Amnesty-Bericht Wie das Assad-Regime in Aleppo tötet und foltert

Brutal und rücksichtslos ging das Assad-Regime bisher schon gegen Protestierende in Aleppo vor. Dieses Urteil fällt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. In der Großstadt wird erbittert gekämpft, Tausende Bewohner sitzen noch immer zwischen den Fronten fest.
Syrische Rebellen tragen einen Verwundeten in Aleppo: Erbitterte Kämpfe

Syrische Rebellen tragen einen Verwundeten in Aleppo: Erbitterte Kämpfe

Foto: Pierre Torres/ AFP

London/Damaskus - In Syrien geht die Armee von Diktator Baschar al-Assad offenbar auch massiv gegen die Zivilbevölkerung der umkämpften Großstadt Aleppo vor. Amnesty International berichtet von zahlreichen unbeteiligten Opfern. Wie es in einem neuen Bericht der Menschenrechtsorganisation  heißt, sind viele junge Männer, aber auch Kinder und ältere Menschen von Regierungstruppen oder verbündeten Milizen erschossen worden. Einige der Opfer hätten lediglich eine Demonstration am Straßenrand verfolgt, heißt es in dem Report.

Laut Amnesty wurden die Familien der Toten von den Behörden genötigt, zu erklären, ihre Angehörigen seien von Terroristen getötet worden. Auf Proteste habe die Staatssicherheit mit rücksichtslosem und brutalem Einsatz von Gewalt reagiert. Verletzte Demonstranten seien gejagt, Verhaftete routinemäßig gefoltert worden.

Der Bericht der Menschenrechtler basiert auf Recherchen von Ende Mai in Aleppo:

  • Zu den Opfern gehören demnach nicht nur Teilnehmer der Kundgebungen, sondern auch unbeteiligte Zivilisten, darunter Kinder, prangert Amnesty an. Der Bericht beschreibt etwa, wie ein 13-Jähriger auf dem Nachhauseweg von der Schule an einer Demonstration vorbeikam und von einem Mitglied der Regierungstruppen erschossen wurde.
  • In Gefahr seien auch jene, die die Proteste lediglich filmen oder Verwundete aus der Menge ziehen würden, heißt es weiter. Amnesty führt Fälle von Beobachtern an, die in die Schusslinie der Regierungstruppen gelangt seien. Armee und regimetreue Milizionäre würden zudem gezielt Jagd auf Verwundete machen.
  • Ärzte, Krankenschwestern und Rettungskräfte, die verletzte Demonstranten behandelten, liefen ständig Gefahr, Opfer der staatlichen Gewalt zu werden, so die Aktivisten. "Mit Medikamenten erwischt zu werden ist schlimmer, als mit Waffen erwischt zu werden", zitiert Amnesty einen Helfer in einer der provisorischen Straßenkliniken.
  • Verhaftete Assad-Gegner würden bedroht, misshandelt und - in einigen Fällen - zu Tode gefoltert, heißt es weiter. Zudem seien Angehörige genötigt worden, Erklärungen zu unterschreiben, in denen "terroristische Banden" für den Tod ihrer Familienmitglieder verantwortlich gemacht werden.

Assad motiviert seine Truppen

Am Mittwoch meldete sich Syriens Präsident Assad nach zwei Wochen erstmals wieder öffentlich zu Wort. In einer schriftlichen Erklärung, aus der die Nachrichtenagentur Reuters zitierte, erklärte er, dass der Kampf gegen die Rebellen Syriens Schicksal entscheide. "Das Schicksal unseres Volkes und unserer Nation - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - hängt von dieser Schlacht ab", erklärte Assad. Er pries die Kampfbereitschaft seiner Soldaten gegen die Aufständischen, die er als "kriminelle Terroristenbanden" bezeichnete. Die Soldaten seien die Anwälte der Werte des Volkes, so der Diktator weiter.

In Aleppo versuchen die Regierungstruppen seit Samstag, die Aufständischen mit einer Großoffensive aus der strategisch wichtigen Handelsstadt zurückzudrängen. In dem Angriff der Assad-Soldaten auf die Stadt sieht Amnesty den Höhepunkt eines monatelangen brutalen Vorgehens gegen Andersdenkende.

Fronten mitten durch Wohngebiete

Zehntausende Zivilisten sind auf der Flucht, viele Tausende sitzen noch zwischen den Fronten fest, die sich unübersichtlich mitten durch Wohngebiete ziehen. Nach Uno-Angaben leiden mindestens zwei Millionen Menschen unter der Gewalt im Land. Regimetruppen und Aufständische lieferten sich am Dienstag erbitterte Gefechte.

Nach Angaben von Aktivisten droht eine humanitäre Katastrophe. Mindestens 70 Menschen starben den Informationen zufolge in Syrien binnen weniger Stunden. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Angaben derzeit nicht. Allein etwa 40 Polizisten sollen nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter in Aleppo getötet worden sein, als Hunderte Rebellen in mehrstündigen Kämpfen zwei Polizeistationen in den Vierteln Salihin und Bab al-Nairab eroberten.

heb/amz/dpa/dapd/Reuters
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