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Gewaltfreier Widerstand: Alternativer Nobelpreis 2012 für Friedensaktivisten

Foto: CAAT

Ehrung für gewaltlosen Widerstand Afghanische Ärztin erhält Alternativen Nobelpreis

Die Ärztin Sima Samar kämpft in Afghanistan für Menschenrechte und eine medizinische Versorgung der Armen - dafür wird sie nun mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Auch die anderen Preisträger beweisen, wie man sich gewaltfrei gegen übermächtige Gegner wehren kann.
Von Jan Lukas Strozyk

Hamburg - Erstmals geht in diesem Jahr ein Alternativer Nobelpreis nach Afghanistan: Ausgezeichnet wird die Ärztin Sima Samar für ihren Einsatz für Menschenrechte und medizinische Versorgung der Armen und Schwachen im Land. Weitere Preise erhalten der US-Wissenschaftler und Friedensaktivist Gene Sharp und die britische Organisation Campaign Against Arms Trade. Eine Ehrenauszeichnung verleiht die Jury dem türkischen Umweltaktivisten Hayrettin Karaca.

"Der rote Faden, der alle Preisträger in diesem Jahr verbindet, ist ihr Verhältnis zu Krieg und Frieden", sagt Ole von Uexküll SPIEGEL ONLINE. Er ist Leiter der Right Livelihood Award Foundation, die den Alternativen Nobelpreis vergibt. "Unsere diesjährigen Preisträger zeigen alle auf ihre Weise, dass es alternative Wege zum globalen Frieden gibt", so Uexküll weiter. Damit wolle die Stiftung ein Zeichen gegen die "Methoden der Gewalt" setzen, "mit denen man versucht, für Frieden und Sicherheit zu sorgen". Da in Zukunft mit noch mehr Konflikten zu rechnen sei, halte er es für wichtig, den Fokus auf die Gewaltlosigkeit zu richten, so Uexküll.

Insgesamt waren in diesem Jahr 122 Kandidaten aus über 50 Ländern für den Preis vorgeschlagen. "Jeder auf der Welt kann jeden vorschlagen", erklärt Uexküll. "Die Jury, bestehend aus Vertretern aller Kontinente und Stiftungsmitarbeitern, einigt sich dann auf die vier Preisträger." Insgesamt ist der Preis mit 150.000 Euro aus privaten Spenden dotiert. Die Preisverleihung findet am 7. Dezember im schwedischen Reichstag statt.

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Offiziell heißt der Preis Right Livelihood Award. Wegen seiner Historie wird er auch als Alternativer Nobelpreis bezeichnet: Als das Nobelpreis-Komitee 1968 erstmals den Wirtschaftsnobelpreis vergab, regte sich Widerstand. Auch der Wissenschaftler Jakob von Uexküll war der Ansicht, dass der neue Preis nicht dem Willen Nobels entsprach - kurzerhand gründete er eine eigene Stiftung, die fortan Menschen auszeichnete, die sich für Umwelt, Frieden und gegen Armut einsetzen. "Wir sehen uns heute mehr als Ergänzung denn als Konkurrenz zu den offiziellen Nobelpreisen", erklärt Ole von Uexküll. "Wir vertreten dabei einen etwas anderen Friedensbegriff, als die Jury des offiziellen Preises."

Lesen Sie hier ausführliche Informationen zu den Preisträgern.

Sima Samar - Ärztin der Armen

Mit Sima Samar wird erstmals eine Afghanin mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet. Die studierte Medizinerin hat die Organisation Shuhada gegründet, die mittlerweile über hundert Schulen und 15 Krankenhäuser betreibt. Samar setzt sich in Pakistan und Afghanistan für Aufklärungs- und Verhütungskampagnen ein und unterstützt Gesundheitshelfer in ländlichen Gemeinden. Seit der Gründung im Jahr 1989 hat Samar mit ihrer Organisation 3,3 Millionen kranke Afghanen unterstützt und fast einer halben Million Menschen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnet.

In den Jahren 2001 und 2002 arbeitete Samar in der afghanischen Übergangsregierung als stellvertretende Vorsitzende mit und gründete als eine von zwei Ministerinnen das erste afghanische Ministerium für Frauenangelegenheiten. Seit 2002 ist sie erste Vorsitzende der Unabhängigen Afghanischen Kommission für Menschenrechte und zwischen 2005 und 2009 arbeitete sie als Sonderberichterstatterin der Uno aus dem Sudan.

Mit ihrem konsequenten Einsatz vor allem für die afghanischen Frauen hat sich Samar viele Feinde im Land gemacht. Heute wird sie von Leibwächtern begleitet. Aufhören will sie dennoch nicht: "Ich glaube, dass Versöhnung nicht gegen Gerechtigkeit eingetauscht werden sollte und dass Opfer von Menschenrechtsverletzungen nicht wegen eines kurzfristigen politischen Gewinns erneut zu Opfern gemacht werden sollten", sagt Samar selbst über ihre Motivation. Und weiter: "Das Wichtigste ist, die Menschen auszubilden. Dies könnte der Schlüssel für eine erfolgreiche Gesellschaft mit weniger Armut und mehr Achtung der Menschenwürde sein."

Die Jury lobt insbesondere "ihren Mut und ihre Entschlossenheit im Kampf für Menschenrechte und die Rechte von Frauen in einer der instabilsten Regionen der Welt".

Gene Sharp - Widerstand ohne Gewalt

Gene Sharp hat mit seinen Schriften zum gewaltfreien Widerstand Aktivisten in der ganzen Welt inspiriert. Fast 30 Jahre lang hat der Sozialwissenschaftler am Zentrum für Internationale Beziehungen der Universität Harvard gearbeitet. 1983 gründete er das Albert-Einstein-Institut, um die Erforschung des gewaltfreien Protests voranzutreiben.

Sein Buch "Von der Diktatur zur Demokratie" ist mittlerweile in 34 Sprachen erhältlich. Seit Sharp seine Texte kostenlos im Internet zur Verfügung gestellt hat, werden seine Ideen von Gruppen wie der ägyptischen Jugendbewegung des 6. April, der serbischen Otpor, der georgischen Kmara, der kirgisischen Kel-kel und der weißrussischen Zubr in ihren Bestrebungen studiert, ohne den Einsatz von Gewalt einen Wandel in ihren Gesellschaften zu erwirken. Auch in Iran wurde das Werk tausendfach heruntergeladen, den Höhepunkt erreichte der Zugriff während der "Grünen Aufstände" nach der Wahl 2009.

Im vergangenen Jahr wurde der Dokumentarfilm "How to Start a Revolution" veröffentlicht, der sich mit Gene Sharps Einfluss auf Widerstandsbewegungen in der ganzen Welt beschäftigt. Der Film erreichte ein Millionenpublikum und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Die Jury des Alternativen Nobelpreises betonte besonders Sharps Engagement "für die Entwicklung und Verbreitung der Prinzipien des gewaltlosen Widerstands und deren praktische Umsetzung in Konfliktsituationen weltweit".

Campaign Against Arms Trade - Innovativ gegen den Waffenhandel

Seit 1974 setzt sich die Nichtregierungsorganisation Campaign Against Arms Trade für einen Stopp der britischen Waffenexporte ein. Mit kreativem Protest hat die Gruppe das Thema immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, etwa mit Protestaktionen vor Waffenmessen und in der Londoner Innenstadt.

Die Gruppe hat unter anderem durchgesetzt, dass jeder Brite im Internet nachlesen kann, wem die Regierung eine Waffenlizenz ausgestellt hat. Mit der Aktion "Saubere Geldanlage" hat Campaign Against Arms Trade mehrere Einrichtungen wie Universitäten oder Behörden dazu gebracht, nicht mehr in Firmen zu investieren, die mit Waffen handeln.

"Würden Mittel aus dem Verteidigungshaushalt zur Bewältigung von Herausforderungen wie dem Klimawandel umgelenkt, würde eine große Anzahl an Arbeitsplätzen in dem schnell expandierenden Sektor der erneuerbaren Energien generiert", heißt es in den Zielen der Organisation. Gegenwärtig würden jedoch die Interessen von privaten, internationalen Waffenfirmen über das öffentliche Interesse gestellt.

Die Jury zeichnet Campaign Against Arms Trade für ihren "innovativen und effektiven Widerstand gegen den globalen Waffenhandel" aus.

Hayrettin Karaca - Ehrenpreis für ein Leben als Naturschützer

Hayrettin Karaca ist der "Großvater der türkischen Umweltbewegung". Er ist Mitgründer der Umweltorganisation Türkische Gesellschaft zur Bekämpfung von Bodenerosion, zur Wiederaufforstung und dem Schutz von Habitaten (TEMA) - und seit den siebziger Jahren Kämpfer für den Schutz der Natur in seinem Heimatland.

Auf seinen Grundstücken nahe der türkischen Schwarzmeerküste wachsen heute mehr als 17.000 Pflanzenarten, von denen viele zu Spezies zählen, die vom Aussterben bedroht sind. Seit der Gründung 1992 hat sich TEMA in 150 Projekten für nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raums eingesetzt. Mit Bildungsprogrammen versucht Karaca, ein öffentliches Bewusstsein für Umweltthemen zu schaffen. Rund 2,5 Millionen Menschen haben bereits an Programmen seiner Organisation teilgenommen.

Karaca ist aufgrund seiner Aktivitäten in der Türkei sehr beliebt: Er hat zwei nationale Fernsehsendungen, in denen er über zivilgesellschaftliches Engagement und Umweltschutz diskutiert. Der türkische Schriftsteller Yasar Kemal schrieb über ihn: "Hayrettin Karaca hat als ein Pionier der Zivilgesellschaft lang und hart dafür gekämpft, dass sich die Türkei nicht in Wüste und Stein verwandelt. Er hilft dabei, die Erde wiederzubeleben, die im Todeskampf liegt."

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