Amerikaner über Camp X-Ray "Die Schweine sollen kriegen, was sie verdienen"

Menschenrechtsorganisationen laufen Sturm, Regierungen sind bestürzt: Die Kritik an der Unterbringung der internierten Taliban im Camp X-Ray auf Kuba nimmt zu. Die meisten Amerikaner hingegen finden die Behandlung angemessen und verstehen die ganze Aufregung nicht.


Warme Duschen und Betmatten: Viele Amerikaner verfolgen die Internierung der Taliban- und al-Qaida-Kämpfer mit Gleichgültigkeit
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Warme Duschen und Betmatten: Viele Amerikaner verfolgen die Internierung der Taliban- und al-Qaida-Kämpfer mit Gleichgültigkeit

Washington - Für Donald Rumsfeld ist der Fall klar: Den Taliban- und al-Qaida-Kämpfern in Guantanamo auf Kuba geht es gut. Entschieden wies der US-Verteidigungsminister Vorwürfe zurück, die amerikanischen Streitkräfte behandelten die Häftlinge nicht gemäß internationaler Gesetze.

Sie hätten warme Duschen, saubere Bettwäsche und Gebetsmatten, erklärte Rumsfeld und unterstrich: "Es kann gar kein Zweifel bestehen, dass die Behandlung der Gefangenen in Guantanamo Bay richtig, human, angemessen und voll vereinbar mit internationalen Konventionen ist."

Damit steht Rumsfeld international ziemlich allein auf weiter Flur: Die Front derjenigen, die die Unterbringung der Häftlinge in kleinen Maschendrahtverschlägen attackiert, wächst. Unter den Kritikern ist auch die Bundesregierung, die sich - wenn auch nach einigem Zögern, mahnend zu Wort meldete.

So forderte Bundesaußenminister Joschka Fischer die USA auf, die Kriegsgefangenen als Kriegsgefangene anzuerkennen und kündigte dazu Gespräche mit den USA an.

EU: Keine Todesurteile

Auch die EU macht aus ihrer Ablehnung des US-Vorgehens inzwischen keinen Hehl mehr: Der außenpolitische EU-Beauftragte Javier Solana forderte die USA unisono mit dem Internationalen Roten Kreuz auf, die Häftlinge nach den Vorgaben der Genfer Konvention über Kriegsgefangene zu behandeln. Der EU-Kommissar für Außenbeziehungen, Chris Patten, mahnte, der Westen könne seine moralische Glaubwürdigkeit im Kampf gegen den Terrorismus verlieren, wenn Gefangene misshandelt oder der Todesstrafe ausgeliefert würden.

Und auch in Amerika schlagen Bürgerrechtler Alarm. Ein Bezirksrichter in Los Angeles setzte auf ihr Gesuch hin eine Anhörung zu den Gefangenen an. In der Petition verlangen die Bürgerrechtler, dass die Regierung den Status der Gefangenen klärt.

Die Bürgerrechtsfront "Diese Individuen wurden aus ihrem Land in Fesseln weggebracht, betäubt, geknebelt und mit verbundenen Augen, und sie werden auf Kuba unter freiem Himmel in Käfigen festgehalten", sagte der Rechtsprofessor Erwin Chemerinsky, einer der Unterstützer der Petition. Jemand müsse ihre Rechte nach den internationalen Gesetzen vertreten. Nach den Terroranschlägen vom September hatten Menschenrechtler bereits die "Kritiklosigkeit" angeprangert, mit der die breite Masse die Flut von Anti-Terror-Maßnahmen kommentarlos hingenommen hatte.

Gruppen wie die American Civil Liberties Union und Amnesty International befürchten, dass der "Terror-Schock" auf längere Sicht das Rechtsempfinden der US-Bürger beeinträchtigen könne.

Die in New York ansässige Human Rights Watch ist zudem davon überzeugt, dass diejenigen, die sich in der US-Bevölkerung einen kritischen Geist bewahrt haben, schweigen - aus Furcht, selbst in die Nähe der Terroristen gerückt zu werden. "Wie hat es doch Justizminister Ashcroft so schön formuliert: Wer uns kritisiert, der unterstützt die Terroristen", so ein Sprecher der Organisation.

Die US-Regierung bleibt trotz dieser Angriffe gelassen. Denn die Position der Bürgerrechtler ist Amerika allenfalls eine Minderheitenmeinung.

"Die Regierung wird schon wissen, was sie tut"

Der weitaus größte Teil der Bevölkerung steht rückhaltlos hinter dem Kurs der Bush-Regierung. Viele Amerikaner betrachten die hitzige Auseinandersetzung über die Behandlung der Gefangenen entweder mit Ungläubigkeit oder mit Gleichgültigkeit.

"Gehen Sie auf die Straße und fragen Sie hundert US-Bürger, ob sie sich um darum sorgen, was mit den Gefangenen in Guantanamo Bay geschieht", sagt Alister Hodgett von Amnesty USA. Man werde unter ihnen nicht mal zehn finden, die in irgendeiner Weise Betroffenheit oder auch nur Zweifel zeigten.

Äußerungen von Kunden in einem Supermarkt in Washington belegen diese Annahme. "Die Schweine sollen kriegen, was sie verdienen", sagt eine Mitfünfzigerin. Ihr Mann äußert sich zwar weniger drastisch, stimmt aber im Prinzip zu. "Sie (Taliban und al-Qaida) haben sich nicht darum geschert, was sie den Amerikanern antun. Ich habe Besseres zu tun, als mich darum zu sorgen, ob sie in ihren Käfigen nass werden." Ein dritter Supermarktbesucher pflichtet dem Ehepaar bei: "Ich verstehe nicht, warum man sich um die Rechte dieser Verbrecher sorgt. Die Regierung wird schon wissen, was sie tut."

Zahnlose Medien

Diese Haltung spiegelt sich auch in den US-Medien wider - vor allem dadurch, was gar nicht erst gedruckt oder gesendet wird.

Berichte über die Kontroverse um den rechtmäßigen Status der Häftlinge - in den amerikanischen Blättern und Sendern oft Fehlanzeige. Und auch die von Menschenrechtsorganisationen geäußerte Besorgnisse, dass mit der totalen Sinnausblendung die Gefangenen vor den Verhören "gebrochen" werden sollen, findet die amerikanische Medienlandschaft nicht besonders erwähnenswert.

Dieser Mangel an Kritik und Distanz findet sich auch auf der politischen Ebene - sowohl bei Republikanern, als auch bei Demokraten. Politanalytiker führen dies auch darauf zurück, dass in diesem Jahr Teil-Kongresswahlen stattfinden. "Da hütet sich jeder, etwas zu sagen, was als Verständnis für die Terroristen ausgelegt werden könnte", sagt auch Hodgett.

Was die Kritik aus dem Ausland betrifft, so sehen Experten darin auch eine Art Retourkutsche. Die USA litten nicht gerade an Bescheidenheit. Sie würden nicht müde, sich als die beste Demokratie und besten Rechtsstaat zu rühmen. Da müssten sie sich nicht wundern, sind die Beobachter überzeugt, wenn sie an ihren eigenen Worten gemessen würden.

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