Ex-CIA-Agentin Fox "Ich saß oft mit Personen zusammen, die als Monster galten"

Amaryllis Fox infiltrierte zehn Jahre lang als CIA-Agentin Banden und Terrorgruppen. Heute engagiert sie sich als Friedensaktivistin und sagt: Auch mit Waffenhändlern kann man Gemeinsamkeiten finden.
Amaryllis Fox: "Für die CIA entschied ich mich, weil ich unseren Feind vernichten wollte"

Amaryllis Fox: "Für die CIA entschied ich mich, weil ich unseren Feind vernichten wollte"

Foto: H. Hartmann/ Future Image/ imago images

Mit Gewalttätern reden - geht das? Amaryllis Fox arbeitete fast zehn Jahre lang als CIA-Agentin. Ihre Aufgabe war es, Terroranschläge zu verhindern. In China lebte die US-Amerikanerin dazu mit ihrer Familie unter falschem Namen und mit falschem Beruf, als Kunsthändlerin. Tatsächlich traf sie sich regelmäßig mit Mitgliedern von Terrorgruppen.

In ihrem Buch "Life Undercover" schreibt Fox darüber, wie sie zu ihnen Beziehungen aufbaute. "Manchmal sogar so etwas wie Freundschaften", sagt Fox. Kurz nach Geburt ihrer ersten Tochter gab sie ihren Beruf auf. Heute arbeitet sie als Friedensaktivistin.

SPIEGEL: Sie haben als CIA-Agentin mit Terroristen und Waffenhändlern verhandelt. Wie hat der Job Sie verändert?

Fox: Ich bin mir heute der Bedrohung von außen bewusster als vor meiner Zeit als Agentin. Trotzdem fühle ich mich insgesamt sicherer. Ich saß so oft mit Personen zusammen, die als Monster galten. Ich habe gelernt, auch sie als Menschen zu sehen.

SPIEGEL: Was hat Sie zur CIA gebracht?

Fox: Mit acht Jahren verlor ich eine enge Freundin beim Lockerbie-Attentat. Während der Anschläge vom 11. September war ich auf dem College in Washington. Kurz danach wurde der Journalist Daniel Pearl in Karatschi entführt und umgebracht - er war für mich ein großes Vorbild. Für die CIA entschied ich mich, weil ich unseren Feind vernichten wollte.

SPIEGEL: Heute denken Sie anders?

Fox: Vernunft kann uns helfen, wenn wir uns mit einer Sache überfordert fühlen oder Angst vor ihr haben. Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich zum Beispiel Angst vor einem Spielzeug meines Bruders: einer künstlichen Vampirfledermaus. Ich hatte Alpträume davon. Schließlich hat mein Vater sie mit einem Taschenmesser aufgeschnitten und mir gezeigt, dass drinnen nur Getriebe und Plastikteile waren. Danach hatte ich nie wieder Albträume.

Anzeige
Fox, Amaryllis

Life Undercover: Als Agentin bei der CIA

Verlag: hanserblau
Seitenzahl: 368
Für 20,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

SPIEGEL: Wie sah Ihr Alltag bei der CIA aus?

Fox: Deutlich anders als das, was wir in Filmen oft sehen, mit all den Verfolgungsjagden oder dramatischen Explosionen. Stattdessen geht es bei der Arbeit von CIA-Agenten vor allem darum, mit Gewalttätern eine menschliche Verbindung herzustellen.

SPIEGEL: Wie soll das funktionieren?

Fox: Ich hatte Gespräche mit einem Händler, der Massenvernichtungswaffen verkaufte. Waffen also, die auch Zivilisten und Kinder töten. Ich konnte mir erst überhaupt nicht vorstellen, dass so jemand auch nur einen Funken Menschlichkeit besitzt. Aber auch wenn deren Welt für uns komplett fremd scheint und das, was sie tun, oft furchtbar ist: Es gibt normalerweise immer noch Gemeinsamkeiten, über die sich Vertrauen aufbauen lässt.

SPIEGEL: Was nichts an den Verbrechen ändert, die jemand begeht.

Fox: Das stimmt, aber für mich war das eine große Erkenntnis zu sehen: Gewalt wird durch Gefühle hervorgerufen. Durch Erniedrigung, Scham, Verletzungen. Ich habe versucht, viel mit den Menschen zu sprechen, um sie kennenzulernen, um ihre Wünsche und Ängste besser zu verstehen.

SPIEGEL: Sie lebten in Shanghai unter ständiger Überwachung des chinesischen Geheimdiensts. Hinzu kamen riskante Verhandlungen, ständige Lebensgefahr. Wann hatten Sie genug?

Fox: Die eigentliche Wende kam für mich, als ich meine Tochter zur Welt brachte. Damals wurde mir bewusst, wie viel auf dem Spiel stand.

SPIEGEL: 2010 kündigten Sie bei der CIA. Jetzt, neun Jahre später, haben Sie ein Buch über Ihre Arbeit geschrieben. Warum?

Fox: Das ist ein sehr persönliches Buch. Mir ist immer bewusster geworden, dass wir mit Menschen, die uns töten wollen, versuchen müssen zu reden. So absurd es klingt: Anders lassen sich Kriege nicht beenden. Das sind persönliche Erfahrungen, die ich weitergeben will.

SPIEGEL: Sie leben mit Ihrer Familie in Los Angeles, arbeiten als Autorin und Friedensaktivistin. Was haben Sie aus der Zeit als CIA-Agentin mitgenommen?

Fox: Dass wir unsere Feinde nicht vernichten können. Je mehr wir das versuchen, desto mehr riskieren wir neue Feindschaft. Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie sehr Gespräche und Zuhören helfen können in Konflikten. Natürlich: Es gibt nach wie vor zahlreiche Bedrohungen von außen, Terrorgruppen, Kriege. Aus meiner Sicht liegt die größte Bedrohung aber heute in unserer Gesellschaft selbst.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Fox: Ich erlebe, dass immer weniger Menschen fähig sind, miteinander zu reden. Umso leichter ist es online, Desinformationen zu verbreiten, Ängste zu schüren und so zu spalten. Solche Mechanismen sind von außen kaum zu stoppen. Das kann nicht einmal die CIA bekämpfen. Das liegt an jedem Einzelnen.