US-geführte Koalition in Rakka Zehnmal so viele Tote wie bislang bekannt

Eine US-geführte Militärkoalition hatte die syrische Stadt Rakka 2017 vom IS befreit. Offiziell starben dabei 159 Zivilisten. Einer Untersuchung zufolge ist die Zahl der zivilen Todesopfer jedoch sehr viel höher.

Zerstörtes Gebäude in Rakka: Die Stadt galt lange als Kommandozentrale des IS
AHMED MARDNLI/EPA-EFE/REX

Zerstörtes Gebäude in Rakka: Die Stadt galt lange als Kommandozentrale des IS


Fast vier Jahre herrschte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Rakka - und nutzte die syrische Stadt als Kommandozentrale. 2017 konnte der IS von einer von den USA geführten Militärkoalition verdrängt werden. Einer neuen Untersuchung zufolge forderte die Offensive mehr zivile Opfer als bisher bekannt.

Amnesty International und die Londoner Non-Profit-Organisation Airwars haben den Militäreinsatz untersucht und liefern nun Belege dafür, dass bei der Offensive mehr als 1600 Zivilisten getötet worden seien. Die Militärkoalition hatte bislang die Verantwortung für 159 getötete Zivilisten übernommen. Das entspricht zehn Prozent der nun ermittelten Gesamtopferzahl.

Von Juni bis Oktober 2017 flogen die USA, Großbritannien und Frankreich Tausende Luftangriffe auf Rakka, um den IS zurückzudrängen. US-Bodentruppen unterstützten die Luftschläge durch Zehntausende Artillerieangriffe.

Mehr als zwei Jahre lang haben Amnesty International und Airways Daten gesammelt und so die Offensive rekonstruiert. Sie analysierten frei verfügbares Material, unter anderem Social-Media-Posts und erstellten eine Datenbank mit mehr als 1600 Zivilisten, die Berichten zufolge getötet wurden. Sie ermittelten nach eigenen Angaben überdies 1000 Namen von Todesopfern. 641 Todesfälle konnte Amnesty International demnach vor Ort verifizieren. Für die restlichen Namen existieren laut den Organisationen jeweils mehrere zuverlässige Quellen.

Viele Todesopfer als "unglaubhaft" abgetan

Laut Amnesty International seien sowohl die US-geführte Militärkoalition als auch die Regierungen der USA, Großbritanniens und Frankreichs in den vergangenen Monaten über die Ergebnisse informiert worden. Die Differenz zwischen den offiziellen Todeszahlen und denen der Untersuchung seien bisher als "unglaubhaft" abgetan worden.

"Während der US-geführten Offensive, die Rakka vom IS befreien sollte, wurden Tausende Zivilisten getötet oder verletzt. Die Scharfschützen und Minen des IS hatten die Stadt in eine Todesfalle verwandelt", sagt Donatella Rovera von Amnesty International. "Viele Bombenangriffe waren ungenau, Zehntausende Artillerieattacken erfolgten willkürlich. Es ist also kein Wunder, dass so viele Zivilisten getötet und verletzt wurden."

Die Organisation kritisiert, dass die Länder der Militärkoalition bisher nichts unternommen hätten, um den Berichten über zivile Opfer angemessen nachzugehen oder Augenzeugen sowie Überlebende zu interviewen. Zudem geht Amnesty International davon aus, dass viele der dokumentierten Fälle sehr wahrscheinlich Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht darstellen. Die Organisation fordert Entschädigungen für Opfer und Familienangehörige.

Im Video: Die Befreiung Rakkas (SPIEGEL TV vom 22.10.2017)

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