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Demokraten-Hoffnung Ocasio-Cortez Gelikt, gehypt, gehasst

Die linke US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York ist erst seit vier Wochen in Washington. Doch schon jetzt hat sie in der Hauptstadt mehr Fans als viele ihrer Kollegen - und auch mehr Feinde.

Die Menschenansammlung vor dem US-Kapitol wird immer größer. Dutzende Kameras stehen da, Reporter halten ihre Schreibblöckchen bereit, Schaulustige zücken Handys. Alle wollen sie vor allem eine Person sehen: Alexandria Ocasio-Cortez. Sie lacht fröhlich, umarmt eine Bekannte am Wegesrand, winkt der Menge zu.

Ocasio-Cortez ist gekommen, um ihr wichtigstes politisches Thema vorzustellen: Es ist der "Green New Deal", eine große Initiative, die dafür sorgen soll, dass Amerika in zehn Jahren zu 100 Prozent erneuerbare Energien nutzt. "Ich bin sehr aufgeregt. Das ist ein historischer Moment", ruft sie. "Gemeinsam werden wir unser Land in eine neue Zukunft führen." Die Menge jubelt.

Ocasio-Cortez bei der "Green New Deal"-Vorstellung

Ocasio-Cortez bei der "Green New Deal"-Vorstellung

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Es ist ein typischer Ocasio-Cortez-Auftritt. Seit gerade einmal vier Wochen sitzt die Abgeordnete aus New York im Repräsentantenhaus in Washington. Doch sie ist so präsent wie wenige andere Politiker. In den sozialen Medien postet sie Videos ihrer Auftritte im Kongress, die von Zehntausenden geliked und geteilt werden. Sie wird von den besten Reportern des Landes zur Primetime im Fernsehen interviewt. Und es vergeht praktisch kein Tag, an dem sie nicht unter ihren Abgeordnetenkollegen im Repräsentantenhaus und im Senat mit einer ihrer politischen Forderungen für Kontroversen sorgt.

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Alexandria Ocasio-Cortez: Die Frau, die Washington aufmischt

Foto: SAUL LOEB/ AFP

Seit ihrem Überraschungserfolg bei den Wahlen im vergangenen Jahr bricht die Frau alle Rekorde: Mit gerade einmal 29 Jahren ist Ocasio-Cortez die jüngste Abgeordnete im Kongress. Mit 2,8 Millionen Followern bei Twitter hat sie bereits die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, überholt (2,2 Millionen Follower). Und schon jetzt geben laut einer CNN-Umfrage sechs von zehn Amerikanern (59 Prozent) an, die Politikerin zu kennen. Von solchen Werten können viele ihrer Kollegen selbst nach Jahren harter Arbeit nur träumen.

Gründe für ihren rasanten Aufstieg gibt es reichlich. Da ist zum Beispiel die Energie, mit der Ocasio-Cortez zu Werke geht. Als Vertreterin einer neuen Generation von Politikern steht sie für etliche Themen, die vor allem viele junge Amerikaner bewegen.

  • Sie kämpft für die Abschaffung der Studiengebühren
  • Für ein möglichst günstiges Gesundheitssystem für alle
  • Für einen Spitzensteuersatz von 70 Prozent für Reiche
  • Und natürlich für den Klimaschutz: Ocasio-Cortez hofft, dass sich möglichst viele Abgeordnete im US-Kongress in den kommenden Monaten ihrer Forderung nach einem "Green New Deal" anschließen werden. Dann sollen daraus ganz konkrete Gesetzesinitiativen entstehen.

Ocasio-Cortez steckt voller Tatendrang. Wo sie Missstände entdeckt, prangert sie sie laut an. Kritiker watscht sie via Twitter ab. Der achselzuckende Pragmatismus vieler altgedienter Abgeordneter ist ihr fremd. Bei einer Anhörung zum Gesundheitswesen mit Pharmakonzernen hielt sie einen Kurzvortrag: Es könne doch nicht angehen, dass die Forschung und Entwicklung von Medikamenten mit Milliarden vom Staat gefördert werde, dann aber beim Verkauf alleine die Konzerne die Profite kassierten, monierte sie. Der Clip dazu wurde im Netz zum Hit.

So ist Ocasio-Cortez das Gegenbild zu US-Präsident Donald Trump: Er ist rechts, alt, weiß und Milliardär aus reichem Hause. Sie ist links, jung und ein Migrantenkind aus der Bronx in New York. Ihre Eltern waren nicht wohlhabend, sie hat sich hochgearbeitet, noch während des Wahlkampfs im vergangenen Jahr musste sie in einer Bar arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Washington wäre aber nicht Washington, wenn der Erfolg nicht auch jede Menge Gegner auf den Plan rufen würde. Vor allem unter Rechten, bei vielen Republikanern und Trump-Fans, ist Ocasio-Cortez innerhalb kürzester Zeit zum Lieblingsfeind Nummer eins avanciert. Trumps Haussender Fox News bringt praktisch jeden Tag Kommentare, in denen sie wahlweise als "Marxistin", "bekloppt" oder "völlig unerfahren" kritisiert wird. Ihre Pläne zum Klimaschutz oder die Reichensteuer werden als "Humbug" abgetan. "Was hat sie denn bisher geleistet?", empörte sich der Kommentator Mark Levin in der Sendung "Hannity". "Was weiß sie denn schon? Nichts."

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Dazu passt, dass Donald Trump die Warnung vor einer Übernahme der USA durch die "sozialistische Partei der Demokraten" und die "radikale Linke" schon jetzt zu seinem wichtigsten Wahlkampfslogan gemacht hat. Auch wenn er ihren Namen nicht ausspricht, ist ganz klar, wer damit gemeint ist: Ocasio-Cortez.

Aber auch in ihrer eigenen Partei wird die Umtriebigkeit der Newcomerin zum Teil mit Misstrauen verfolgt. Zwar genießt Ocasio-Cortez gerade unter vielen neuen, linken Abgeordneten große Beliebtheit. Doch beim moderaten und konservativen Flügel der Demokraten befürchten manche Strategen, dass sie und ihre Unterstützer die Partei so weit nach links rücken, dass dadurch unentschiedene Wähler aus der politischen Mitte abgeschreckt werden könnten.

Angst vor dem Linksruck

"Ich verstehe nicht, warum sie jetzt das große Ding ist", schimpfte die frühere demokratische Senatorin aus Missouri, Claire McCaskill. Ocasio-Cortez sollte sich klar machen, dass viele Amerikaner die Demokraten nicht ausstehen könnten, das gelte auch für die Arbeiterklasse. Die Wähler erwarteten konkrete Antworten auf ihre Probleme, "nicht nur billige Worte". Ocasio-Cortez schoss umgehend zurück: "Warum nennt sie mich 'Ding?' Das ist echt eine Enttäuschung", antwortete sie - natürlich via Twitter.

Ocasio Cortez (r.) auf dem Weg zu Trumps Rede zur Lage der Nation

Ocasio Cortez (r.) auf dem Weg zu Trumps Rede zur Lage der Nation

Foto: JOSHUA ROBERTS/ REUTERS

Selbst Nancy Pelosi, die mächtige Sprecherin des Repräsentantenhauses, reagiert zurückhaltend auf das neue Talent in ihren Reihen. Zu Ocasio-Cortez' "Green New Deal" sagte sie nur trocken, dieser werde "einer von vielen Vorschlägen zu dem Thema sein". Nicht einmal den Namen der Initiative konnte oder wollte sich Pelosi merken: "Green Dream nennen sie das oder wie auch immer."

Tatsächlich ist die Frage, wie links oder radikal die Demokraten künftig sein sollten, noch nicht entschieden. Potenzielle Präsidentschaftskandidaten wie Kamala Harris oder Elizabeth Warren folgen Ocasio-Cortez in Teilen und setzen ebenfalls auf eine linke, "progressive" Agenda. Andere Hoffnungsträger der Demokraten wie Kirsten Gillibrand, Joe Biden oder Amy Klobuchar würden sich selbst wohl eher der politischen Mitte zurechnen. Sollte Ocasio-Cortez ihren Einfluss in der Partei weiter ausbauen, wird sie sich aber wohl einem Linksdrall nicht verschließen können.

Eine Präsidentschaftskandidatur von Ocasio-Cortez selbst ist 2020 übrigens ausgeschlossen. Das höchste Amt der USA darf nur übernehmen, wer mindestens 35 Jahre alt ist.

Da hat sie also noch ein wenig Zeit.

Im Video: Ocasio-Cortez bei Ethik-Anhörung: Das Korruptions-Spiel

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