Illegale Waldrodung im Amazonas Die Brandstifter verabreden sich per WhatsApp

Adécio Piran machte öffentlich, wie brasilianische Rancher die Rodung des Regenwalds vorantreiben, um Weideland zu gewinnen. Seither wird der Journalist beschimpft und massiv bedroht.
Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Abgebrannter Regenwald am Amazonas

Abgebrannter Regenwald am Amazonas

Foto: Ricardo Moraes/ REUTERS

Wenn Adécio Piran die Redaktion seiner Zeitung "Folha do Progresso" betritt, folgen ihm zwei Polizisten. Sie weichen auch nicht von seiner Seite, wenn er zum Mittagessen geht oder Einkaufen fährt. "Ich habe Angst, dass man mir etwas antut", sagt der 56-jährige Journalist.

Seine Furcht ist begründet: In den vergangenen Wochen erhielt er mehrere Morddrohungen; vor allem wurde er über WhatsApp und Facebook beschimpft. Unter den Rinderfarmern und Holzhändlern seiner Heimatstadt Novo Progresso im Süden des brasilianischen Amazonasbundesstaats Pará gilt er als Feind und Verräter.

"Sie wollen mich mit einem Anzeigenboykott zum Schweigen bringen", sagt er. Das wäre ein schwerer Schlag für die kleine Zeitung, die alle zwei Wochen online erscheint und auf Annoncen angewiesen ist.

Dabei hat Piran nur seinen Job gemacht: Am 5. August hatte er in seiner Zeitung geschrieben, dass Dutzende Rancher der Region für den 10. August einen "Tag des Feuers" planten: Sie wollten gleichzeitig riesige Flächen zuvor abgeholzten Urwalds in Brand stecken. Piran: "Sie hatten die Aktion in einer WhatsApp-Gruppe abgesprochen."

Brand im Amazonas

Brand im Amazonas

Foto: Fernando Bizerra Jr/ EPA-EFE/ REX

Ein Informant steckte dem Journalisten die News. "Wir müssen dem Präsidenten (Jair Bolsonaro, d. Red.) zeigen, dass wir arbeiten wollen, und das geht nur, wenn wir abholzen. Mit dem Feuer gewinnen und roden wir Weideland", zitierte Piran aus dem anonymen Chat.

Die Enthüllung machte weltweit Schlagzeilen. Sie bestätigte die schlimmsten Befürchtungen der Umweltschützer, die den rechtsradikalen Umweltrabauken Bolsonaro und seine Anhänger seit Langem anprangern, und erhöhte den Druck auf die brasilianische Regierung, endlich etwas gegen die Zerstörung des Regenwalds zu unternehmen. "Ich stand plötzlich im Mittelpunkt eines internationalen Konflikts", sagt Piran.

Bolsonaro verspricht Nachsicht

Die Brandstifter bauten offenbar darauf, dass sie straflos bleiben würden: Bolsonaro hatte immer wieder zu verstehen gegeben, dass Umweltvergehen nicht mehr geahndet würden und der Staat bei der Eintreibung einmal verhängter Strafen Nachsicht walten lassen würde.

Bereits im Wahlkampf hatte Bolsonaro Umweltstrafen als "Geschäftemacherei" kritisiert. Und so verhängte die Umweltbehörde Ibama seit seinem Amtsantritt am 1. Januar 2019 ein Drittel weniger Strafen als im selben Zeitraum des Vorjahrs - während die Brandrodungen gleichzeitig explodierten. "Die Leute hier glauben, dass das Wort des Präsidenten Gesetz ist", sagt Piran.

Und das ist ein Problem, denn der Amazonas ist die Lunge der Erde. Mehr als die Hälfte allen tropischen Regenwalds weltweit befindet sich am Amazonas, und wenn die Zerstörung so weitergeht, dann stirbt der Wald im Amazonasgebiet - mit katastrophalen Folgen für den Rest der Welt. Dafür muss nicht mal der gesamte Amazonas entwaldet werden, es reicht schon, dass ein Fünftel verschwindet, damit das Ökosystem zusammenbricht.

Dabei sind die Wälder, neben den Weltmeeren, die wichtigsten Schutzmechanismen gegen die Klimakrise. Ohne sie wird sie nicht abzuwenden sein, denn sie speichern rund 1,4 Milliarden Tonnen CO2 jährlich.

Doch trotz der Berichterstattung von Journalist Piran kam es am 10. August, dem "Tag des Feuers", in der Region zu gewaltigen Bränden. Das belegen Satellitenaufnahmen der staatlichen Raumfahrtbehörde INPE, die die Abholzung im Amazonasgebiet überwacht. Allein die Gemeinde Novo Progresso verzeichnete am 10. August 124 Feuer - ein Anstieg um 300 Prozent im Vergleich zum Vortag.

Feuer und Rauch in Porto Velho, Brasilien, im August 2019

Feuer und Rauch in Porto Velho, Brasilien, im August 2019

Foto: Ueslei Marcelino / REUTERS

Die meisten Feuer wüteten in dem Staatsforst "Jamanxim", einem 1,3 Millionen Hektar großen Naturschutzgebiet, das im Jahr 2006 begründet wurde und seit Jahren im Visier von Landspekulanten ist. Zwischen dem 9. und 11. August verzeichnete das INPE dort 136 Brandstellen.

In der benachbarten Gemeinde São Félix do Xingu nahm die Anzahl der Brände sogar um 329 Prozent zu. In dem Naturschutzgebiet Triunfo do Xingu fielen innerhalb weniger Tage etwa 3000 Hektar Wald den Flammen zum Opfer. Der Wald werde "abgebrannt, um Weideland zu gewinnen", bestätigte der Gouverneur des Bundesstaats Pará, Helder Barbalho.

Mit Motorsäge und Smartphone

Die wichtigste Waffe der Umweltgangster ist - neben Motorsägen und einem Kanister Benzin - das Smartphone: Zwar ist der Empfang in vielen Amazonasgemeinden prekär, doch WLAN gibt es in fast jedem Dorf. WhatsApp ist im Amazonasgebiet die wichtigste Kommunikationsform. In geschlossenen Chatgruppen sprechen Farmer und Holzfäller den geplanten Raubbau ab.

In Novo Progresso ermittelt die Polizei gegen eine WhatsApp-Gruppe namens "Sertão", der rund 70 Rancher, Sägewerkbesitzer und Geschäftsleute angehören. Sie wird von dem Geschäftsmann Ricardo de Nadai geleitet. Er bestreitet, dass er für die Brandrodungen verantwortlich ist.

Die Drohungen gegen den Journalisten gingen nach Erkenntnissen der Polizei von einer WhatsApp-Gruppe namens "Direita Unida Renovada" aus ("Vereinte erneuerte Rechte"). Die Gruppe wird von einem gewissen Donizete Severino Duarte verwaltet.

Die Rancher der Region bestreiten dagegen, dass es überhaupt einen "Tag des Feuers" gegeben habe. Die Berichte seien eine Erfindung des Inhabers eines "Schmierenblatts, der die Stadt nicht mag und gegen die Regierung ist", sagte der Vorsitzende des Bauernverbands von Novo Progresso, Agamenon Meneses, der BBC.

Eine Farmerin verstieg sich gegenüber brasilianischen Journalisten zu der Behauptung, Angehörige der für die Nationalparks zuständigen Umweltschutzbehörde ICMBio hätten die Feuer gelegt - eine hanebüchene These, die auch Präsident Bolsonaro schon in ähnlicher Form verkündet hat. In Städten wie Novo Progresso fallen diese Konspirationstheorien, die vor allem via WhatsApp, Twitter und Facebook verbreitet werden, auf fruchtbaren Boden.

Brandrodungen im Schutzgebiet der Indigenen

Auch in anderen Regionen des Amazonasgebiets nutzen Umweltverbrecher WhatsApp, um ihre Aktionen zu planen. Im Bundesstaat Rondônia sollen Farmer aus dem Städtchen União Bandeirantes, einer Hochburg von Bolsonaro-Anhängern, illegale Brandrodungen im Indigenen-Schutzgebiet der Karipuna via WhatsApp abgesprochen haben: Nach dem 20. August werde "alles verbrannt", hätten sie per Audio-Nachricht in einer geschlossenen Gruppe verbreitet, berichtet Laura Vicuña vom kirchlichen Indigenenhilfswerk CIMI in Porto Velho.

Direkten Zugang zu der WhatsApp-Gruppe hatten die Indigenenhelfer nicht, so der CIMI-Mitarbeiter Volmir Bavaresco. "Ein Informant, der mit einem der Rancher verwandt ist, hat uns die Information gesteckt."

Foto:

Ricardo Moraes/ REUTERS

Das CIMI und die Indigenen sind die Gegenspieler der Brandroder und ebenfalls in der Region bestens vernetzt. Wie ihre Feinde halten auch sie vor allem via WhatsApp Kontakt. Aus Furcht vor den Umweltgangstern verzichten die meisten allerdings darauf, Fotos von sich ins Netz zu stellen.

Doch die Ursachen für das Problem liegen nicht nur in der Region. Deutsche Konsumenten bestellen Rindfleisch und Soja, wofür in Brasilien wieder riesige Gebiete des Regenwalds weichen müssen.

Journalist Piran will sich wegen der Drohungen gegen ihn nun vorübergehend weniger in der Öffentlichkeit zeigen. "Ich warte, bis sich die Situation beruhigt", sagt er.

Hoffnung, dass die Urheber der Attacken gefunden und verurteilt werden, hegt er nicht. "Unsere Justiz ist langsam und ineffizient", sagt er. Als vor drei Jahren Unbekannte ein Auto der Umweltbehörde Ibama in Novo Progresso in Brand steckten, habe die Polizei ebenfalls ermittelt, so Piran: "Aber es wurde nie jemand angeklagt."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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