Menschenrechtler Amnesty wirft Ägypten Folter und Entführung von Kritikern vor

Ägyptische Sicherheitskräfte verschleppen täglich drei bis vier Menschen - das meldet Amnesty International. Demnach werden Gefangene gefoltert und über Wochen festgehalten, darunter offenbar auch Kinder.


Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) wirft den ägyptischen Sicherheitsbehörden vor, Hunderte Regierungskritiker verschleppt und gefoltert zu haben. Seit Anfang vergangenen Jahres habe die Zahl der Menschenrechtsverletzungen massiv zugenommen, heißt es in einem aktuellen Bericht. Der ägyptische Geheimdienst gehe unter dem Deckmantel des Anti-Terror-Kampfes rücksichtslos gegen Studenten, politische Aktivisten und Demonstranten vor, um sie zum Schweigen zu bringen, sagte der AI-Regionaldirektor für den Nahen Osten, Philip Luther.

Viele der Festgenommenen würden für Monate weggesperrt, ohne Angehörige zu informieren, sagte Luther. Teilweise seien auch Kinder im Alter von 14 Jahren darunter. Der Bericht beschäftigt sich zudem detailliert mit Folter: Demnach sind Fälle bekannt, in denen die ägyptischen Sicherheitskräfte mit Elektroschocks, Schlägen und Vergewaltigung versucht hätten, Geständnisse zu bekommen.

Der Bericht setzt sich intensiv mit 17 Fällen auseinander, in denen die Schicksale der Verhafteten nachgezeichnet werden. Amnesty schätzt, dass im Gefängnis des Geheimdiensts in Kairo sowie in Alexandria Hunderte Menschen festgehalten werden. Pro Tag würden im Schnitt drei bis vier Menschen von Sicherheitskräften verschleppt, heißt es in dem AI-Bericht unter Verweis auf örtliche Nichtregierungsorganisationen.

Vorwürfe gegen die Justiz und Sisi

Der ägyptischen Justiz wirft Amnesty vor, die Praktiken mitzutragen und durch falsche Angaben in den Unterlagen zu decken. Präsident Abdel Fattah el-Sisi müsse "alle staatlichen Sicherheitsbehörden dazu auffordern, Verschleppung und Folter zu beenden", sagte Luther.

Auch das Europaparlament hatte die Menschenrechtslage in Ägypten im März scharf kritisiert. Damals war der italienische Doktorand Giulio Regeni verschwunden und zu Tode gekommen. Der Körper des 28-Jährigen wies Zeichen schwerster Misshandlungen auf, darunter ausgerissene Finger- und Fußnägel (mehr zum Tod Regenis und zu den Reaktionen der ägyptischen Behörden lesen Sie hier). Die ägyptische Regierung hat immer wieder erklärt, dass die Sicherheitsbehörden niemanden verschleppten und sie sich an die rechtlichen Rahmenbedingungen hielten.

aar/dpa/Reuters



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