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18. Januar 2013, 18:24 Uhr

Geiseldrama auf BP-Gasfeld

Algerien feiert rücksichtsloses Vorgehen der Armee

"Wir verhandeln nicht mit Terroristen": Der kompromisslose Kurs der algerischen Regierung gegenüber den Geiselnehmern von Ain Amenas ist im Land populär. Während EU und USA die Befreiungsoperation kritisieren, loben Algeriens Medien den schnellen Einsatz der Armee - trotz vieler toter Geiseln.

Algier - Ein Drama, Dutzende Tote, zwei vollkommen unterschiedliche Sichtweisen: Politik und Medien in Europa und den USA werfen der algerischen Armee beim Versuch, die Geiseln aus der Hand der Entführer zu befreien, schwere Fehler vor. Der Angriff auf die Kidnapper sei überstürzt erfolgt und offenbar unzureichend vorbereitet gewesen.

Großbritanniens Premier David Cameron hüllte seine Kritik in diplomatische Floskeln, zeigte sich aber brüskiert darüber, dass er erst nach Beginn der Militäroperation von seinem Amtskollegen Abdelmalek Sellal über den Sturm auf die Gasförderstätte informiert wurde.

Ganz anders der Tenor in den regierungstreuen algerischen Medien: Die großen Zeitungen "al-Shoruq" und "al-Khabar" loben die schnelle Reaktion der Streitkräfte. Die staatliche Nachrichtenagentur APS meldete am Abend unter Berufung auf algerische Sicherheitskräfte, inzwischen seien etwa hundert der insgesamt 132 ausländischen Geiseln befreit worden. Eine unabhängige Bestätigung hierfür liegt bislang nicht vor. Außerdem hätten die Spezialeinheiten 573 Algerier befreit.

Hunderte Menschenleben habe die Armee also retten können, weil sie so beherzt gehandelt habe, "obwohl sie unter dem unmenschlichen Druck von Hollande und Cameron stand", wie "al-Shoruq" schreibt.

Überlebende loben die Armee

Ähnlich äußern sich Kommentatoren auf dem algerischen Internetportal TSA: "Die Armee muss reagieren wie Putin", schreibt ein Algerier mit Blick auf das Vorgehen der russischen Armee gegen islamistische Aufständische in Tschetschenien. Gewalt und rücksichtslose Härte seien das einzige wirksame Mittel gegen Terroristen, so der Tenor in Algeriens Medien.

Diese Haltung ist das Ergebnis des algerischen Bürgerkriegs, bei dem sich Militär und Islamisten in den neunziger Jahren einen brutalen Machtkampf lieferten, der weit mehr als hunderttausend Menschenleben forderte. Algeriens Führung sieht sich durch die Umstürze in den Nachbarstaaten Libyen und Tunesien in die Enge getrieben. Von den Revolutionen dort haben in erster Linie islamistische Gruppen profitiert. Auch aus Mali gelangen Milizionäre ins Land. Wegen dieser immer instabiler werdenden Sicherheitslage, ist der harte Kurs der Armee, die ihre Privilegien und ihren Einfluss auf die Politik mit der islamistischen Gefahr rechtfertigt, derzeit sehr populär im Land.

Das Staatsfernsehen zeigte am Freitag Bilder von algerischen Arbeitern, die aus den Händen der Geiselnehmer befreit werden konnten. Auch sie lobten das Vorgehen der Armee.

Vier britische Geiseln, die von der algerischen Armee befreit worden waren, äußerten sich ebenfalls in kurzen Interviews mit dem algerischen Staatsfernsehen anerkennend über den Einsatz der Soldaten. Sie wurden in einem fahrenden Bus interviewt, der sie offenbar in Sicherheit brachte. "Sie haben einen fantastischen Job gemacht", sagte ein Engländer, der seinen Namen nicht nannte. "Ich bin sehr beeindruckt von der algerischen Armee". Der neben ihm sitzende Mann ergänzte: "Sie haben uns beschützt und die bad guys ferngehalten. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in Gefahr bin." Ein dritter Mann mit schottischen Akzent sagte, er sei erleichtert, dass er entkommen sei. Die Armee sei "fantastisch" gewesen.

Die algerischen Arbeiter äußerten Zweifel daran, dass Landsleute für den Überfall auf das Gasfeld bei Ain Amenas verantwortlich seien. "Sie trugen Turbane und sprachen Arabisch, aber ich konnte ihren Dialekt nicht verstehen", sagte einer. Einige der Kidnapper sollen zudem europäisch ausgesehen haben. Nach Angaben der Gruppe Muwaqiun bi-l Dam ("Die mit dem Blut unterzeichnen"), die sich zu dem Überfall bekannt hat, stammten ihre Kämpfer aus Algerien, Ägypten, Mali, Mauretanien, Niger und Kanada.

syd/cvo

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