara auch zu Ihnen in das Büro in Agadez?

Chehou: Das war unser Plan, denn wir wollen die Menschen besser auf die Gefahren in der Wüste vorbereiten. Wir verteilen Flyer, auf denen zum Beispiel steht, wie viel Wasser man mit auf die Reise nehmen sollte. Oder dass die Menschen ihre Familien informieren sollen, wenn sie losfahren, damit jemand informiert ist, wenn sie plötzlich verschwinden. Allerdings kommen kaum mehr Migranten durch Agadez. Wegen der verschärften Migrationsgesetze haben sie Angst, verhaftet zu werden. Die Schmuggler bringen sie in geheimen Verstecken außerhalb der Stadt unter. Die neuen Gesetze machen auch unsere Arbeit als Alarmphone sehr schwer, weil alles, das irgendwie mit Migration zusammenhängt, verboten ist. Weil ich Migranten helfe, habe ich Angst, irgendwann selbst deswegen ins Gefängnis zu kommen.

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