Krieg in Syrien "Das ist unser letztes SOS"

Aleppo steht kurz vor dem Fall, Bewohner in den Rebellengebieten sind in höchster Not. Laut Rotem Kreuz ist die humanitäre Situation katastrophal, die Uno ist alarmiert wegen Berichten über Gräueltaten gegen Zivilisten.

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Aleppo wird fallen, das Wann scheint nur noch eine Frage von Stunden. In der Stadt sieht es bereits nach Ende aus. Die Straßen in den ehemals von Rebellen gehaltenen Vierteln sind verlassen und übersät mit riesigen Kratern, in denen sich Regenwasser gesammelt hat. Ausgebrannte Autos liegen vereinzelt am Straßenrand. Viele Häuser sind zerbombt. Diese Bilder sind in einem Video zu sehen, das Aktivisten bei einer kurzen Fahrt durch die letzten von Rebellen besetzten Gebiete im Osten Aleppos gemacht haben.

Binnen 24 Stunden sind laut Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien mehr als 10.000 Zivilisten aus den seit 2012 von den Rebellen gehaltenen Vierteln in Ost-Aleppo geflüchtet.

In den von Assads Regierungstruppen gehaltenen Gebieten der Stadt dagegen fahren Sympathisanten im Autokorso durch die Straßen und feiern den vermeintlichen Sieg. In West-Aleppo waren einem AFP-Reporter zufolge bereits am Montagabend Freudenschüsse zu hören. Das staatliche syrische Fernsehen zeigte feiernde Menschen, die Bilder von Staatschef Baschar al-Assad und syrische Flaggen hochhielten.

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Aleppo: Der letzte Kampf

Die syrische Armee hat am Montag zusammen mit ihren Verbündeten zahlreiche Stadtviertel erobert, die regimetreuen Milizen rücken weiter vor. Die Rebellen stehen laut Beobachtern kurz vor der Niederlage. Nur noch etwa drei Prozent des bisherigen Einflussgebietes werde von ihnen kontrolliert, so die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Für viele Menschen in der umkämpften Metropole ist die Lage höchst bedrohlich. Die medizinische Versorgung in der Stadt sei katastrophal, berichtet das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in Syrien. Medikamente gebe es kaum noch, viele Menschen hielten sich wegen der andauernden Kämpfe seit Tagen versteckt und hätten keine Nahrung und kein Wasser.

"Dies ist unser letztes SOS", schrieb ein Bewohner aus Ost-Aleppo am Montag im Internet. Ein anderer schilderte in einer Sprachnachricht, dass Aleppo komplett zerstört und abgebrannt werde, und forderte: "Rettet die Leben der Kinder, Frauen und Alten!" Andere Bewohner schildern, Menschen seien unter Trümmern gefangen, ohne dass ihnen geholfen werden könne, weil immer weiter gebombt werde. Leichen könnten nicht geborgen werden.

Viele Menschen posten Videos aus dem Ostteil der Stadt, in denen sie ihre "letzten Botschaften" übermitteln möchten.

Das Rote Kreuz in Syrien veröffentlichte Bilder aus provisorischen Notunterkünften in Aleppo. Darauf sind Hunderte Menschen zu sehen, die aus Ost-Aleppo geflohen sind und sich mit Planen und Decken notdürftige Schlafstätten gebaut haben. Viele Menschen stünden unter Schock, hieß es. Sie hätten sich teilweise tagelang versteckt gehalten, ohne Tageslicht oder Elektrizität.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigt sich alarmiert von der Situation in der syrischen Stadt - insbesondere aufgrund der jüngsten Berichte über Gräueltaten gegen Zivilisten. Es gebe auch Berichte über Gräueltaten gegen Frauen und Kinder, so Ban. Die Vereinten Nationen könnten das nicht unabhängig nachprüfen, aber es besorge ihn sehr. Die syrische Armee mit ihren Verbündeten Russland und Iran müssten Zivilisten schützen.

Papst appelliert an Assad

Angesichts der dramatischen Lage in der Stadt hat auch Papst Franziskus Syriens Machthaber Assad in einem Brief aufgefordert, Zivilisten vor Gewalt zu schützen und einen sicheren Weg für Hilfsgüter zu garantieren. In dem Schreiben rief das katholische Kirchenoberhaupt den syrischen Präsidenten und die internationale Gemeinschaft auf, sich für ein Ende der Kampfhandlungen einzusetzen.

Bei den jüngsten Kämpfen sind nach Angaben der Beobachter mindestens 60 Menschen getötet worden. Darunter seien auch zahlreiche Zivilisten, berichtete die Beobachtungsstelle.

Aleppo gilt als die am heftigsten umkämpfte Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Sie war lange Zeit zwischen dem Regime im Westen und verschiedenen Rebellengruppen im Osten geteilt. Vor rund fünf Monaten begann die syrische Armee mit der Belagerung der Rebellengebiete. Seitdem waren diese so gut wie von der Außenwelt abgeschnitten. Die Rückeroberung der gesamten Stadt könnte einen Wendepunkt in dem Bürgerkrieg darstellen.

max/kgp/dpa/AFP



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