Flüchtlingsreport Amnesty prangert Polizeiwillkür auf dem Balkan an

Tausende Menschen sind auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer gestorben. Doch auch die Reise auf dem Landweg ist eine Tortur, wie ein Amnesty-Bericht zeigt: Auf dem Westbalkan drohen Gewalt, Willkür - und Vertreibung.
Einwanderer in einem Zug im mazedonischen Veles: Gewalt gegen Flüchtlinge

Einwanderer in einem Zug im mazedonischen Veles: Gewalt gegen Flüchtlinge

Foto: ROBERT ATANASOVSKI/ AFP

Die Eltern hatten sich mit ihren vier Kindern von Afghanistan bis nach Griechenland durchgeschlagen - und landeten schließlich auf einer Polizeiwache in der griechischen Hafenstadt Mytilini. "Die Familien waren drinnen, wir Männer draußen", berichtete der Vater später: "Sie schlugen meinen 13-jährigen Sohn. Und sie schlugen auch mich, als ich gerade nichts weiter getan habe als mir das Gesicht zu waschen."

Die Leidensgeschichte dieser Familie, aufgezeichnet von Amnesty International, ist kein Einzelfall. Tausende Asylbewerber wollen der Menschenrechtsorganisation zufolge über Griechenland und den Balkan nach Mitteleuropa - doch stattdessen werden viele Opfer staatlicher Willkür: "Flüchtlinge, die vor Krieg und Verfolgung in die EU fliehen wollen, sitzen in Mazedonien und Serbien in der Falle: Sie werden häufig misshandelt", sagt Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çaliskan, und: "Sie haben keine Chance auf ein faires Asylverfahren, das ihnen nach internationalem Recht zusteht."

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Flucht nach Europa: Beschwerliche Reise über den Balkan

Foto: Dalton Bennett/ AP/dpa

Die Menschenrechtsorganisation hat in Serbien, Ungarn, Mazedonien und Griechenland nachgeforscht und zwischen Juli 2014 und März 2015 für vier Forschungsprojekte mehr als hundert Migranten befragt. Die Ergebnisse der Studie  im Überblick:

  • Wie viele Flüchtlinge kommen über den Balkan?

Der Landweg durch Südosteuropa hat die Passage über das Mittelmeer als zahlenmäßig bedeutendste Flüchtlingsroute abgelöst. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex geht für das Jahr 2014 von mehr als 43.000 Immigranten aus , die über die Westbalkan-Route illegal eingewandert sind. Amnesty zufolge überquerten allein seit Januar dieses Jahres mehr als 60.000 Flüchtlinge die EU-Außengrenze zwischen Serbien und Ungarn - im ganzen Jahr 2010 waren es lediglich 2370.

  • Welche Routen wählen die Einwanderer?

Die Amnesty-Recherchen haben ergeben, dass viele Flüchtlinge sich für die Reise durch Mazedonien entscheiden: Vom griechischen Thessaloniki kommend umgehen sie Albanien, Montenegro, den Kosovo und Bosnien-Herzegowina - und reisen stattdessen durch die östlichen Teile Serbiens bis zur ungarischen EU-Außengrenze. Einige alternative Routen führen auch durch Bulgarien oder Montenegro ins jüngste EU-Land Kroatien.

  • Woher kommen die Flüchtlinge?

Die meisten dieser Einwanderer haben bereits eine lebensgefährliche Reise hinter sich gebracht: Allein im vergangenen Jahr kamen mehr als 50.000 Flüchtlinge über das östliche Mittelmeer nach Südosteuropa - die meisten nach Griechenland (43.500). Von ihnen waren laut Frontex mehr als 31.000 Syrer und mehr als 12.000 Afghanen. Die Einwanderung nach Griechenland hatte sich auf den Seeweg verlagert, nachdem Athen entlang des Grenzflusses zur Türkei einen Zaun gebaut hatte - das plant an der Grenze zu Serbien mittlerweile auch Ungarn.

  • Was geschieht mit den Asylbewerbern auf dem Balkan?

Zwar endet die Flucht über den Westbalkan seltener tödlich für Immigranten, dafür drohen jedoch andere Gefahren: Vor allem an den mazedonischen Grenzen zu Griechenland und Serbien werden Flüchtlinge misshandelt, viele Grenzbeamte fordern auch Bestechungsgeld. Asyl erhielten im ganzen Jahr 2014 hingegen lediglich zehn Antragsteller in Mazedonien, in Serbien war es nur ein einziger. Seit Januar 2014 kamen fast 150 Flüchtlinge auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer zu Tode.

  • Wer hat Schuld an diesen Missständen?

Ein Grund für die schlechte Behandlung der Asylbewerber ist die politische Lage in der Region: Eine Staatskrise in Mazedonien droht sich zum Bürgerkrieg zu entwickeln, zum Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo kommt eine Flüchtlingskrise hinzu - und selbst die EU-Anrainer Ungarn und Griechenland machen statt mit verlässlicher Asylpolitik eher mit populistischem Zynismus oder wirrem Rassismus Schlagzeilen.

Schuld an den katastrophalen Zuständen ist Amnesty zufolge auch die Europäische Union: Die umstrittene EU-Asylpolitik lasse Asylbewerber "auf schändliche Weise im Stich", schreibt die Organisation - und Amnesty-Vizedirektor Gauri van Gulik fügt hinzu: "Auf dem Balkan sind Flüchtlinge unterwegs, die vor Krieg und Verfolgung fliehen und in der Hoffnung auf Sicherheit nach Europa kommen - dort dann allerdings Opfer von Menschenrechtsverletzungen sowie Ausbeutung werden und einem gescheiterten Asylsystem zum Opfer fallen."


Zusammengefasst: Tausende Flüchtlinge versuchen über die Länder des westlichen Balkans nach Mitteleuropa zu gelangen. Statt eines rechtsstaatlichen Asylverfahrens sind sie dort laut Amnesty International jedoch häufig Polizeiwillkür, Misshandlungen und Erpressung ausgesetzt. Verantwortlich dafür sind nicht nur die politischen Krisen der Region - sondern auch die Asylpolitik der Europäischen Union.

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