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09. Januar 2011, 16:15 Uhr

Algerien und Tunesien

Unruhen in Nordafrika verschärfen sich

In Tunesien und Algerien haben sich die sozialen Unruhen weiter verschärft. In beiden Ländern gab es mehrere Tote. Während die Proteste in Tunesien sich vor allem gegen die hohe Arbeitslosigkeit richten, sind es im benachbarten Algerien hohe Lebensmittelpreise.

Paris - In Algerien und Tunesien haben sich die gewaltsamen Proteste gegen soziale Missstände am Wochenende fortgesetzt. Seit Beginn der Unruhen kamen in Algerien laut Innenministerium bereits drei Menschen ums Leben. In Tunesien starben der Regierung zufolge acht Menschen bei den Unruhen. Drei Männer versuchten, sich in der Öffentlichkeit zu verbrennen.

"Man hat sogar auf Leichenzüge geschossen", sagte Ahmed Nejib Chebbi von der tunesischen Oppositionspartei PDP. Die Regierung in Tunis betonte, dass die Polizei zur Selbstverteidigung geschossen habe. In Tala war es am Samstag zu heftigen Ausschreitungen gekommen, mehrere Gebäude wurden verwüstet. Nach Augenzeugenberichten war erstmals auch die Armee im Einsatz, um die Unruhen einzudämmen. Dafür gab es bislang keine Bestätigung. Menschenrechtsorganisationen werfen der tunesischen Regierung Zensur und hartes Vorgehen gegen Journalisten vor.

Inzwischen wurden drei weitere Fälle öffentlicher Selbstverbrennungen in Tunesien bekannt. Ein 17 Jahre alter Schüler aus Ariana in der Nähe von Tunis sei an seinen Verletzungen gestorben, sagte ein Vertreter der Lehrergewerkschaft. Er habe einen Schülerprotest organisiert und sei vom Direktor in dessen Büro zitiert worden. Dort habe er sich mit einem Lösungsmittel übergossen und angezündet.

In Kasserine habe sich ebenfalls ein 17 Jahre alter Jugendlicher ohne Arbeit mit Benzin übergossen und in Flammen gesetzt. Passanten retteten ihn jedoch. In Sidi Bouzid, wo die Selbstverbrennung eines arbeitslosen Hochschulabsolventen Mitte Dezember zum Auslöser der Unruhen wurde, steckte sich ein 50-jähriger in Brand. Er erlitt nur leichte Verletzungen.

Anschlag auf tunesisches Konsulat in Paris

In Paris verübten Unbekannte am frühen Sonntagmorgen einen Anschlag auf ein Gebäude des tunesischen Konsulats in Paris. Dabei wurde lediglich ein Metalltor zerstört, Verletzte gab es nicht. Der Botschafter sprach von einem terroristischen Akt.

Unterdessen kündigte die Regierung in Algerien massive Preissenkungen für Lebensmittel an. Die um bis zu 30 Prozent gestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel wie Zucker und Speiseöl waren Auslöser der Unruhen, die sich in zahlreichen Orten des Landes ausgebreitet haben.

Bei den seit Tagen andauernden Protesten seien 826 Menschen verletzt worden, darunter 763 Polizisten, gab die Regierung bekannt. Etwa tausend Menschen seien vorläufig festgenommen worden. Die Regierung kündigte an, den gewaltsamen Protesten ein Ende zu bereiten und die inhaftierten Demonstranten, darunter zahlreiche Minderjährige, verurteilen zu lassen.

Am Sonntag kam es erneut zu Ausschreitungen im algerischen Küstenort Bouira. Demonstranten griffen unter anderem eine Polizeiwache an. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. In Tizi Ouzou im Osten des Landes verwüsteten Demonstranten mehrere Gebäude von Banken und Versicherungen.

ler/dpa/AFP

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