Tsipras vor der Griechenlandwahl Aufholjagd mit Hindernissen

Schafft Tsipras doch erneut den Sieg? Kurz vor der Wahl liegt der griechische Ex-Premier in Umfragen wieder knapp vorne. Aber mehrere Enthüllungen könnten seinem linken Image schaden.

Beherrscht das Spiel mit den Massen noch: Tsipras beim letzten Wahlkampfauftritt
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Beherrscht das Spiel mit den Massen noch: Tsipras beim letzten Wahlkampfauftritt

Aus Athen berichten und


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"Ich warte auf eine Schwangere", entschuldigt sich der Taxifahrer, der trotz des Absperrbandes auf einer Straße unweit des Syntagma-Platzes geparkt hat. "Ist mir egal", gibt ein aufgebrachter Polizist zurück. "Hau ab!" Noch gilt in Griechenland: freie Bahn für Alexis Tsipras.

Griechenlands bisheriger Regierungschef hat am Freitagabend im Zentrum von Athen seinen letzten Wahlkampfauftritt. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr geht es an die Urnen, weil Tsipras nach der kontroversen Verabschiedung eines Sparpakets sein Heil in Neuwahlen suchte. Eine riskante Entscheidung: Die Popularität des linken Premiers litt enorm unter seiner Kehrtwende, sein konservativer Herausforderer Evangelos Meimarakis lag in manchen Umfragen schon knapp vor ihm.

Doch der Chef des Linksbündnisses Syriza hat die Demoskopen schon einmal vorgeführt. Entgegen ihren Vorhersagen gewann er Anfang Juli ein von ihm überraschend angesetztes Referendum über die Sparpolitik mit klarer Merheit. Gelingt dem Instinktpolitiker das Kunststück noch einmal? Die allerletzte Umfrage vor der Wahl deutet das an: Das Institut GPO sieht Syriza um 2,5 Prozentpunkte vor der Nea Dimokratia (ND) von Meimarakis.

Offenbar kann Tsipras trotz seiner insgesamt enttäuschenden Bilanz noch Syriza-Wähler mobilisieren, die bislang unentschlossen waren. Die Konservativen haben dieses Potenzial dagegen weitgehend ausgeschöpft: Rund 80 Prozent ihrer Wähler vom Januar sind seit Längerem entschlossen, sie auch diesmal zu wählen. Bei Syriza hingegen ist dieser Anteil allein über die vergangene Woche von 60 auf 65 Prozent gestiegen.

Dass Tsipras das Spiel mit den Massen noch beherrscht, zeigt auch sein letzter Wahlkampfauftritt. Zuvor ist kaum Stimmung vor der Bühne, die zwischen einem Nike-Laden und einem McDonald's aufgebaut wurde. Das Publikum besteht zum großen Teil aus älteren Syriza-Funktionären. Zu den animierteren Teilnehmern gehören Schulhausmeister, die sich mit ihren gelben Flaggen noch einmal für ihre von Tsipras veranlasste Wiedereinstelllung bedanken.

Gastredner Gysi schmeichelt den Griechen

Im Verlauf von Tsipras' Rede aber steigt die zunächst maue Stimmung deutlich und erinnert gegen Ende fast an Auftritte im vorherigen Wahlkampf. Ungerührt von den Ereignissen der vergangenen Monate stimmt Tsipras dasselbe Lied an wie damals: Nur unter Syriza könnten die Griechen die Sparforderungen ihrer Gläubiger bekämpfen und damit sogar zum Vorbild für den Rest Europas werden.

Unterstützt wird diese Deutung von Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, der als einer von mehreren Gastrednern auftritt. Gysi schmeichelt den Griechen, sie seien "seit der Antike eine Ausnahme" und sollten das bitte auch bleiben. Pablo Iglesias, Chef des spanischen Linksbündnisses Pódemos, rühmt den Syriza-Chef gar als "Löwen, der das Vaterland vor den Geiern beschützt". Und Tsipras selbst erklärt die Wahl am Sonntag kurzerhand zu einem neuen Referendum, bei dem die Griechen erneut mit Nein stimmen könnten. Das Ergebnis des jüngsten Referendums hat er freilich ignoriert und neuen Sparauflagen dennoch zugestimmt.

Bemerkenswert ist Tsipras' Aufholjagd auch, weil zuletzt gleich mehrere Nachrichten an seinem linken Image kratzten. So wurde ein Sohn von Tsipras vergangene Woche in einem Privatkindergarten mit jährlichen Gebühren von 7000 Euro eingeschult. Das vertrug sich eher schlecht mit der nahezu zeitgleichen Ankündigung von Syriza, man strebe ein "öffentliches, kostenloses, demokratisches und hochwertiges Erziehungssystem an".

Laut Berichten der Zeitung "Proto Thema" verbrachte Tsipras zudem seinen Urlaub in einer Villa, die dem Reeder Thanasis Martinos gehört. Dieser steht auf der sogenannten Lagarde-Liste mutmaßlicher Steuersünder, deren Verfolgung Tsipras bei seinem Wahlkampffinale erneut vehement versprach.

Ärger um den Ziehvater

Und dann gab es auch noch große Aufregung um Alekos Flambouraris, den Tsipras als seinen politischen Ziehvater bezeichnet. Flambouraris war bereits Minister im Kabinett von Tsipras, als seine Baufirma im Mai einen knapp vier Millionen Euro teuren Staatsauftrag an Land zog. Flambouraris hatte zu diesem Zeitpunkt das Unternehmen nach eigenen Angaben verlassen, er besaß jedoch weiterhin Anteile daran.

Zwar gehörten ähnliche Berichte unter Tsipras' Vorgängern zum Alltag. Doch der Linke hat das Ende von Vetternwirtschaft und Privilegien zu einem zentralen Versprechen gemacht. Nun droht Tsipras Wähler zu verprellen, die er dringend braucht. Den meisten Analysten zufolge wird der Abstand zwischen Wahlsieger und Zweitplaziertem nur drei bis vier Prozentpunkte betragen. Während Tsipras die absolute Mehrheit im Januar nur knapp verfehlte, könnten für eine stabile Koalition diesmal sogar zwei Partner notwendig sein.

Besonders bangen muss Syriza den Umfragen zufolge um junge Wähler zwischen 18 und 23 Jahren. Im Januar hatten diese noch mit großer Mehrheit für das Linksbündis gestimmt, diesmal könnten viele zu Hause bleiben. Bei seinem letzten Auftritt warb Tsipras deshalb ausdrücklich um die Jugend: "Jede Stimme, die Syriza nicht bekommt, ist eine Stimme für die Nea Dimokratia! Jede Stimme, die Syriza nicht bekommt, ist eine Stimme für Korruption und geheime Absprachen!"

Zusammengefasst: Alexis Tsipras könnte letzten Umfragen zufolge erneut zum griechischen Premierminister gewählt werden. Doch er muss besonders um die Stimmen junger Wähler kämpfen. Außerdem stellen mehrere Enthüllungen sein linkes Image infrage.

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Greggi 19.09.2015
1. Na, das passt doch alles.
"Zwar gehörten ähnliche Berichte unter Tsipras' Vorgängern zum Alltag. Doch der Linke hat das Ende von Vetternwirtschaft und Privilegien zu einem zentralen Versprechen gemacht." So stellt sich der kleine EU-Netto-Steuerzahler eine mediterrane, hoch verschuldete Volkswirtschaft, geführt von einem Sozialisten, vor. Die Realität holt die Vorurteile ein.
ah-ist-wahr? 19.09.2015
2. (Fast) so sicher wie das Amen in der Kirche.
Natürlich wird Tsipras gewinnen. Sie glauben doch nicht, dass die Griechen so doof sind nach Jahren des Sumpfes ihrem protestgewählten Premier nicht mehr als eine einzige Amtszeit zu gönnen? Anscheinend tun sich die meisten weiterhin schwer damit die Griechen zu verstehen.
richardheinen 19.09.2015
3.
Gisy hat Recht: Sicher ist Griechenland seit der Antike eine Ausnahme. Seine Regierungen haben nie kapiert, wie Wirtschaft und vernünftiges Wirtschaften funktionieren. Tsipras als Löwen, der das Vaterland vor den Geiern schützt, zu bezeichnen, ist eine unrichtige Beschreibung. Geier dienen der Hygiene in der Natur, indem sie Aas, also tote Masse, vertilgen. Wenn Iglesias Griechenland als tot ansieht, muss man sich das mal auf der Zunge zergehen lassen.
burgundy2 19.09.2015
4.
Zitat von ah-ist-wahr?Natürlich wird Tsipras gewinnen. Sie glauben doch nicht, dass die Griechen so doof sind nach Jahren des Sumpfes ihrem protestgewählten Premier nicht mehr als eine einzige Amtszeit zu gönnen? Anscheinend tun sich die meisten weiterhin schwer damit die Griechen zu verstehen.
Sie meinen die Griechen müssten mangels Alternative einen Premier wählen, der sie abgrundtief verraten hat (obwohl er das zu Beginn sicherlich nicht wollte)? Aber na ja, das machen die Deutschen ja genauso.
ludwig49 19.09.2015
5. Die Versprechungen vor Wahlen...
...sind in Griechenland auch nicht anders als in Deutschland. Fakt ist eben, daß die Griechen eine Regierung brauchen, die außer Korruption und Steuerhinterziehung endlich andere Kompetenzen auf der Liste hat. Gysi hat im übrigen schon klügeres gesagt: die Antike war früher, Griechenland ist jetzt !
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