Amnesty-Report zu Nordkorea Kim rüstet auf - sein Volk hungert

Alarmierende Zeichen aus Nordkorea: Im neuen Jahresbericht dokumentiert Amnesty International, wie verheerend die Lage für die Bevölkerung in Kim Jong Ils Reich ist. Hunger grassiert, internationale Hilfe kommt nicht an, jeder Protest und jeder Kontakt mit dem Rest der Welt werden unmöglich gemacht.
Von Zacharias Zacharakis

Berlin - Die Familien trifft es am härtesten. Drei Viertel aller Haushalte in Nordkorea haben nach Angaben von Amnesty International 2008 ihre Nahrungsmittelrationen reduzieren müssen. Diktator Kim Jong Il könne seine Bevölkerung schon lange nicht mehr mit genügend Lebensmitteln versorgen, sagt Nicolas Beger, Leiter des EU-Büros von Amnesty International.

Er stellte jetzt in Berlin den aktuellen Jahresbericht seiner Organisation vor und hatte wenig Erfreuliches zu verkünden - insbesondere zur Situation in Nordkorea.

"Man kann davon ausgehen, dass dort viele Millionen Menschen von Hunger bedroht sind", sagt Beger. Genaue Zahlen kann er nicht nennen, da weder Amnesty noch viele andere staatlich unabhängige Organisationen Zugang zu Nordkorea haben.

Beger beklagt, dass "es mittlerweile fast unmöglich ist, aus dem Land heraus zu telefonieren". Die Regierung unterbinde Ferngespräche, um Nachrichten über die akute Nahrungsmittelknappheit nicht in die Welt dringen zu lassen.

Während Diktator Kim Jong Il die internationale Staatengemeinschaft mit Atomwaffentests und Drohungen gegen den verhassten Klassenfeind Südkorea provoziert, verzeichnet Amnesty International in seinem Bericht einen drastischen Rückgang der Produktion und der Einfuhr von Nahrungsmitteln.

Dabei war Nordkorea schon immer auf Lebensmittelimporte angewiesen. Auch unter guten Bedingungen kann die eigene Landwirtschaft lediglich 80 Prozent der erforderlichen Mengen produzieren. Es stehen schlicht nicht genügend Agrarflächen zur Verfügung. Im Amnesty-Bericht heißt es dazu: "Viele Menschen sehen sich gezwungen, nach wild wachsenden Pflanzen zu suchen, die einen niedrigen Nährwert haben und Verdauungsprobleme verursachen."

Für Beger verstößt Kim Jong Il mit seinem Verhalten gegen eine der elementarsten völkerrechtlichen Bestimmungen: das Recht auf Nahrung. "Internationale Hilfe wird entweder nicht verteilt und oft gar nicht angenommen", sagt der Amnesty-Mann.

Statt die Ernährung der 23 Millionen Menschen in seinem Land sicherzustellen, unterhält der Diktator lieber ein teures Atomwaffenprogramm und die im Vergleich zur Bevölkerung größte Armee der Welt. 1,2 Millionen Soldaten stehen im Dienste des kommunistischen Regimes. Angesichts dieser Prioritätensetzung sei kaum verwunderlich, dass sich Kim Jong Il wenig um die Einhaltung von politischen Menschenrechten schert, sagt Sam Zarifi, Asien-Experte bei Amnesty in London.

"Wir wissen von Menschen, die nach China geflüchtet sind. Viele aber werden von den Chinesen zurück nach Nordkorea geschickt und dort zu Zwangsarbeit verurteilt", berichtet Zarifi. Im Februar 2008 wurden dem Amnesty-Bericht zufolge 15 Personen wegen illegalen Grenzüberschritts nach China öffentlich exekutiert, was offenbar anderen Grenzverletzern als Warnung dienen sollte.

"Ein Recht auf freie Meinungsäußerung existiert in Nordkorea nicht", sagt Zarifi. "Es ist wohl der stillste Ort auf dem Planeten." Die Regierung übe eine rigide Kontrolle über die Medien aus und schränke auch die Religionsausübung massiv ein. Nach Informationen von Amnesty nehmen die örtlichen Behörden Personen in Haft, die südkoreanische Videos anschauen oder nicht genehmigte Mobiltelefone besitzen.

Asien-Experte Zarifi sieht im Umgang der internationalen Staatengemeinschaft mit Nordkorea "eines der vertracktesten Probleme unsere Zeit". Sanktionen gegen das verarmte Land würden die Lage der Bevölkerung weiter verschlechtern. "Die chinesische und die russische Regierung müssen sich stärker engagieren", sagt Zarifi. Diese beiden Staaten könnten am ehesten das Vertrauen Kim Jong Ils gewinnen, um ihn zu Reformen und einer Öffnung des Landes zu bewegen.