Video aus Aleppo Syrische Rebellen richten Assad-Getreue hin

Im heftig umkämpften Aleppo haben Aufständische offenbar ein Blutbad angerichtet: Auf einem Video ist zu sehen, wie syrische Rebellen in einem Schulhof mehrere Anhänger von Präsident Assad vor zahlreichen Schaulustigen hinrichten.

Das Bild aus einem Video soll den Chef der Berri-Familie kurz vor seiner Exekution durch syrische Rebellen zeigen
AFP/ YouTube

Das Bild aus einem Video soll den Chef der Berri-Familie kurz vor seiner Exekution durch syrische Rebellen zeigen


Damaskus/Aleppo - Das knapp dreiminütige YouTube-Video zeigt dramatische Szenen: Vier mutmaßliche Anhänger des syrischen Machthabers Baschar al-Assad werden von Aufständischen in einen Hof, offenbar ein Schulhof, gebracht und müssen sich vor einer Wand aufstellen. Zwei der Gefangenen tragen nur Unterwäsche. Zahlreiche Schaulustige stehen drumherum, die Menge schreit: "Gott ist groß!" Dann sind langanhaltende Gewehrsalven zu hören. Als sich der Rauch verzieht, sieht man die Leichen: Sie liegen vor der Wand. Selbst auf die Toten schießen Rebellen noch mit ihren Gewehren.

Die Video-Aufnahme legt nahe, dass syrische Aufständische im hart umkämpften Aleppo mehrere Assad-Getreue hingerichtet haben. Die Schule dient offenbar als Gefängnis. SPIEGEL ONLINE kann nicht überprüfen, ob die Aufnahmen echt sind und tatsächlich die geschilderte Szene zeigen. Doch sollte dem so sein, haben sich die Rebellen derselben Verbrechen schuldig gemacht, die Assads Kämpfern in der Hauptstadt Damaskus vorgeworfen wurden.

Bei den Toten soll es sich um Mitglieder der Assad-treuen Schabiha-Milizen handeln. Sie gehörten zur Familie der Berri, heißt es in dem Video. Die Schabiha (arabisch "Geister") sind bei der Niederschlagung des seit 17 Monaten andauernden Aufstands gegen Assad an vorderster Front dabei. Assads Familie gehört der religiösen Gruppierung der Alawiten an, einem Ableger des schiitischen Islams. Die Milizen, die ursprünglich nahezu komplett aus Alawiten rekrutiert worden waren, sind mit Hilfe der Geheimpolizei vergrößert worden. Ihren Namen bekamen sie einst vom Volksmund: So werden die großen Mercedes-Limousinen mit verdunkelten Scheiben genannt, in denen die Milizen umherfahren. Man sieht nicht, wer darin sitzt, sie bewegen sich also wie Geister durch die Städte.

Ein anderes Video im Internet soll laut Nachrichtenagentur Reuters zeigen, wie Rebellen sich brüsten, nachdem sie in Nadschrab südöstlich von Aleppo am Dienstag eine Polizeiwache eingenommen hatten. "Kommt und schaut euch die Kadaver an, die im Namen Assads verreckt sind", sagt ein Aufständischer. Die Kamera weist auf die Leichen in der Wache. Mindestens 15 Tote liegen im Gebäude und im angrenzenden Garten. Das Haus ist mit Einschusslöchern übersät und zum Teil niedergebrannt. Ein Aufständischer zeigt mit seinem Gewehr auf die Leiche des Kommandeurs der Polizeiwache. Dann feuert der Kämpfer auf ihn. Die Kugel reißt den Kopf weg. Und der unbekannte Kämpfer ruft: "Ich spucke auf dich und auf den Tyrannen Baschar al-Assad!"

Syrische Armee setzt Kampfflugzeuge in Aleppo ein

In Aleppo versuchen die Regierungstruppen seit Samstag, die Aufständischen mit einer Großoffensive aus der strategisch wichtigen Handelsstadt zurückzudrängen. In dem Angriff der Assad-Soldaten auf die zweitgrößte Stadt des Landes sieht Amnesty International den Höhepunkt eines monatelangen brutalen Vorgehens gegen Andersdenkende. Aleppo ist im Konflikt zwischen Staatsführung und Rebellen möglicherweise die entscheidende Stadt.

Nach Angaben von Uno-Beobachtern hat die syrische Armee bei den Kämpfen um Aleppo auch Kampfflugzeuge eingesetzt. Die Uno-Beobachter hätten am Dienstag gesehen, dass ein Jet auf Aleppo geschossen habe, sagte die Sprecherin der Uno-Beobachtermission in Syrien, Sausan Ghosheh, an diesem Mittwoch. Amnesty International berichtet von zahlreichen unbeteiligten Opfern. Viele junge Männer, aber auch Kinder und ältere Menschen sind laut der Menschenrechtsorganisation von Regierungstruppen oder verbündeten Milizen erschossen worden.

Die heftigen Kämpfe in Aleppo seien "sehr besorgniserregend", schrieb die Uno-Sprecherin per E-Mail. Darin hieß es außerdem: "Wir haben jetzt die Bestätigung, dass die Opposition in Aleppo über schwere Waffen, darunter Panzer, verfügt." Viele Menschen hätten angesichts der Kämpfe vorübergehend Zuflucht in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden in sicheren Stadtteilen gesucht. Es gebe Engpässe bei Nahrungsmitteln, Treibstoff und Gas. Auch in der Hauptstadt Damaskus flammten die Gefechte zwischen Aufständischen und Regierungstruppen am Mittwoch wieder auf. Rebellen zufolge wurde erstmals in der Nähe von zwei christlichen Vierteln gekämpft.

Am Mittwoch meldete sich Präsident Assad nach zwei Wochen erstmals wieder öffentlich zu Wort. In einer schriftlichen Erklärung, aus der die Nachrichtenagentur Reuters zitierte, verkündete er, dass der Kampf gegen die Rebellen über Syriens Schicksal entscheide. "Das Schicksal unseres Volkes und unserer Nation - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - hängt von dieser Schlacht ab", erklärte Assad. Er pries die Kampfbereitschaft seiner Soldaten gegen die Aufständischen, die er als "kriminelle Terroristenbanden" bezeichnete. Die Soldaten seien die Anwälte der Werte des Volkes.

lgr/Reuters/AFP

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ralf_si 01.08.2012
1. optional
Na, wenn sich der Westen DAS wünscht: Bevor die Leute hingemetzelt werden die typischen "Allah ist Groß"-Rufe. Die religiösen Minderheiten werden nach einem Umsturz nichts zu lachen haben.
iconoclasm 01.08.2012
2. zweierlei Maß
Zitat von sysopAFP / HO / YouTubeIm heftig umkämpften Aleppo haben Aufständische offenbar ein Blutbad angerichtet: Auf einem Video ist zu sehen, wie syrische Rebellen in einem Schulhof mehrere Anhänger von Präsident Assad vor zahlreichen Schaulustigen hinrichten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847677,00.html
Wenn es um Gräueltaten der "Rebellen" geht kennt SPON auf einmal doch den Konjunktiv.
Freewolfgang 01.08.2012
3. Auge um Auge, Zehn um Zahn
Heißt es nicht so schon in der Bibel? Und wer Wind sät, wird Sturm ernten? In einem Krieg - ganz egal ob Bürgerkrieg oder ob sich zwei verfeindete Nationen gegenüberstehen - wird es immer Verbrechen geben, und Menschen, die sich nur allzu willig zu Mördern machen lassen. Das letzte Töten in Europa ist noch nicht allzu lange her. Ist die Spirale der Gewalt erst einmal in Gang gesetzt, ist sie nurmehr sehr schwer aufzuhalten, wenn überhaupt. Nachdem es eine unabhängige Berichterstattung vor Ort so gut wie nicht gibt, gilt diese Information - ebenso wie alle anderen aus den umkämpften Gebieten - für mich als unbestätigt. Wenn dieser Bürgerkrieg einst beendet sein wird - hoffentlich in naher Zukunft - wird es hier wie überall schwer sein, der wirklich Schuldigen auf beiden Seiten habhaft zu werden, denn jede Seite betrachtet ihre Täter als Helden und diese werden dementsprechend gedeckt.
stefanaugsburg 01.08.2012
4. Zu spät, das wars ...
Man braucht jetzt nicht mehr anzufangen, auf die 'gute' und die 'böse' Seite zu zeigen, dieser Zug ist endgültig abgefahren. Z Zuviele anfängliche Chancen wurden sinnlos vertan, zuviele Gelegenheiten verpasst und das führt nun eben zu einer Radikalisierung auf beiden Seiten. Die Rebellen verfahren jetzt genauso schlimm und teilweise menscheunwürdig, wie das die Soldaten und Milizen von Assad seit Anfang tun. China und Russland sind daran nicht ganz unschuldig, denn hätte man frühzeitig harten und konsequenten Druck auf das Regime ausüben können, dann wäre es unter Umständen (früher) zu einer Lösung des Problems gekommen. Jetzt brennt das Land und ein Bürgerkrieg mit unabsehbaren Folgen steht an, das kann also noch spannend werden. Diplomatische Missionen sind in diesem Stadium im Prinzip sinnlos, der Krieg hat sich verselbstständigt. Mission accomplished !
Onsom2000 01.08.2012
5. So widerlich das Assad Regime auch ist...
... was folgt wird vermutlich deutlich schlimmer! Vermutlich ein lang anhaltender Bürgerkrieg zwischen den Religonsgruppen an dessen Ende ein sunitischer Gottestaat steht.
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